Beat Sterchi: Capricho © Diogenes
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Roman - Beat Sterchi: "Capricho. Ein Sommer in meinem Garten"

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Im Pop-Musik-Business nennt man das wohl ein "One-Hit-Wonder". Denn nachdem Beat Sterchi mit "Blösch" 1983 ein fulminantes literarisches Debüt hingelegt hatte, wurde es jahrzehntelang ziemlich still um den 1949 geborenen Schweizer Autor. Gelegentlich veröffentlichte er noch Gedichte, Essays und Theaterstücke, aber sie erschienen nur in Kleinverlagen und wurden kaum irgendwo wahrgenommen. Doch jetzt konnte sich Beat Sterchi endlich wieder zu einem größeren Werk aufraffen und es im renommierten Diogenes Verlag veröffentlichen: "Capricho. Ein Sommer in meinem Garten" ist der Titel des unerwarteten literarischen Comebacks.

"Blösch" war ein kurioser und komischer, realistischer und zugleich surrealer Roman. Sterchi erzählt vom Leben eines Spaniers, der als sogenannter "Fremdarbeiter" in die Schweiz der 1960er Jahre kommt und sich auf einem Bauernhof um die Kühe kümmert, vor allem um "Blösch", die Kuh, die alles geduldig erträgt und beobachtet, wie der Spanier von den tumben Dörflern gedemütigt wird: ein erschreckend schöner Roman.

Sterchi nimmt uns mit in eine Welt der Entschleunigung

Danach hat sich Sterchi, der vorher schon ein Wandervogel war und in Kanada und Honduras als Lehrer und Dozent gearbeitet hat, nach Spanien abgesetzt, in einem Dorf gelebt und von dort seine literarischen Appetithäppchen versendet: oft im gemächlichen Dialekt seiner Berner Herkunft und meistens ohne größere Resonanz. Vor ein paar Jahren ist er dann aus dem Exil zurückgekehrt, wohnt wieder hauptsächlich in Bern und hat endlich die Kraft gefunden, so etwas wie einen Roman zu schreiben - ein Buch, von dem man nicht recht weiß, was es ist und sein soll.

Es ist aber ein sehr unterhaltsames und komisches, zugleich anregendes und nachdenkliches Buch geworden, das, wie schon der Titel "Capricho" andeutet, aus einer Laune heraus entstanden ist, die Fallstricke des Lebens beschreibt, voller Weisheit steckt, uns mitnimmt eine Welt der Entschleunigung und ganz unaufdringlich davon erzählt, wie schön das Leben und wie zerbrechlich die Natur sein kann.

Realität wird zur Utopie, das Leben verwandelt sich in Literatur

"Ein Sommer in meinem Garten", das klingt nach Faulenzen und einer eingeschränkten Erlebniswelt. Aber wie so sind Schein und Sein nicht dasselbe: auch im Kleinen und Privaten öffnen sich Türen in die große weite Welt der Fantasie, in der Realität und Traum, Wahrheit und Erfindung sich mischen und alles, was gefühlt, gedacht und geschildert wird, in eine geheimnisvolle Zauberwelt abdriftet, in der die Realität zur Utopie wird und das Leben sich in Literatur verwandelt.

Der Ich-Erzähler, der einiges mit Beat Sterchi gemein hat, aber nicht mit ihm identisch sein muss, verbringt einen langen Sommer in Spanien, in seinem abgelegenen Dorf, in dem er alle Bewohner, jedes Haus und jeden Stein längst zu kennen glaubt, und dann verblüfft ist, was er alles nicht weiß, vor allem was die Traditionen und Rituale betrifft, die verdrängten Erinnerungen und historischen Verwicklungen der Dörfler, die nur schwer zu durchschauen sind.

Eine Idee

Es ist ein überaltertes Dorf, die Jungen sind längst abgehauen in die großen Städte, die Häuser zerfallen langsam, die Felder liegen öde und verlassen in der brütenden Sommerhitze und was sich gegen die brennende Sonne behaupten kann, wird beim nächsten sintflutartigen Regen weggeschwemmt. Wer hier etwas anbauen und ernten will, muss Geduld haben und die Launen der Natur kennen.

