Heinz Strunk: Es ist immer so schön mit Dir © Rowohlt
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Roman - Heinz Strunk: "Es ist immer so schön mit Dir"

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Nach den Bestsellern "Das Teemännchen" oder "Der Goldene Handschuh" schaffte es Heinz Strunk nun auch mit seinem neuen Roman direkt aus dem Stand in die SPIEGEL-Bestsellerliste. In der dritten Woche ist er auf Rang 11 mit seinem Buch über die katastrophale Liebe eines Ex-Musikers. Arno Orzessek macht den Bestseller-Check.

Blättern wir gleich mal vor bis Seite 234. Dort heißt es: "Der Mensch ist Opfer seiner Sexualität, er windet sich unaufhörlich unter dem Höllenfeuer, das ihm die Lenden leckt." Davon abgesehen, dass hier sprachlich etwas nicht stimmt ... wenn das Höllenfeuer "die Lenden leckt", dann windet sich der davon betroffene Mensch nicht "unter" dem Feuer, sondern, wie man Spieß, über dem Feuer; Heinz Strunk hat offenbar in der Redewendung 'unter Qualen winden', unaufmerksam für die Fallstricke der Bildsprache, 'Qualen' durch 'Höllenfeuer' ersetzt ..., davon also mal abgesehen, könnte der Satz dem Roman "Es ist immer so schön mit dir" als Leitsatz voranstehen.

Denn bei der Hauptfigur, die keinen Namen trägt, handelt es sich um einen 47jährigen Ex-Musiker, dessen Beziehung mit Julia in eine libidinöse Ödnis gemündet ist. Sie will ihn noch, gelegentlich, ihn ekelt schon der Gedanke, sie überhaupt zu berühren. Und er findet die Ebbe im Bett repräsentativ: "Bei fast allen Paaren, die er kennt, ist Sex forbidden zone, vermintes Gelände, gehört Sexualität zu einem längst vergangenen Lebensabschnitt. Aus Liebe, Sex und Zärtlichkeit wird Liebe, Kuscheln, Zärtlichkeit und schließlich Freundschaft, Nähe, Gemütlichkeit."

Könnte man theoretisch okay finden. Aber der Ex-Musiker, der nun ein Ton-Studio für Post-Production betreibt, das er im ganzen Roman allerdings kaum mal aufsucht, will sich nicht abfinden. Nicht schon mit 47 Jahren. Weder mit der Sex-Losigkeit noch mit dem ganzen trostlosen Drumherum, das indessen nur darum so restlos trostlos ist, weil er selbst rein gar nichts mehr in die Beziehung investieren will und kann – falls er das je konnte – und weil Heinz Strunk hier seine Qualitäten als Verwandter von Michel Houellebecq, dem großen Schwarzmaler, ausspielt.

Rasch ist es aus mit Julia. Man trennt sich undramatisch. Aber das Drama folgt alsbald. Denn der Ton-Ingenieur lernt Vanessa kennen, eine erfolglose Schauspielerin. Sie ist viel jünger, äußerst schlank und sehr, sehr sexy. Ihr Verhalten ihm gegenüber ist hochgradig unstet. Er empfindet es als rätselhaft und magisch. Er ist notorisch unruhig, findet dauernd die falschen Worte, hofft und bangt, starrt dabei wie ein Teenager aufs Display seines Smartphones.

Kurz: Er verspricht sich das Blaue vom Himmel von einer Beziehung mit ihr – und er bekommt es: XXL-Sex, Liebesschwüre bis zum Heiratsantrag, das Glück dieser Erde. Aber nur vorübergehend, klar. Vanessa wurde als Jugendliche von Lars, dem Diakon ihrer Gemeinde, missbraucht, ihre Magersucht wird immer bedrohlicher, zu so etwas wie gelingender Routine (die sicher kein gutes Motiv für einen Strunk-Roman wäre) ist sie nicht fähig.

