Ulrich Woelk: Für ein Leben © C.H. Beck
C.H. Beck
Bild: C.H. Beck Download (mp3, 6 MB)

Roman - Ulrich Woelk: "Für ein Leben"

Bewertung:

Wie sich ein "kontinuierliches Leben" aus Momenten, aus Zufällen, aus spontanen Entschlüssen und Schicksalsschlägen zusammensetzt und wie verschiedene Lebensläufe ineinandergreifen, sich berühren, verändern und wieder voneinander entfernen, davon erzählt Ulrich Woelk mit großer Leidenschaft in seinem opulenten Roman "Für ein Leben".

Es gab eine Zeit, in den 1960 Jahren, da galt es als revolutionär, in Film und Literatur auf eine Story zu verzichten. Ulrich Woelk ist mit seinem opulenten Roman "Für ein Leben" von dieser einstigen Avantgarde denkbar weit entfernt. Eine seiner Romanfiguren lässt er sagen: "Wenn man jung ist, kann man sagen, ich brauche keine Story, ich brauche nur den Moment. Aber dann kommt im Laufe der Zeit doch so etwas wie eine Story zusammen – ob man will oder nicht. Es gibt das kontinuierliche Leben nun mal, und wir müssen es alle leben."

Davon, wie dieses "kontinuierliche Leben" sich aus Momenten, aus Zufällen, aus spontanen Entschlüssen und Schicksalsschlägen zusammensetzt und wie verschiedene Lebensläufe ineinandergreifen, sich berühren, verändern und wieder voneinander entfernen, erzählt Ulrich Woelk mit einer Leidenschaft und einer Lust an Geschichten und atemraubenden Wendungen, die ihresgleichen sucht. Es ist unmöglich, all das kurz zusammenzufassen, was auf diesen prall gefüllten 630 Seiten geschieht. Großes Kino ist ein Klacks daneben.

Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei Frauen

Im Mittelpunkt stehen zwei Frauen, Niki und Lu, die unterschiedlicher nicht sein könnte. Niki, eher konventionell und zurückhaltend, fast ein wenig bieder, ist die Tochter zweier Hippieeltern, die sich Ende der 50er Jahre auf einen großen Trip begaben. Sie wurde in Lourdes gezeugt, kam in Afghanistan zur Welt, wuchs in einem indischen Ashram und in einem mexikanischen Wüstendorf auf, um schließlich in Berlin Medizin zu studieren und im Herbst 1989 – und in der Wendezeit setzt der Roman ein – als Ärztin in einem Krankenhaus im Wedding zu arbeiten. Hier lernt sie den jungen Schriftsteller Clemens kennen, der mit einem eingeklemmten Hoden in der Notaufnahme erscheint und gleich mit dem ersten Satz als ihr späterer Ehemann eingeführt wird. Wegen einer Fehldiagnose hätte Clemens fast den Hoden verloren, doch die Sache geht so gut aus, dass er viele Verwicklungen und Wendungen und Jahre später der Vater von Nikis Sohn werden kann.

Im Krankenhaus lernt Niki auch Lu kennen, eine junge Frau, deren kroatische, blondierte, kettenrauchende Mutter früh an Lungenkrebs gestorben ist. Sie erscheint mit einem Bekannten, der sie entjungfert hat, nun aber an schmerzhaftem und peinlichem Priapismus leidet. In Lus Leben spielt Sexualität eine sehr große Rolle. Ihre erotische Grundregel besteht darin, nur mit denen zu schlafen, in die sie sich auf keinen Fall verlieben wird. Vor ihrem alkoholsüchtigen Vater flieht sie zunächst in die Wohnung eines Nachbarn, der sein Zimmer mit Eierkartons isoliert hat, um hier eine "Symphonie der Stille" zu komponieren, zieht dann aber weiter zu einem junger Mann, der aus der DDR geflohen ist.