Von Gartenarbeit versteht der Erzähler rein gar nichts, aber als er am Schreibtisch nicht vorankommt, ihm der roten Faden für seine geplante Erzählung immer wieder durch die Hände gleitet, er mit seinem Roman, in den er auch die abgründige, rätselhafte Geschichte des Dorfes hinein weben will, zu scheitern droht, kommt ihm eine Idee:

Weil er keine Lust mehr hat, auf eine literarische Eingebung zu warten, beschließt er, sich endlich um seinen Garten, seinen "huerto", zu kümmern: ein steiniger Acker, draußen vor den Toren des Dorfes, von einer brüchigen Mauer umgeben: da ist alles verwildert und staubig, da gilt es aufzuräumen und neu anzufangen.

Verwandlung eines staubigen Ackers in einen blühenden Garten

Um seinen staubigen Acker in einen blühenden Garten zu verwandeln, muss er viele Hindernisse überwinden, seine Hände sind zu zart, seine Gartengeräte unbrauchbar, seine Kenntnisse unzureichend. Aber zum Glück sind da ja all die Dörfler, die ein Auge auf den unpraktischen Schreiberling haben, die ihm mit Rat und Tat zu Seite stehen: Immer, wenn der Garten-Novize nicht weiter weiß, ist jemand zur Stelle, der ihm erklärt, wie und wann man am besten Kartoffeln pflanzt, wie man bewässert, welche Schädlinge es zu entfernen gilt, welche Geräte er wie einsetzen sollte - vor allem aber: dass man sich Zeit lassen und langsam arbeiten muss, denn Hektik schadet nur und bringt Natur und Mensch aus dem Gleichgewicht.

Begegnungen mit den Alten und Waisen des Dorfes

Jeder Ratschlag und jede Begegnung mit den Alten und Waisen des Dorfes ist eine gute Gelegenheit, die Macken und Marotten der Menschen zu beschreiben, über Sinn und Unsinn von Arbeit und Freizeit nachzudenken, die Geschichte des Dorfes und die Veränderungen der Natur in den Blick zu nehmen.

Manchmal fährt er aus seinem Bergdorf hinter in die nächste Kleinstadt, um Zeitungen zu kaufen und nicht ganz zu vergessen, dass es da draußen auch noch die große weite Welt mit all ihren Probleme gibt; einmal bekommt er Besuch von seiner Lebensgefährtin, ein anderes Mal taucht kurz seine Tochter auf, dann kann er ihnen erklären, welche Fortschritte er als Gärtner macht und kann ihnen aus seinem frisch geernteten Gemüse eine leckere Mahlzeit bereiten.

Der Roman schreibt sich nun ganz von selbst

Der Roman, an dem er zu scheitern drohte, schreibt sich ganz von selbst: Denn der Autor setzt sich in seinen Arbeitspausen hin und macht sich Notizen, so entsteht eine ganz eigene Erzählung, vielleicht sogar ein richtiger Roman, in dem alles miteinander aufs Wundersamste verschmolzen ist: was der Autor wirklich erlebt und was er nachts nur träumt, was die Leute ihm erzählen und was er einfach nur augenzwinkernd dazu erfindet.

Und weil er nicht nur genau hinhört, was die Dörfler ihm an Ratschlägen zur Gartenarbeit geben, sondern auch, was sie verschweigen, wenn von der blutigen Geschichte des Dorfes die Rede ist, wird aus der beiläufig und harmlos erscheinen Idylle auch noch ein politischer und historischer Roman: über den Tenor des spanischen Bürgerkriegs, über die verschwiegenen und ungesühnten Gräueltaten, über die faschistische Diktatur, die sich bis heute wie ein Krebsgeschwür durch die spanische Demokratie frisst und wie ein dunkler Schatten über dem Land liegt.

Ein großartiges Buch

Der Autor braucht dann nur noch seine verstreuten Notizen zu sichten und alles in die passende literarische Form zu bringen. Dass ihm das gelingt, davon können sich die Leser jetzt selbst überzeugen. Ein großartiges Buch, die Wiedergeburt eines verschollen geglaubten Autors.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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