Anna Kaminsky (Hrsg.): Die Berliner Mauer in der Welt © Bundesstiftung Aufarbeitung
Bild: Bundesstiftung Aufarbeitung

60 Jahre Mauerbau - Anna Kaminsky (Hrsg.): "Die Berliner Mauer in der Welt"

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Vor 60 Jahren begann das SED-Regime mit der Bau der Berliner Mauer und zementierte damit nicht nur die Teilung Deutschlands, sondern auch den Kalten Krieg der Großmächte. Ein politisches Monstrum, so schien es, für die Ewigkeit. Dass der Ostblock dann 1989 so rasant kollabierte und die Mauer innerhalb von Wochen zerbröselte und abgeräumt wurde, gleicht einem Wunder. Für alle, die sich fragen, wo genau denn eigentlich die Mauer stand und wo all die Mauer-Reste geblieben sind, finden die Antworten darauf im Buch "Die Berliner Mauer in der Welt".

Während man sich hierzulande der Mauer in Wendezeiten schnellmöglich entledigte und die Mauer-Segmente entsorgte oder zerstörte, war das Interesse draußen in der weiten Welt an den Mauer-Resten um so größer: als geschichtsträchtige Erinnerungsstücke, als Trophäen vom Sieg der Freiheit und des Kapitalismus, als Kunstobjekte, die mit bunten Graffiti versehen waren und man für neue Kunst-Installationen nutzen konnte.

Auf der Suche nach Mauer-Resten

Erst 15 Jahre nach dem Fall der Mauer, als fast nichts mehr an die Teilung im Berliner Stadtbild erinnerte, hat man angefangen, auch hier wieder nach Mauer-Resten zu suchen, die Teilung wieder nachvollziehbar und die Mauer-Orte und Mauer-Reste in einem Gesamtkonzept aufeinander zu beziehen.

Ein kompliziertes Unterfangen, denn die Zerstörung war schon weit fortgeschritten, viele Mauer-Teile hatten längst ihren Weg hinaus in die Welt gefunden, weil private Sponsoren und politische Institutionen, Universitäten, Denkfabriken und Künstler den Symbolgehalt der Mauer als Zeugnisse der Freiheit und (vermeintlich) überwundenen Diktaturen längst realisiert hatten und ihre Mauer-Funde mit viel logistischem Aufwand an unzähligen Orten als privates Erinnerungsstück, als politisches Mahnmahl und zeitloses Kunstobjekt platziert hatten.

Berichte und Fotos über Mauer-Segmente rund um den Globus

Die Autoren des Buches waren an über 170 Orten rund um den Globus, haben sich Berichte und Fotos schicken und sich erzählen lassen, wie die Mauer-Reste dorthin gebracht haben, welche politischen oder künstlerischen Botschaften sie aussenden wollen. Vorgestellt in Wort und Bild werden über 280 komplette Mauer-Segmente und über größere 40 Einzelteile: es geht dabei nicht um all die kleinen Steinbrocken, die von den "Mauerspechten" in den ersten Wochen nach dem Kollaps der DDR aus der Mauer mit dem Hammer herausgeschlagen und für ein paar Mark an Touristen verkauft wurden.

Riesigen Mauer-Segmente, die auf allen bewohnten Kontinenten findet vom Sieg der Freiheit über die Diktatur erzählen, finden sich in einem portugiesischen Wallfahrtsort genauso wie in den Vatikanischen Gärten, vor einem College in Honolulu genauso wie auf dem "Platz der Opfer" im albanischen Tirana. In Sydney steht ein Mauersegment vor dem Goethe-Institut, in Bangkok vor der Deutschen Botschaft, in Israel gehört ein Mauer-Segment zu einer Dada-Sammlung, in Kapstadt erinnert die Mauer zusammen mit Mandelas Erbe an den Kampf gegen Unrecht und Unterdrückung, man findet Mauer-Teile in Spanien und Polen, England und Frankreich, Südkorea und Japan, Bolivien und Mexiko: aber in den Ländern, in denen das Individuum wenig zählt und der Staat jede Freiheitsregung überwacht und unterdrückt, wird man vergeblich danach suchen.

