Daniela Krien: Der Brand © Diogenes
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Roman - Daniela Krien: "Der Brand"

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Der Start ins Schaftstellerinnen-Leben war für die studierte Kultur-, Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin etwas mühsam. Zwar sorgte die 1975 in Neu Kaliß geborene Daniela Krien mit ihren ersten beiden Büchern bei den Kritikern für Aufmerksamkeit. In die richtige Erfolgsspur kam die Autorin aber erst mit dem Roman "Die Liebe im Ernstfall", der zu einen fulminanten Bestseller avancierte, in siebzehn Sprachen übersetzt wurde und Daniela Krien den Sächsischen Literaturpreis einbrachte. Jetzt hat sie mit "Der Brand" einen neuen Roman nachgelegt.

Es brennt an allen Ecken und Enden, gesellschaftlich, sprachlich, privat. Das Coronavirus wütet und zerfrisst allmählich alle privaten Lebensentwürfe und gesellschaftlichen Zusammenhänge, raubt manchen die Arbeit, stürzt viele in Isolation und Einsamkeit. Und eine 30-jährige Ehe, um die sich alles dreht und alle Probleme zum Vorschein bringt, ist gerade dabei, an der bitteren Wirklichkeit und dem schnöden Alltag zu scheitern, in Flammen aufzugehen und zu verbrennen.

Eine kaputte Beziehung und ein Brand

Ob in der Asche der kaputten Beziehung von Rahel und Peter noch Leben zu finden ist, Gefühle, die man wieder erwecken und für eine neue Liebe nutzbar machen könnte: darum geht es in dem weit gefächerten Roman, der zeitlich vor- und zurückgreift und sich dann auf drei Wochen konzentriert, in denen das Dresdner Ehepaar in ihrem Urlaub sich nicht nur erholen, sondern auch an ihre Ehe arbeiten wollen.

Wie schwierig das Unterfangen ist, wird gleich zu Anfang klar: die Hütte in den Alpen, in die sich das Paar zurückziehen will, um durchzuatmen, die Natur zu genießen, Corona zu vergessen und sich darüber zu verständigen, ob eine gemeinsame Zukunft noch denkbar ist, fällt einem verheerenden Brand zum Opfer. Jetzt ist guter Rat teuer. Aber wenn nichts mehr geht, hilft ja oft ein alter literarischer Bekannter: der pure Zufall.

Daniela Krien; © Carsten Kampf
Bild: Carsten Kampf

Reise in verborgene Gefühlslandschaften

Kaum hat Rahel die Nachricht vom abgebrannten Feriendomizil erhalten, klingelt das Telefon erneut. Ruth, eine alte Freundin und zugleich eine Ziehmutter für die aus schwierigen familiären Verhältnissen stammende Rahel, bittet um Hilfe. Ihr Mann, der Künstler Viktor, hat einen Schlaganfall erlitten, ist zur Reha nach Ahrenshoop an die Ostsee geschickt worden. Weil Ruth ihrem Mann nahe sein möchte, bittet sie Rahel und Peter, für drei Wochen auf ihren Bauernhof in der Uckermark zu kommen und auf die dort ihr Gnadenbrot fressenden Tiere aufzupassen.

Die Auszeit auf dem weitläufigen Hof, der zugleich Tierasyl und Kunstrefugium ist und allerlei gut gehütete Geheimnisse bereit hält, wird für das Ehepaar zu einer Reise in verborgene Gefühlslandschaften, zu einem Abstieg in verdrängte Ängste einer verunsicherten Existenz in Zeiten von Pandemie und korrektem Sprachgebrauch.

Wutausbrüche und sexuelle Frustration

Wir erfahren alles aus dem Blickwinkel von Rahel: Sie ist zwar nicht die Ich-Erzählerin, aber die Figur, mit deren Augen alles gesehen, erinnert, bewertet wird. Rahel ist Gesprächstherapeutin, kennt die Fallstricke der Verdrängung und die Schmerzen des Vergessens: Sie wird die Zeit auf dem Bauernhof dazu nutzen, ihre Gedanken tagebuchartig festzuhalten, mit psychologischem Besteck ihre Gefühle zu sezieren, um herauszufinden, warum die Ehe nach dreißig Jahren erschlafft ist, warum Peters feiner Humor "nun öfter ins Zynische" kippt, "an die Stelle ihrer lebhaften Gespräche" eine "distinguierte Freundlichkeit getreten" ist und das für Rahel Schlimmste geschehen ist: dass Peter aufgehört hat, "mit ihr zu schlafen."

