Jörg Fauser: Das Weiße im Auge || Jörg Fauser u. Carl Weissner: Eine Freundschaft © Diogenes
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Erzählungen 1980-87 - Jörg Fauser: "Das Weiße im Auge"

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Er war wie ein Komet, der kurz am literarischen Himmel aufleuchtet und schnell verglüht: Eines Nachts irrt Jörg Fauser zu Fuß über die Autobahn bei München und stirbt mit gerade einmal 43 Jahren unter ungeklärten Umständen. Seine Romane und Gedichte, Reportagen und Erzählungen sind eine Ausnahmerscheinung in der deutschen Literatur, von Mythen umrankt, von Geheimnissen umwölkt. Doch bis heute nur einem kleineren Kreis von Kritikern und Fans wirklich gegenwärtig.

Umso bemerkenswerter, dass der Diogenes Verlag sich der Hinterlassenschaft Fausers angenommen hat und sie dem Vergessen entreißt. Jüngst sind wieder zwei literarische Schätze gehoben worden, ein Band mit Erzählungen und einer mit Briefen.

Kompromissloser Freigeist

Jörg Fauser hat den Literaturzirkus gehasst: sich anbiedern bei Kritikern und Verlagen, eine gut verdauliche, Bestseller-taugliche Literatur abliefern: das war ihm zuwider, Stipendien und Preise konnten ihm gestohlen bleiben. Er war ein kompromissloser Freigeist, unstet und heimatlos, er lebte in Frankfurt am Main und München, in (West) Berlin und Göttingen, in London und Istanbul, immer auf der Suche nach Drogen und Alkohol, nach neuen Ideen und authentischen Erfahrungen, bereit, bis an die Schmerzgrenze des Erträglichen und der Selbstzerstörung zu gehen.

Fauser war kurz davor, ein wichtiger Autor der deutschen Moderne zu werden

Er wollte die experimentellen Stilmittel der amerikanischen Cut-Up-Literatur von Kerouac, Bukowski und Burroughs, den amerikanischen Kriminalroman von Chandler und Hammett ins Deutsche schmuggeln, schrieb für Underground-Postillen, jobbte als Aushilfsangestellter und Nachtwächter, verdingte sich als Kolumnist beim Berliner "Tip", um finanziell über die Runden zu kommen, manchmal war er auch nahe dran, einen Bestseller zu schreiben, der "Der Schneemann", "Rohstoff", "Das Schlangenmaul": irrlichternde Geschichten aus dem halbseidenen Milieu von Sex und Drogen, Politik und Mafia.

Doch grade als er es fast geschafft hatte, sich trotz seiner übellaunigen Art und schnoddrigen Schreibweise einen Namen zu machen und als wichtiger Autor der deutschen Moderne wahrgenommen zu werden, wurde er nach durchzechter Nacht von einem Lastwagen überrollt: Das ist der Stoff, aus dem Legenden entstehen.

Mal charmanter Beobachter, mal grantiger Kommentator

Die unter dem Titel "Das Weiße im Auge" veröffentlichten Erzählungen aus den Jahren 1980-87 tragen dazu bei, Fauser als einen bedeutenden Autor in Erinnerung zu rufen: 23 Geschichten, in denen wir den ganzen Fauser erleben - mal als charmanten Beobachter heruntergekommener Außenseiter, mal als grantigen Kommentator der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Die Geschichten erschienen damals in Zeitschriften ("Lui","Playboy", "Metropolitan") und können sich hier endlich in ganzer literarischer Größe entfalten: In einer Stories reisen wir mit einem Drogenkurier nach Italien und werden in eine absurde Kriminalhandlung verwickelt. In einer anderen Story fahren wir mit einem maulfaulen Typen zurück an den Ort seiner Herkunft: ein alter Jugendfreund ist gestorben, ein korruptes menschliches Ekel, doch bei der Trauerfeier werden nur freundliche Worte gewechselt und alle Verfehlungen tunlichst verschwiegen. Noch bevor der Sarg in die Erde gebracht wird, flieht der Heimkehrer wie von Furien gehetzt. Dass er dabei von einer der geschiedenen Ehefrauen des Toten begleitet wird und die beiden ihren Frust mit einer schnellen Sex-Nummer im Wald abreagieren, bevor sie trennen und niemals wiedersehen, ist typisch für Fauser, bei dem es selten ohne verrutschten Sex und verquere erotische Fantasien abgeht.

