Ian Goldin, Robert Muggah: Atlas der Zukunft; Montage: rbbKultur
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Sachbuch - Ian Goldin & Robert Muggah: "Atlas der Zukunft"

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Apokalyptische Hitzewellen, sintflutartige Regenfälle, anhaltende Dürre, abschmelzende Eisberge, steigender Meeresspiegel: Der Weltklima-Bericht der UN gleicht einem Horror-Szenario. Wer noch immer den vom Menschen verursachten Klimawandel leugnet und ein radikales Umdenken ablehnt, trägt wissenschaftliche Scheuklappen oder ist ein politischer Scharlatan. Alle, die wissen wollen, wie der Zustand der Welt ist und ob der Mensch es schaffen kann, sein eigenes Überleben zu gestalten, finden jetzt vielleicht bei Ian Goldin und Robert Muggah Antworten und Argumente.

Ian Goldin und Robert Muggah sind anerkannte Wissenschafts-Koryphäen. Sie beschäftigen sich mit den Auswirkungen der Globalisierung, sind Gründungsmitglieder von Forschungsgruppen und Think Tanks, beraten Regierungen und internationale Organisationen, die Vereinten Nationen genauso wie die OECD und das Weltwirtschaftsforum. Sie arbeiten eng mit einem Forschungslabor zusammen, das gesellschaftlich sinnvolle Innovationen und den Einsatz von Roboter-Technologien untersucht, ungeheure Datenmengen analysiert und für zukunftsorientierte Entscheidungen aufbereitet.

Ihr "Atlas der Zukunft" basiert nicht nur auf klimapolitischen, sozialen, technologischen und ökonomischen Erkenntnissen, sondern vor allem darauf, die vorhandenen Daten visuell sichtbar zu machen, in Schaubildern, Grafiken, Statistiken. Im englischen Original heißt das Buch "Terra Incognita": Die unbekannte Erde, legt der Titel nahe, und die oft noch unverständlichen Entwicklungen sollen entschlüsselt werden, um den Klima-Wandel und die sozialen Katastrophe, auf die wir sehenden Auges zusteuern, vielleicht noch abzuwenden: "Wir sind nicht zum Untergang verdammt. Unser Schicksal ist nicht vorherbestimmt."

Entscheidungen an der Ladenkasse und Wahlurne

Aber Ian Goldin und Robert Muggah machen auch klar, dass wir uns an einem Abgrund aus zahlreichen miteinander verknüpften Katastrophen befinden. Dass wir nur überleben, wenn wir global denken und handeln, Populisten und Nationalisten bekämpfen, Handelskriege vermeiden, Pandemien gemeinsam überwinden, die CO2-Emissionen radikal senken, die soziale Ungleichheit beseitigen, die wichtigsten Verursacher der Krisen benennen und bloßstellen: durch Ungehorsam und Protest, durch die richtigen Entscheidungen an der Ladenkasse und an der Wahlurne.

Die "100 Karten" erzählen vor allem davon, dass die Welt von heute vernetzt ist und wir Bedrohungen gegenüberstehen, die wir nur gemeinsam lösen können. "Klima" ist das vielleicht wichtigste Thema, aber nur eines von elf weiteren Problem-Feldern, die sich überlappen und bedingen: Andere Themen sind "Urbanisierung", "Technologie", "Ungleichheit", "Geopolitik", "Gewalt", "Demografie", "Migration", "Ernährung", "Gesundheit", "Bildung" und "Kultur".

Die Welt-Karten mit ihren Pfeilen und Punkten, die Grafiken mit ihren Linien und Bäuchen, die Satelliten-Bilder der zerstörten und überhitzten Erde, die Grafik-Torten der ungleichen Verteilung von Geld und Arbeit zeigen, dass nicht nur die Gletscher schmelzen und die Sterberate durch Luftverschmutzung zunimmt, sondern auch die Entstehung von Mega-Citys, die Ausbreitung des Internets, die Verteilung von Armut. Sie zeigen den Rückgang von Freiheit, die Todesopfer durch Wasserkonflikte, den Wachstum der Weltbevölkerung, die Migration im Wandel der Zeiten, die Auswirkungen von Rindfleischhandel und Fettleibigkeit, Antibiotika-Resistenzen und Selbstmordraten, von Bildungsdefiziten und gefährdeten Sprachen – um nur einige Beispiele aufzuführen.

