John von Düffel: Die Wütenden und die Schuldigen © DuMont
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Roman - John von Düffel: "Die Wütenden und die Schuldigen"

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In seinem neuen Roman "Die Wütenden und die Schuldigen" zeichnet John von Düffel das Porträt einer Familie, die sich vor allem und immer schon über Abwesenheiten und Distanzverhältnisse definierte und wo man sich eher aus dem Weg zu gehen pflegte, als Nähe zu suchen. Die Handlung spielt während des ersten Corona-Lockdowns im Jahr 2020.

Womöglich wird die Corona-Zeit als gute Zeit für Erzähler in Erinnerung bleiben, und das nicht nur deshalb, weil sie die Ruhe erzeugte, die man zum Schreiben braucht. Die Pandemie legte darüber hinaus gesellschaftliche und ökonomische Schwachstellen bloß, machte Brüche in Familiengefügen und blinde Stellen in Biografien sichtbar. Der Lockdown stellte die Menschen still, so dass sie dort bleiben und ausharren mussten, wo sie gerade waren.

Nach Juli Zeh, die diesen Moment zumindest als Ausgangspunkt ihres Romans "Über Menschen" für eine coronaindizierte Beziehungskrise nutzte, legt John von Düffel nun einen ganzen Corona-Roman vor, der während des ersten Lockdown im Jahr 2020 spielt.

Ein letzter Wunsch

Der Tod droht allerdings nicht durch das Virus, sondern auf althergebrachte Art durch Krebs. Richard, der Großvater der Familie, Pfarrer in der Uckermark, hat nicht mehr lange zu leben, vielleicht nur noch ein paar Tage, so dass seine Enkelin Selma zu ihm fährt. Begleitet wird sie von einer Palliativmedizinerin, die mit einem Koffer voller schmerzlindernder Drogen reist.

Doch am Ende des Buches lebt der alte Mann immer noch und statt seiner wurde der altersschwache Kater Morpheus operiert, während Selma Bekanntschaft mit der uckermärkischen Dorfjugend machen muss. Richard hat als Pfarrer schon lange nicht mehr an Gott glauben können, aber wohl noch an die Gläubigkeit selbst. Sein letzter Wunsch ist, sich mit seinem Sohn zu versöhnen, wobei er aber den Sohn mit dem Enkel verwechselt.

Eintauchen in die Familiengeschichte

Dieser, Selmas Bruder Jakob hat, bevor er in der Uckermark strandet, in Berlin mit dem Ende seiner Liebesbeziehung zu kämpfen und hat sich zugleich in seine Kunstprofessorin verliebt, die detailversessen ein Bild seines Penis malt. Selmas und Jakobs Mutter Maria, Anästhesistin in der Charité, steckt unterdessen in der Quarantäne fest, die sie jedoch vorschriftswidrig nicht in der eigenen Wohnung verbringt, sondern in der des israelischen Botschafters eine Etage über ihr, wo sie sich mit einem alten Rabbi anfreundet. Mit ihm taucht sie in ihre Familiengeschichte ein und offenbart eine andere Art der Distanz: Ihr Großvater war Jude. In der Zeit des Nationalsozialismus verließ er Frau und Kinder, um sie nicht zu gefährden und wurde anschließend aus allen Erinnerungen gestrichen. Für Maria ist das "unsere größte Schuld."

Schuld und Wut

John von Düffels kurzweiliger, humorvoller und temporeicher Roman kreist immer wieder um die Frage der Schuld und eine seltsame Wut, die sich daraus speist. Es ist die Wut derer, die sich anpassen und sich "zum Verschwinden bringen müssen, um zu überleben", heißt es einmal. Doch die Wut scheint sich über die Generationen hinweg fortzupflanzen.

Das scheint auch Marias Ex-Mann Norbert, Sohn des todkranken Pfarrers Richard, so empfunden zu haben, der sich das Leben nehmen wollte und seither in der Psychiatrie in Berlin-Buch lebt. Er ist das abwesende Zentrum des Romans. Über die Gedanken zu ihm hin sind alle Familienmitglieder verknüpft, so wenig sie auch sonst miteinander zu tun haben.

Die Wütenden und die Schuldigen

Die Wütenden und die Schuldigen, die dem Roman den Titel gegeben haben, sind also ein und dieselben. Es ist die Palliativmedizinerin, die aus ihrer Erfahrung heraus berichtet, dass es zwei Arten von Sterbenden gibt: eben die Wütenden und die Schuldigen. Doch beide kommen nie in Reinform vor, sondern in wechselnden Mischungsverhältnissen.

"Die Wütenden und die Schuldigen" ist ein kluger, unterhaltsamer, gut durchkomponierter Gesellschafts- und Familienroman, der sich leichterhand den schwierigen, letzten Fragen des Lebens widmet und dabei immer wieder schöne, überraschende Einsichten ermöglicht.

Jörg Magenau, rbbKultur

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