Fred Vargas: Klimawandel – ein Appell; Montage: rbbKultur
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Essay - Fred Vargas: "Klimawandel - Ein Appell"

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Eigentlich heißt sie Frédérique Audoin-Rouzeau, doch bekannt wurde die 1957 in Paris geborene Autorin unter dem Pseudonym Fred Vargas. Die Kriminalromane um den skurrilen Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg sind internationale Besteller. Im ihrem neuen Buch geht es zwar auch um das Sterben und den Ausweg aus einer verfahrenen Situation: Doch diesmal geht es nicht um einem Mörder, den man hinter Schloss und Riegel bringen könnte, sondern um den von Menschen verursachten Klimawandel, den Angriff auf unser Überleben auf dem geschundenen Planeten Erde.

Die Stimme von Fred Vargas hat Gewicht, den Befunden zum verheerenden Zustand unseres Planeten, den Erkenntnissen zur drohenden Klimakatastrophe, den Vorschlägen für schnelles und effektives Umsteuern kann man weder die wissenschaftliche Expertise noch die Glaubwürdigkeit und Dringlichkeit absprechen. Denn sie ist nicht nur Krimi-Autorin, sondern auch Doktorin der Archäozoologie und hat viele Jahre am "Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung" in Paris gearbeitet.

Ein Appell, der einen erschüttert, aber auch zum Lachen bringt

Schon 2008, beim Klimagipfel in Helsinki, hat sie in einer Rede dazu aufgefordert, der Klimakatastrophe entgegenzutreten. Eigentlich wollte sie diese alte Rede nur auffrischen und mit neuen Daten unterfüttern, doch dann hat sie sich festgebissen, monatelang hunderte Quellen gesichtet und ausgewertet - und einen ebenso eindringlichen wie alarmierenden Appell formuliert, der einen erschüttert, aber auch zum Lachen bringt: denn Fred Vargas ist eine Meisterin der Selbstironie und des garstigen Humors.

Vargas' Credo: Gemeinsames, solidarisches Handeln, lauter Protest, fantasievoller Ungehorsam

Der Appell richtet sich an alle, die spüren, dass etwas gewaltig schief läuft. Die nicht mehr leugnen, dass die Wälder sterben und die Erde sich erwärmt, dass das arktische Eis und die Gletscher abschmelzen, die Meeresspiegel steigen, die CO2-Emissionen uns die Luft zum Atmen nimmt und die Natur zerstört, Plastik und chemische Rückstände die Meere vergiften, das Süßwasser knapp und Ressourcen zur Neige gehen werden, Dürre und Hunger zunehmen und Migrationgsströme ungeahnten Ausmaßes auf uns zukommen.

Der Appell richtet sich an alle, die nicht mehr daran glauben, dass Politiker und Macht-Eliten sich schon kümmern werden und die nötigen Maßnahmen treffen. Von der Politik, die im Würgegriff von Lobbyisten und Großkonzerne ist, erwartet Fred Vargas nichts mehr: bei ihren Recherchen ist sie bei den Parteien und Ministerien auf erschreckendes Unverständnis und erschütternde Verharmlosungen gestoßen.

Ihr Credo lautet: gemeinsames, solidarisches Handeln, lauter Protest, fantasievoller Ungehorsam, um Politiker an der Wahlurne abstrafen und zu Gesetzen zu zwingen, mit denen man Steuerflucht und Steuerbetrug von Großkonzernen verhindert, die industrielle Landwirtschaft reformiert, auf ein ökologisch nachhaltiges Wirtschaften umstellt, den Wasserverbrauch stärker reguliert, die CO2-Emissionen einschränkt, das Abholzen tropischer Regenwälder verbietet, alles fördert, was Energie einspart, unser Überleben auch dann sichert, wenn alle nicht erneuerbaren Ressourcen, die wir für Autos und Heizungen und alle seltenen Erden, die wir für Smartphones, Tabletts und Computer brauchen, komplett ausgebeutet sind.