Allein diese Geschichte einer Flucht – die zugleich die Geschichte einer sexuellen Erweckung ist – würde für andere Autoren schon für einen ganzen Roman ausreichen. Woelk aber schreibt nach dem Prinzip der Verschwendung, als wolle er beweisen, dass überall unglaubliche Geschichten lagern, wenn man nur genau genug hinsieht und hinhört.

Ein Zeitpanorama von den 50er Jahren bis in die unmittelbare Gegenwart

"Für ein Leben" ist ein echter Pageturner, der süchtig macht. In Rückblenden und immer wieder neu aufgenommenen Erzählfäden entsteht ein Zeitpanorama, das über drei Generationen hinweg von den 50er Jahren bis in die unmittelbare Gegenwart reicht und dabei mehr als einmal die Welt umrundet.

Da es immer wieder ums Schreiben geht, um Film, um Komposition, um Kunst – Nikis WG-Partner befasst sich mit Vagina-Bildern oder Porträts von Menschen ohne Geschlechtsteile – und sogar um Pornografie, ist "Für ein Leben" auch ein Roman über die künstlerische Erfassung der Welt in all ihrer Widersprüchlichkeit. Dass es sich, wenn es ums ganze Leben geht, vor allem um einen Liebesroman handelt, versteht sich von selbst. Doch es ist verblüffend, wie unkonventionell, wie überraschend und umwegig diese Liebesgeschichten verlaufen.

Wundervolles Erzählabenteuer

Bewundernswert sind die Detailkenntnisse, die Woelk sich von der Medizin bis zur Esoterik, von der Chemie der Drogen bis zur Kompositionstechnik, von der Pornoindustrie bis zur DDR-Justiz, von Hollywood bis zum indischen Ashram sich angeeignet hat. Diese gründlich recherchierten Details machen die Lebendigkeit der Figuren und des Romans aus. "Für ein Leben" ist Realismus pur – allerdings ist die Wirklichkeit der gelebten Leben darin so unwahrscheinlich, traurig und schön, dass sie sogar Platz lässt für Wunder und für Engel. Alles ist möglich in diesem wundervollen Erzählabenteuer.

Jörg Magenau, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Michel Houellebecq: Vernichten © Dumont
Dumont

Roman - Michel Houellebecq: "Vernichten"

Ein neuer Houellebecq-Roman ist immer ein Ereignis. Der Titel seines achten Romans - "Vernichten" - lässt all die Abgründe vermuten, für die der französische Skandalautor seit Jahren steht. Die Geschichte führt ins Frankreich des Jahres 2027.

 

 

Bewertung:
Louise Glück: Winterrezepte aus dem Kollektiv © Luchterhand
Luchterhand

Gedichte - Louise Glück: "Winterrezepte aus dem Kollektiv"

Als die US-amerikanische Lyrikerin Louise Glück 2020 den Literaturnobelpreis bekam, war hierzulande die Überraschung groß. Kaum jemand kannte die zurückgezogen lebende Dichterin. Zwar hatte sie bereits 13 Gedichtbände und zwei Essay-Sammlungen veröffentlicht, aber nur wenige Texte der in den USA mit dem Pulitzerpreis und dem National Book Award ausgezeichneten Autorin waren ins Deutsche übersetzt. "Winterrezepte aus dem Kollektiv" heißt ihr neuer Gedichtband. Es ist das erste Buch von Louise Glück, seit sie im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht.

Bewertung:
Banine: Kaukasische Tage © dtv
dtv

Erinnerungen - Banine: "Kaukasische Tage"

Umm-El-Banine Assadoulaeff, die sich der Einfachheit halber schlicht Banine nannte, war knapp 40 Jahre alt, als 1945, kurz nach Kriegsende, in Paris ihre Erinnerungen "Kaukasische Tage" erschienen. 1905 in Baku geboren, lebte sie seit 1923 in Paris, das für sie weniger Exil als immer schon Stadt ihrer Träume gewesen war. In einer Neuübersetzung von Bettina Bach kann diese abenteuerliche Lektüre jetzt neu entdeckt werden.

 

Bewertung: