Ferdinand Schmalz: Mein Lieblingstier heißt Winter © S. Fischer
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Roman - Ferdinand Schmalz: "Mein Lieblingstier heißt Winter"

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Der Österreicher Ferdinand Schmalz ist ein sehr erfolgreicher, preisgekrönter Theaterautor. 2017 gewann er den Ingeborg-Bachmann-Preis für seinen kleingeschriebenen Text "mein lieblingstier heißt winter". Jetzt ist unter dem gleichen Titel der erste Roman des Dramatikers erschienen.

Der Kern dieses Romans ist die Geschichte, mit der Ferdinand Schmalz 2017 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. Mit "mein lieblingstier heißt winter" überzeugte Schmalz, geboren 1985 in Graz, die Jury in Klagenfurt, man rühmte die Poetik und Absurdität.

Ein seltsamer Gefallen

Ein Tiefkühllieferanten namens Franz Schlicht wird von einem seiner Kunden um einen seltsamen Gefallen gebeten: Dr. Schauer ist schwer an Krebs erkrankt und möchte Schlaftabletten nehmen, um sich dann für ein sanftes Einschlafen in die Gefriertruhe zu legen. Jene Gefriertruhe, in der er normalerweise das Rehragout aufbewahrt, das Franz Schlicht ihm liefert. Der Tiefkühl-Lieferant soll die Leiche dann in den Wald bringen, doch als Schlicht die Tiefkühltruhe öffnet, ist sie leer.

Suche nach der Leiche - quer duch die Wiener Gesellschaft

Für Schmalz war dies zwar das Ende der Kurzgeschichte, aber gleichzeitig ein Anfangspunkt für einen Roman. Von diesem Punkt an erzählt das Buch weiter. Wo ist die Leiche geblieben? Schauer macht sich auf die Suche nach ihr, quer durch die Wiener Gesellschaft und begegnet auf der Suche vielen seltsamen Figuren, die sich alle mit dem selbstgewählten Sterben beschäftigen. Da ist ein Putzmann, der vom Tod träumt, ein Ingenieur mauert sich selbst ein, ein Geschäftsmann, der keineswegs krank ist, möchte sich in ein künstliches Koma versetzen lassen und nur noch einmal im Monat aufwachen.

Eine Groteske - sowohl philosophisch als auch unterhaltsam

Ein ernstes Thema, aber Schmalz verfällt dabei weder in die Melancholie, noch in die Larmoyanz, sondern erzählt mit Witz und Ironie. Und stellt dabei wichtige Fragen an unsere Kultur: Was ist der schlimmere Tod, der siechende oder der selbstgewählte? Wie tritt man würdevoll aus dem Leben? Ist der natürliche Tod wirklich natürlich?

Damit knüpft Schmalz an ein literarisches Genre an, zu dem es viele Titel gibt, angefangen von Jean Amérys berühmten Buch "Hand an sich legen", aber auch zum Beispiel der Roman der Journalistin Johanna Adorján, die über ihre Großeltern schrieb, die entschieden, gemeinsam aus dem Leben zu scheiden ("Eine exklusive Liebe", 2009).

Bei Schmalz ist das Thema jedoch zu einer Groteske hochgedreht, die sowohl philosophisch als auch unterhaltsam ist.

Keine beiläufige Prosa

Mancher wird sich vielleicht mit der österreichisch-bayerischen Sprache schwertun. Beiläufige Prosa ist das nicht, sondern eine plastische und rhythmische Kunstsprache, mit starken Dialogen, die sicherlich auch von der Theatererfahrung des Autors sprechen.

Ferdinand Schmalz ist bisher vor allem als Dramaturg aufgetreten, seine Stücke wie "Der Tempelherr", "Herzlfresser" oder "dosenfleisch" gehören zu den meistgespielten der Gegenwart.

Seine Figuren sind Kunstfiguren: Der Eismann heißt Schlicht, die Reinigungsunternehmerin Schimmelteufel. Auch der Autor selbst tritt als Kunstfigur auf, mit Anzug und Hut und Pseudonym, denn geboren wurde Schmalz als Matthias Schweiger.

Ein herrliches, cooles Stück Sommerliteratur

Ein Krimi? Eine Philosophie-Groteske? Egal, wie man es nennen will – ein herrliches, cooles Stück Sommerliteratur, mit seiner satt-üppigen Sprache besonders gut geeignet zum Vorlesen.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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