Erinnerung und Mahnung

Auf einem unscheinbaren Foto sieht man ein riesiges graues Betonteil auf einer grünen Wiese stehen, im Hintergrund ein altes Haus. Es gehört Hans-Olaf Henkel, dem ehemaligen BDI-Präsidenten und Unternehmer. Henkel war zufällig 1961 am Checkpoint Charlie, als sich dort kurz nach dem Mauerbau amerikanische und sowjetische Panzer gegenüberstanden: Als Erinnerung und Mahnung hat er sich 1993 ein Mauer-Segment gesichert und es auf sein Anwesen in Frankreich gestellt. Die bunten Graffiti hat der Regen längst abgewaschen.

Politisch symbolträchtig ist ein Foto, das in Verdun aufgenommen wurde. Dort, wo der Zivilisationsbruch und die Katastrophen des letzten Jahrhunderte ihren blutigen Anfang nahmen, erinnert ein Mauer-Segment an die Schrecken von Krieg und Konfrontation. Vor einem weißen Holz-Haus in Reykjavík steht ein bunt bemaltes Mauer-Stück: im Gästehaus der isländischen Regierung trafen sich Ronald Reagan und Michail Gorbatschow 1986 zu Abrüstungsgesprächen, sie gelten heute als Beginn vom Ende des Kaltes Krieges und als erster Stein, der die Mauer zum Einstürzen brachte.

Wer die beiden Mauer-Teile vom Potsdamer Platz vermisst, die Thierry Noir 1990 mit einem surrealen Kopf geschmückt hat, der muss heute nach New York fliegen und den Battery Park besuchen, dort erinnern sie jetzt - unweit der Freiheitsstatue - an die Verbundenheit zwischen den Metropolen New York und Berlin.

Drei Mauer-Segmente finden sich auch vor dem CIA-Hauptquartier in Langley. Sie sind so aufgestellt, dass die Mitarbeiter der Geheimdienstbehörde umständlich um sie herumgehen müssen: Ein beabsichtigter Effekt, um zu symbolisieren, wie schwierig es war, die Gräben zwischen Ost und West zuzuschütten und wieder direkte Verbindungen herzustellen.

"The wind cries freedom" ist auf den Mauerteilen zu lesen und - natürlich - der legendäre Satz von Ronald Reagan, den er bei vor dem Brandenburger Tor einst an Gorbatschow richtete: "Tear down this wall."

Die Geschichte der Deutschen Teilung hat es bis auf den Mars geschafft

Als Beigabe: ein Exkurs zur politischen Geschichte von Mauerbau und Mauerfall sowie Reflexionen, warum es wichtig ist, sich an die Mauer zu erinnern. Fotos und Texte führen an die East Side Gallery, die Teltow Gallery, die "Statue of Liberty" im Hamburger Bahnhof, zu den Mauer-Resten am Potsdamer Platz.

Ein Beitrag denkt über "Verschwinden und Erinnern" nach. Ein kleines Stück Mauer - so viel Exotik muss sein - wird auch auf dem Mars lokalisiert: Als die "Pathfinder"-Mission 1997 mit einer Sonde den Roten Planten erkundete und Bilder zur Erde schickte, wurde ein 85 Zentimeter großer Felsbrocken "Broken Wall" ("Zerbrochene Mauer") getauft. Bei späteren Missionen kamen "Nikolaikirche", "Montagsdemo" und "Wiedervereinigung" dazu.

Die Geschichte der Deutschen Teilung und die Freude der Freiheit hat es also sogar bis hinauf auf dem Mars geschafft. Was will man mehr?

Frank Dietschreit, rbbKultur

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