In erotische Fantasien gleitet auch Carl ab, der Anti-Held der Titelerzählung, der im Supermarkt seine tägliche Schnapsration kauft und von den Augen Kassiererin total fasziniert ist: "Sie waren ungewöhnlich groß, von lange schwarzen Wimpern beschattet, und das Weiße in ihnen schimmerte wie mit Wasser vermischter Pastis, in dem zwei blaue Rubine glänzten: Ich bin verrückt, dachte Carl. Die Hitze, die Einsamkeit, die Frauen. Grüne Fee der Nacht, herrje."

Ja, das ist nahe am Kitsch, aber es ist genau so gewollt, denn wie soll Carl sein verkorkstes Leben aushalten, wenn er sich nicht wenigstens manchmal in kitschige Träume flüchten kann?

Von der Wirklichkeit eingeholt

Politisch brisant und literarisch vielstimmig ist "Der dritte Weg", eine Geschichte, die eigentlich ein Roman werden sollte: Es geht um einen früheren Anarchisten und Terror-Sympathisanten, der jetzt V-Mann für den Verfassungsschutz arbeitet und Mitwisser von geplanten Anschlägen wird: Als dann aber im August 1983 ein Sprengstoff-Attentat auf das Kulturzentrum "Maison de France" mit Toten und Verletzten verübt wird, bei dem die Hintergründe bis heute schleierhaft sind, hat Fauser das Projekt sofort abgebrochen: Die Wirklichkeit hatte den Plot eingeholt, und wenn der Roman später veröffentlicht worden wäre, hätte der Eindruck entstehen können, Fauser habe für sein Buch einen unaufgeklärten Terroranschlag ausgeschlachtet. Das wollte er unbedingt vermeiden, aber den ersten Teil des Manuskripts jetzt als Erzählung zu lesen, ist wahnsinnig spannend.

Und dann: "Geh nicht allein durch die Kasbah", Fauser hat diese Story 1984 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb vorgelesen, die Literaturpäpste Reich-Ranicki und Karasek waren ziemlich sprachlos, die im Stile eines schwarzen Krimis knallhart erzählte Leidensgeschichte eines deutschen Paares, das durch ein von den griechisch-türkischen Kriegen zerstörtes Zypern irrt und die eigene Beziehung als Schlachtfeld erlebt, konnte in Klagenfurt keinen Blumentopf gewinnen: Wie großartig gebaut und grandios erzählt sie ist, davon kann man jetzt noch einmal überzeugen.

Ein Muss für alle Fauser-Fans

Der Briefwechsel zwischen Jörg Fauser und Carl Weissner ("Eine Freundschaft") ist eine "Weltneuheit": Hier unterhalten sich zwei Brüder im Geiste, Weissner, ein paar Jahre älter als Fauser, war in den 1960er Jahren eine Zeitlang in den USA, hat dort Kontakte zu den Underground-Autoren geknüpft, er schreibt zwar auch gelegentlich Stories, ist aber mehr ein genialer Übersetzer, notorischer Strippenzieher und genialer Herausgeber von unbekannten Autoren, die er gerne fördert.

Die beiden tauschen sich aus über literarische Projekte, geben sich Tipps und Ratschläge, wo man am besten welches Manuskript unterbringen kann, ob man eine Zeitschrift gründen sollte und wer daran mitarbeiten könnte. Das sind immer kurze, freche Botschaften aus der literarischen Werkstatt und kritische, polemische Kommentare zum aufgeplusterten Literaturbetrieb, manchmal wirken die Briefe und Postkarten auch selbst wie kleine literarische Kunstwerke.

Wer Fauser und seine Geldsorgen, seine Drogensucht und literarischen Ideen besser verstehen will, findet hier reichlich Nahrung. Alle Briefe sind zunächst fein säuberlich und leserlich abgedruckt, dann im Original als Faksimile abgebildet und werden schließlich ausführlich kommentiert.

Ein wirkliche Entdeckung, ein Muss für alle Fauser-Fans und alle, die es werden wollen!

Frank Dietschreit, rbbKultur

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