Eine Ansammlung des Schreckens

"100 Karten": eine Ansammlung des Schreckens. Sie zeigen, mit Daten und Fakten unterfüttert, dass wir die Welt in nur wenigen Jahrzehnten komplett ausgebeutet und zugrunde gerichtet haben, sie zeigen aber auch, dass die wir in der Lage sind, uns zu ändern und Lösungen zu finden, dass alles zwei Seiten hat: Die Covid-19-Pandemie konnte sich aufgrund der globalen Handels- und Reise-Ströme rasend schnell ausbreiten; aber wirkungsvolle Impfstoffe konnten auch nur so schnell gefunden werden, weil die Virologen international vernetzt sind und ihre Studien und Ergebnisse global ausgetauscht haben.

Wie "vernetzt" unsere Welt ist, zeigt eine Weltkarte: die Kontinente sind schwarz gefärbt, die weißen Punkte stellen Cluster aus Telefonen und Computern dar. Die violetten Linien zeigen die Unterseekabel zur Telekommunikation. Auf einen Blick erkennt man, dass Nordamerika und Europa, Japan, Australien und Südkorea stark miteinander verbunden sind und weite teile Afrikas, Asiens und Südamerika, dort wo die größte Armut herrscht, völlig von der "vernetzten" Welt und ihren technischen, kulturellen und ökonomischen Errungenschaften abgekoppelt sind.

Die "weltweiten Temperaturanomalien" zwischen 1900 und 2018 demonstrieren zwei Weltkarten: Während es 1900 noch viele blaue und nur ganz wenige gelbe und keine roten Flecken gab, also kaum eine Temperaturanomalie zum Durchschnittswert, ist die Karte von 2018 fast durchgehend gelb und rot gefärbt. Es ist also fast überall viel zu warm, es gibt nur noch ein paar kleine blaue Einsprengsel mit durchschnittlichen Temperaturen im Atlantik und im Norden von Kanada.

Beängstigend die Karten, die zeigen, wie sich der "prognostizierte Anstieg des Meeresspiegels" in der Bucht von Jakarta auswirkt: Bei einem Anstieg von 1,5 Grad sind nur ein paar küstennahe Stadtteile überschwemmt, bei einem Anstieg von 4 Grad sind weite Teile der Mega-City im Meer verschwunden, müssen Abermillionen sich eine neue Heimat suchen. Ähnliche Prognose-Bilder gibt es von Miami und von Rotterdam: erschreckende Visionen.

Eine unappetitliche Torte

Auf einer Torten-Grafik sieht man den "Anteil der Länder an CO2- Emissionen": Die größten Emittenten sind China, USA und Indien. Betrachtet man die Emissionen pro Kopf, dann sind Saudi-Arabien, Australien, USA, Kanada, Südkorea, Russland und Japan die schlimmsten Verschmutzer: eine unappetitliche Torte. Aber sie verweist auch auf Handlungsmöglichkeiten: Denn es gilt das "Paretoprinzip", wonach rund 20 Prozent der Akteure 80 Prozent der Probleme lösen können. Und wenn nur rund 20 Prozent der Länder für 80 Prozent der weltweiten Treibhaus-Emissionen und damit für Erwärmung und Klimawandel verantwortlich sind, müsste es doch eigentlich möglich sein, diese wenigen Länder zum Umdenken und Einlenken zu bewegen. Eigentlich.

Zukunft gestalten

Man muss nicht über Spezialwissen verfügen, um alles richtig verstehen und deuten zu können. Neben den Karten stehen immer ein paar griffige Erläuterungen, die im jeweilen Fließtext des Kapitels in einer verständlichen Sprache vertieft werden. Außerdem weisen die Autoren darauf hin, dass jeder Leser ein gesundes Misstrauen mitbringen sollte: Denn Wissenschaft ist nie neutral, steht immer im Zeichen einer Mission, hat eine Botschaft, vertritt Herrschafts-, Macht- und Erkenntnis-Interessen. Karten, Grafiken, Schaubilder zeigen nie die ganze Wahrheit, vermitteln immer nur einzelne Daten und ausgewählte Zusammenhänge.

Das gilt auch für die Autoren, die mit analytischer Schärfe die Krisen der Welt sezieren und gebetsmühlenartig wiederholen, dass es an uns allen liegt, die Gefährdungen der Welt durch gemeinsames Handeln zu besiegen: "Unsere Zukunft bestimmen wir am besten, indem wir sie gestalten."

Frank Dietschreit, rbbKultur

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