Sigrid Nunez: Was fehlt dir © Aufbau
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Roman - Sigrid Nunez: "Was fehlt dir"

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Die New Yorker Schriftstellerin Sigrid Nunez ist bei uns mit dem Besteller "Der Freund" bekannt geworden, wo sie über ihre Beziehung zu einer Dogge berichtete, die ihr ein alter Freund nach seinem Tod vererbt hat und mit der sie ihr kleines New Yorker Appartment teilte. Im vergangenen Jahr erschienen ihre Erinnerungen an Susan Sontag, und jetzt liegt ein neuer Roman von ihr vor: "Was fehlt dir".

Der deutsche Titel drückt einen Mangel aus: "Was fehlt dir". Im amerikanischen Original heißt das neue Buch von Sigrid Nunez "Where Are You Going Through", was weniger das Leiden als die Kraft des Überstehens betont, und was sich mit "Wo gehst du durch" oder "Was bringst du hinter dich" übersetzen ließe.

Vorangestellt ist dem ersten von drei Kapiteln ein Motto von Simone Weil: "Die Fülle der Nächstenliebe besteht einfach in der Fähigkeit, den Nächsten fragen zu können, welches Leiden quält dich."

Essay über Alter, Liebe und Tod

Man kann "Was fehlt dir" als Bericht darüber lesen, wie diese nüchterne Frage zu stellen ist und wie sich über das, worunter Menschen leiden und woran sie sterben, schreiben lässt. Davon, dass Sigrid Nunez am Schreiben darüber gescheitert sei, wie sie mit dem letzten Satz des Buches ein wenig kokett behauptet, kann keine Rede sein. Ein Roman jedoch ist nicht daraus geworden.

Eher handelt es sich um einen Essay über Alter, Liebe und Tod mit vielen erzählerischen Abschweifungen; eine literarische Erkundung der Empathie in kleinen Geschichten; eine autobiografisch grundierte Reportage, die aber lange, fast bis zur Mitte des Buches, braucht, um ihr eigentliches Thema zu finden:

Eine Freundin der Erzählerin ist an Krebs erkrankt und wird daran sterben. Mit Tabletten will sie aber den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen und bittet die Erzählerin, bis dahin in ihrer Nähe zu bleiben, um im Tod nicht allein zu sein. Wann dieser Moment gekommen sein wird, lässt sie offen.

Den Schmerz des Anderen verstehen, teilen und beschreiben

Also fahren die beiden Frauen an die amerikanische Ostküste, um dort ein paar Wochen und vielleicht den letzten Tag zu verbringen, kehren dann aber in die Wohnung der Sterbenden zurück, verstehen sich immer besser, freunden sich immer intensiver an, indem sie sich so sein lassen, wie sie sind. Gerade weil sie sich nicht zuvor nicht allzu nahe gewesen sind, ist nun so etwas wie Begleitung und Neugier ohne sentimentalisches Mitleid möglich.

Mitzuleiden ist ja unmöglich, weil der Schmerz immer der Schmerz des Anderen bleibt. Verstehen aber lässt er sich durchaus und damit auch teilen und beschreiben.

Nunez interssiert sich vor allem für Frauenschicksale

Nunez interessiert sich in diesem Buch vor allem für Frauenschicksale. Männer – so wie der "Ex", ein berühmter Professor, der mit apokalyptischen Vorträgen über Klima, Viren, Terror usw. herumreist – beweisen in ihrer Kälte und Härte allenfalls, dass sie "kein Mitleid mit Menschen haben".

Die Erzählerin äußert ihm gegenüber jedoch den auch nicht gerade emphatischen Satz: "Noch schwieriger, als sich selbst alt werden zu sehen, ist es, jemanden alt werden zu sehen, den man geliebt hat."

Altwerden als wiederkehrendes Thema

Der kühle, unbestechliche Blick gehört zu der von Nunez kultivierten Form der Empathie unbedingt dazu. Genau daraus zieht ihr Text seine Kraft – und aus einer nonchalanten Haltung, die der Larmoyanz entgegengesetzt ist und kleine provokante Bemerkungen ermöglicht wie die, dass das Sterben sich am Ende als eine ziemlich langweilige Sache herausstellen könnte.

Das Altwerden als Problem vor allem der Frauen ist ein wiederkehrendes Thema. Da ist die alte Frau, die sich vergeblich nach einem Liebhaber sehnt. Da ist eine andere im Fitnesstudio, die einem Schlankheitswahn hinterherläuft. Da ist die alte Nachbarin, die an paranoiden Wahnzuständen leidet und nur noch von ihrem Sohn besucht wird. Da ist eine Frau, die, selbst unheilbar krank, entdeckt, wie ihr Mann mit der Aussicht ihres Todes auflebt und geradezu glücklich wird.

"Geschichten von Frauen sind häufig traurige Geschichten", sagt Nunez, die ihre Hauptgeschichte von der krebskranken Freundin in viele solche traurigen Geschichten einbettet.

Ein Buch über das Leben

Dazu zitiert sie Ingeborg Bachmann, Angela Carter oder Leonora Carrington und ziemlich breit aus einem Krimi von Patricia Highsmith. Mit ihnen und vielen anderen vollzieht Nunez ihr offenes Nachdenken. Das Ende aber, den Tod ihrer Freundin, bleibt sie als Erzählerin schuldig. So endet das Buch mit dem Eingeständnis des Scheiterns.

Anstatt über den Tod hat Sigrid Nunez ein Buch über das Leben geschrieben, ganz so, wie sie die wunderbare Inger Christensen zitiert: "Ein Leben hätte auch anders verlaufen können, aber erst, nachdem es gelebt wurde."

Jörg Magenau, rbbKultur

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