Die beiden werden heftig streiten und viele Flaschen Rotwein trinken, sie werden die Kurzbesuche ihrer unerwartet anreisenden, längst erwachsenen Kinder Selma und Simon aushalten, die ihre eigenen Probleme mitbringen und bei ihren Eltern abladen, die eigentlich gar keine Lust mehr haben, sich in ihre selbstsüchtige und chaotische Tochter und ihren angepassten und strebsamen Sohn hineinzuversetzen.

Die zu Wutausbrüchen neigende und sexuell frustrierte Rahel wird allmählich verstehen, dass Erotik für den vergeistigten Literaturwissenschaftler Peter nur eine Nebensache ist, dass er es nicht verwinden kann, von seiner Frau, als er ihre Unterstützung am nötigsten hatte, nur schulterzuckendes Unverständnis und den genervten Kommentar erhielt, er möge sich und seine Befindlichkeit doch bitte nicht so Ernst nehmen.

Antworten und Lösungen sind rar

In einem seiner Seminare hatte er eine Studierende mit einem multiplen Geschlechtsverständnis als "Frau" (so wie es in der Teilnehmerliste offiziell vermerkt war) angesprochen und prompt für einen Aufschrei der Empörung gesorgt. Gebrandmarkt als vorgestriger Macho, dessen Seminare Herrschaftswissen von Männern widerspiegeln, musste er in den sozialen Netzwerken ein Shitstorm ertragen, sich vor Uni-Ausschüssen für sein "sprachliches Vergehen", sein "unsensibles Verhalten" rechtfertigen, zusagen, in Zukunft mehr Rücksicht auf Gender-Sternchen und Diversity-Ausdrücke zu nehmen.

Danach hat sich Peter in sein intellektuelles Schneckenhaus zurückgezogen und kann Berührungen und Beischlaf nicht mehr aushalten. Das Dickicht der Probleme wird nicht kleiner, als die in Viktors verwaister Werkstatt herumstöbernde Rahel Zeichnungen entdeckt, auf denen sie sich selbst wiedererkennt, Werke, die von großer Nähe des Künstlers zum Objekt seiner Begierde künden: Rahel, die ihren Vater nie kannte, fragt sich plötzlich, ob sie vielleicht Viktors Tochter ist.

Aber die Wahrheit ist ein weites Feld, die Lüge ein sanftes Ruhekissen. Antworten und Lösungen sind rar. Wer das richtige Leben im falschen sucht, muss die Hoffnung auf bessere Zeiten vertagen oder eine alte Gunderman-CD einlegen, den Lautstärkeregler beim Refrain von Rahels Lieblingslied hochdrehen:

"Immer wieder wächst das Gras, / wild und hoch und grün, / bis die Sensen ohne Hast / ihre Kreise ziehn."

Eine arg bemühte Geschichte

Vieles liest sich wie ein psychologisches Gutachten, eine klinische Fallstudie, seltsam verschachtelt und vermengt mit einem politischen Kommentar über die Verirrungen des Zeitgeistes. Bei "Die Liebe im Ernstfall" war es Daniela Krien gelungen, kunstvoll die Schicksale verschiedener Menschen mit ihren Alltags- und Liebesproblemen zu verflechten, Geschichten und Figuren zu kreieren, Wahrhaftigkeit und Intimität, Distanz und Nähe symbiotisch zu vereinen. In "Der Brand" kommt sie aber beim Versuch, aktuelle gesellschaftliche Probleme und zeitlos emotionale Verrenkungen miteinander zu verbinden, nur selten übers Klischee hinaus. Die Geschichte wirkt oft arg bemüht, die Figuren wie auf dem literarischen Zeichenbrett mit dem Lineal konstruiert.

Der Roman ist nicht missglückt, aber doch eine kleine Enttäuschung.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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