Kurz: Sie ist noch kaputter als er. Dafür ist sein Selbstmitleid größer, sein Narzissmus ist größer, sein Hang zur ständigen Sauferei sowieso (erstaunlich übrigens, wie gut sich für Heinz Strunk exzessive Sauferei mit exzessiven Koitussen vereinbaren lässt). Als er an ihrem Geburtstag in Hildesheim ihre grotesk anmutende, nervtötende Familie kennenlernt, wäre es eigentlich an der Zeit für das Eingeständnis: So schlimm war es nicht einmal mit Julia ...

Jener Julia, die noch einmal auftaucht, mit neuem Haarschnitt und viel schlanker, attraktiver und selbstbewusster denn je, und ihn nach Strich und Faden fertig macht, ihn demütig, erniedrigt und die ganze miese Wahrheit seiner Illusionen über sich selbst und seiner peinlichen Unfähigkeit zum Miteinander ins Gesicht sagt.

Eine Szene, die nach der Phantasie des Autors so endet: "Sie nehmen ein Taxi zu ihm und ficken. Sie ficken wie vor einer Hinrichtung. Ihr bester Fick ever." So ungnädig Strunk mit seiner Hauptfigur insgesamt umgeht: mega-geilen Sex selbst mit ausgesucht heißen und viel jüngeren Frauen billigt er ihm bis zum Ende des Romans zu. Die Sache mit Vanessa geht derweil nicht gut, natürlich nicht. Irgendwann ist sie spurlos verschwunden, Stichwort "Ghosting". Und unser Ton-Ingenieur leidet, so ernsthaft wie ein Mann leiden kann, auf den trotz gewaltiger emotionalen Aufwallungen letztlich ein Kalender-Spruch von Fontane zutrifft: "Wer keine Liebe hat, der findet auch keine."

Konsequenterweise gibt es in "Es ist immer so schön mit dir" keine einzige Person, die nicht mehr oder weniger schwer beschädigt wäre – von sich selbst, von den anderen, von der Familie, von den Beziehungen, von falschen Erwartungen und vernichtenden Enttäuschungen. Nur überzieht Strunk bei der Darstellung der individuellen und gesellschaftlichen Finsternisse so genussvoll ("Er kam sich vor wie ein Straßenschild, auf das die Vögel scheißen"), dass jederzeit klar ist: Um ein soziologisch belastbares Porträt mittelalter Männer oder gar der gegenwärtigen Gesellschaft geht es hier nicht oder höchstens im Sinne eines Nebeneffekts.

Um das Buch mit ungetrübtem Vergnügen zu lesen, muss man hier und da allerdings guten Willens sein. Vanessas Vergewaltigung wird im Rückblick ausführlich nacherzählt – und man wundert sich, wie viel Reife und Reflektiertheit Strunk einer 15jährigen zutraut. Wohingegen er selbst, je weiter der Roman fortschreitet, zu immer drastischeren Formulierungen neigt, dabei aber auf Pennäler-Sprache rekurriert – vgl. "Die Wichse steht ihm schon bis zum Schaft". Und gebrauchen wohl viele Männer um die fünfzig den Begriff 'Ölwechsel' als Synonym für Masturbation?

Auch die Geschichte von Julias rotem Slip, der nach der Nacht der einmaligen Wiedervereinigung zurückbleibt und den Seitensprung zu verraten droht, als Vanessa überraschend früh hereinschneit, inszeniert Strunk geradezu rührend ungeschickt, weiß dann auch nicht mehr weiter und lässt den Slip für immer unauffindbar zwischen den Zeilen verschwinden. Alles Makel, die Strunk-Fans nicht groß irritieren werden. Und gar keine Frage: Auf das vergnügliche Herumstochern im Sumpf des Menschlichen versteht sich Heinz Strunk wirklich ganz prima.

Arno Orzessek, rbbKultur

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