Grips und Fantasie sind vonnöten, um die Welt zu retten

Das Aufklärungs- und Informationsprogramm von Fred Vargas besteht aus unzähligen Daten, die sie aus dem wissenschaftlichen Material zum Klimawandel herausdestilliert und so aufbereitet, dass man (anders als bei der Berliner Bürgermeisterkandidatin Franziska Giffey) auch weiß, woher die Zitate stammen, was wissenschaftliche Erkenntnis und was Meinung von Fred Vargas ist und wo und wie man alles überprüfen kann.

Sie dokumentiert die Auswirkungen von industrieller Viehzucht und Waldrodungen genauso wie das Abfischen und die Versalzung der Weltmeere, die Zunahme der Treibhausgase, den akuten Wassermangel in vielen Regionen der Welt, die Ausbeutung der Ressourcen, die Vergiftung der Lebensmittel mit Pestiziden. Sie beschreibt, wie viele tausend Liter Wasser bei der Herstellung eines Autos oder beim der Fertigung eines Kleidungsstückes vergeudet werden, wie viel Wasser und wie viel Lithium (dessen Ressourcen sehr bald erschöpft sind!) bei der Herstellung von Batterien für die angeblich so umweltfreundlichen E-Autos und für die Akkus unserer schicken teuren Smartphones benötigt werden.

Sie zeigt, dass viele Öko-Ideen zwar gut gemeint, aber trotzdem umweltschädlich sind: der Sockel eines Windkraftrades ist aus tausenden Zentnern Beton, was wiederum zehntausende Liter Wasser und Sand verbraucht. Die Rotorenblätter der meisten Windkrafträder enthalten seltene Erden und Material, das man nicht recyceln kann.

Ein bisschen mehr Grips und Fantasie ist schon vonnöten, wenn wir es noch schaffen wollen, den Klimawandel zu stoppen und die Welt zu retten.

Den Klimawandel durch ganz einfache alltägliche Dinge stoppen

Aber sie schöpft neuen Mut, weil viele Unternehmen erkannt haben, dass man mit Klimaschutz auch Geld verdienen kann, an neuen Methoden zur Energiegewinnung und -Speicherung arbeiten, tragfähige Konzepte zur Umgestaltung der Städte und des Verkehrs vorlegen.

Auch jeder einzelne kann dazu beitragen, den Klimawandel zu stoppen - durch ganz einfache alltägliche Dinge: Duschen statt baden; Leitungswasser trinken und auf umweltschädliche Plastikflaschen verzichten; im Bioladen einkaufen statt im Supermarkt; Fahrrad fahren statt mit den Energie fressenden Autos die Straßen zu verstopfen und die Luft zu verpesten; weniger, am besten gar kein Fleisch essen, um den oft illegalen Walrodungen für Weideflächen und den exorbitanten Wasserverbrauch zu stoppen; mit weniger Kleidungsstücken auskommen; technische Geräte länger benutzen, um den bei der Herstellung anfallenden Verbrauch von Energie, Wasser und seltenen Erden einzuschränken.

Ein Buch, das wehtut und doch Hoffung macht

Vargas entwickelt lange Listen mit Handlungsmöglichkeiten, wie sie vorher auch lange Listen mit Umweltsünden aufgelistet und durchbuchstabiert hat. Es ist ein mit Informationen prall gefülltes Buch, das wehtut und doch Hoffnung macht.

Worauf wartet ihr noch? fragt sie. Auf gehts! fangt an, euch zusammenzutun und gemeinsam zu handeln! Ja, ihr müsst eure Konsum- und Lebensgewohnheiten radikal ändern! sagt sie: Aber das ist doch besser, als den Kopf in den Sand zu stecken und sehenden Auges in die Katastrophe stolpern!

Frank Dietschreit, rbbKultur

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