Eckart von Hirschhausen: Mensch, Erde! © dtv
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Sachbuch - Eckart von Hirschhausen: "Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben"

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Sie wissen nicht, was ein "subjektives Sachbuch" ist? Kein Wunder. Auch die Suchmaschinen im Internet kennen keine solche Gattung. Aber das könnte sich bald ändern. Denn nun hat Eckart von Hirschhausen sein neues Werk "Mensch, Erde!" ein "subjektives Sachbuch" genannt – und das ist ein Bestseller.

Im Übrigen ist die Titulierung stimmig: Die Menge der Fakten und deren erwartbar flotte Aufbereitung machen "Mensch, Erde!" zu einem ordnungsgemäßen Sachbuch; die Dauerpräsenz von Hirschhausens Urteilen, Ratschlägen und Bekenntnissen samt der Mixtur von Wissenschaftlichem, Anekdotischem, Persönlichem und Humoristischem sorgen jederzeit für die subjektive Schlagseite.

Im Kern ist das Buch ein ernstzunehmendes Plädoyer für äußerste Anstrengungen im Kampf gegen den Klimawandel und für mehr Umweltschutz – und zwar um der Menschheit willen: "Wir müssen nicht das Klima retten, sondern uns."

Darüber hinaus gebärdet sich der Performer Hirschhausen, wie man ihn kennt. Er hält so ziemlich alles für mitteilenswert, was er denkt, erlebt und beobachtet. Seine Fans werden das schätzen.

Ein "Spät-Bekehrter" in Sachen Klimaschutz

Hirschhausen ist in Sachen Klimaschutz ein Spät-Bekehrter. Er bekennt, dass er erst durch Urlaubserlebnisse in den letzten Jahren den Ernst der Lage richtig begriffen hat, dass nämlich der Verlust unserer Lebensgrundlagen in vollem Gange ist und täglich und stündlich Irreversibles geschieht. Ihm ist bekannt, dass Weltuntergangs-Szenarien eine lange Tradition haben und wir trotzdem noch da sind, aber er ist sich sicher: Dieses Mal gilt's wirklich, unsere Zukunft steht komplett auf dem Spiel!

Die gute Nachricht, die man jetzt oft hört, hört man auch von ihm: Noch können wir viel Übles durch sofortiges und striktes Handeln abwenden – jeder Einzelne für sich und die Politik für uns alle.

Das methodische Problem, dass Milliarden Menschen objektiv andere Sorgen haben als den Klimaschutz, aber trotzdem oder sogar gerade deshalb am Raubbau an der Natur teilhaben und die Folgen besonders hart zu spüren bekommen, lässt er weitgehend beiseite.

Hirschhausen hat wenig Lust auf das Abwägen von (Gegen-)Argumenten

Um nähere Inhalte wenigstens anzureißen: Hirschhausen erklärt die berüchtigten "Kipppunkte", an denen innerhalb des Klimasystems kleine Veränderungen verheerende Auswirkungen aufs Ganze haben. Er regt sich, erkennbar ohne Hintergrundwissen, fürchterlich und auch fürchterlich klischeehaft über SUVs auf, geht mit Rindfleisch-Essern milder ins Gericht und deutet zumindest zart an, dass der Gebrauch von Smartphones und der Konsum gestreamter Filme in puncto CO2-Emission auch keine kleinen Sünden sind.

Er spottet über teure Mineralwässer und empfiehlt Leitungswasser. Er malt die Plastikmüll-Katastrophe in giftigen Farben aus und unterstreicht die ökologische Misslichkeit des Avocado-Verzehrs. Er hält es für bewiesen, dass Atomkraft ein Irrweg ist, ohne andere Stimmen zuzulassen.

Generell hat Hirschhausen wenig Lust auf das langwierige Abwägen von (Gegen-)Argumenten. Er breitet gut vorsortierte Erkenntnisse so aus, dass sie allem Zweifel enthoben sind oder zumindest enthoben scheinen. Und zwischendurch trifft er Mitstreiter wie Jane Goodall, Ernst Ulrich von Weizsäcker, Jared Diamond, Sven Plöger und Sarah Wiener, um ihnen das Wort zu reichen – das man dann auch gern in den Podcasts des multimedial talentierten Hirschhausen nachhören kann.

Sonderfall Humor

Keine Frage: Hirschhausen strahlt bei vollem Bewusstsein des menschengemachten Unheils eine natürliche Lebensfreude aus – und dokumentiert sie durch viele nette Fotos, die ihn in gehobener Laune zeigen. Deshalb kann er sicher mehr für die gute Sache erreichen als Griesgrame, die im aggressiv-essigsauren Weltgerichtshofton auf die Wohlstandsgesellschaft losgehen.

Hirschhausen rechnet mit dem Allzumenschlichen und erteilt den Adressaten seines Buches schon vorab die Absolution: "Man kann gar nicht alles richtig machen. Muss man auch nicht."

Ein Sonderfall ist Hirschhausens Humor, genauer: sein Sprachwitz. Die Aufschrift auf dem Buchdeckel - "3 Krisen zum Preis von 2" - zeigt bereits: Hier fühlt sich einer in den Untergeschossen der Flapsigkeit wohl. Hirschhausen kalauert: "Hätte, hätte, Herrentoilette."

Er seufzt: "Man kann nicht alle glücklich machen, man ist ja kein Nutella-Glas."

Was den Geschmack von Soja angeht, findet er: "Soja klingt schon ein bisschen wie So-na-ja" – was leider nicht stimmt und nicht einmal als Sparwitz zündet. Und was ist der einzige Vorteil der Hitzewellen? "Man kann Hackfleisch in die Luft werfen und Frikadellen auffangen."

Okay, wenn Sie jetzt lachen, geht der Punkt halt an Hirschhausen.

Ein hoffnungsvolles Ende im Prediger-Ton

"Mensch, Erde!" ist der Versuch, im Durchgang durch unzählige Einzelheiten ein Gesamtbild der Umweltkrise und der Menschen in der Krise zu entwerfen. Am Ende artikuliert sich Hirschhausen im Prediger-Ton, singt das hohe Lied der Liebe, erträumt sich für das Jahr 2050 eine Erde, der es schon wieder besser geht, und gibt bekannt, dass bei der Herstellung des Buches "alle Ebenen der Nachhaltigkeit" berücksichtigt wurden.

Glückwunsch dazu! Aber was, wenn die Menschen trotz Hirschhausens Ermunterungen die Schubumkehr nicht hinkriegen? Dann sind sie selber dafür verantwortlich, klar. Friedrich Nietzsche hätte ihnen das nicht unbedingt zum Vorwurf gemacht; er ließ Zarathustra sagen: "Was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist."

Eine Perspektive, die etwas Entlastendes hat – aber dem patenten Hirschhausen nie in den Sinn käme.

Arno Orzessek, rbbKultur

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