Bei Dao: Das Stadttor geht auf © Hanser Verlag
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Memoir - Bei Dao: "Das Stadttor geht auf"

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Der berühmte chinesische Dichter Bei Dao ist eine Symbolfigur der Widerstandsbewegung. Nach Protesten auf dem Platz des Himmlischen Friedens wurde er des Landes verwiesen und lebte viele Jahre im amerikanischen Exil. Jetzt hat er seine Autobiografie geschrieben. "Das Stadttor geht auf" erzählt u.a. von seiner Kindheit und Jugend, die in die Gründungsphase des kommunistischen Chinas fiel und von den Roten Garden, denen er sich als 17-Jähriger anschloss.

Bei Dao ist ein politischer Mensch, er wurde 1949 in Peking geboren, zwei Monate bevor Mao die Volksrepublik ausrief. Als 1966 die "Kulturrevolution" ausgerufen wurde, war Bei Dao 17 Jahre alt, als Jugendlicher erlebte er die Menschenrechtsverletzungen und brutalen Säuberungsaktionen in seinem eigenen Umfeld. Er schloss sich den Roten Garden an, gründete eine Literaturzeitschrift, die verboten wurde. Als seine Verse von Regierungskritikern beim Volksaufstand verwendet wurden, lebte er gerade als DAAD-Stipendiat in Berlin, konnte nach dem Massaker auf dem Tian’anmen-Platz nicht zurückkehren und lebte viele Jahre im Exil, vor allem in den USA.

Bei Dao stilisiert sich nicht zur Ikone der Widerstandsbewegung

Als er um die 60 Jahre alt war, hat Dao ein Memoir über seine Kindheit und Jugend geschrieben: "Das Stadttor geht auf" ist inzwischen auch auf Deutsch erschienen in der Übersetzung von Wolfgang Kubin. Die Erwachsenenjahre klingen nur am Rand an, die Kindheit und Jugend werden dafür umso plastischer erzählt. Er schildert das Aufwachsen in Peking, Erlebnisse in der Schule, die Politischwerdung während der Zeit der sogenannten "Kulturrevolution" ab 1966.

Dabei stilisiert er sich nicht zur unschuldigen Ikone der Widerstandsbewegung, sondern schildert auch eigene Verirrungen: In einer erschütternden Szene berichtet er, wie er gemeinsam mit anderen Jugendlichen einen Nachbarn, der als Konterrevolutionär galt, demütigte und misshandelte.

Detailreichtum

Politische und private Erlebnisse stehen in "Das Stadttor geht auf" gleichrangig nebeneinander. Ein Angelausflug des Elfjährigen, bei dem er einen winzigen Fisch fängt, ist genauso relevant wie die politischen Ereignisse an der Schule, wenn Lehrer denunziert werden oder sich sogar das Leben nehmen.

Beeindruckend ist der große Detailreichtum – in Interviews hat Bei Dao, der mittlerweile 72 Jahre alt ist und in Hong Kong und Peking lebt, gesagt, dass viele Erinnerungen beim Schreiben zurückkamen.

Sprünge

Chronologisch ist sein Memoir nicht. Bei Dao erzählt in Sprüngen, geordnet nach bestimmten Stichworten oder Leitmotiven: "Licht und Schatten", "Gerüche", "Klänge", "Spielzeug", "Möbel" oder "Schallplatten". Der Anstoß des Buches war eine Serie in einem Wirtschaftsmagazin – die einzelnen Folgen hat Bei Dao erweitert und zu einer Collage zusammengesetzt.

"Sein Stil gleicht einem Tanz" schreibt der Übersetzer Wolfgang Kubin in seinem Nachwort. Kubin hat alle bisher auf Deutsch erschienenen Bücher von Bei Dao übersetzt und lebt selbst als Senior Professor in China.

Ein dreifaches Porträt

In der Vorrede heißt es: "Ende 2001 kehrte ich nach Peking zurück. Dreizehn Jahre war ich von meiner Heimatstadt getrennt gewesen." Sein Vater lag im Sterben und Bei Dao bekam eine Sondergenehmigung, zurückzukommen. Doch das Peking, das er verlassen hatte, war verschwunden, er erkannte vieles nicht wieder. Auch das war ein Anstoß, um dieses Buch zu schreiben: Um das alte Peking, auf Chinesisch Beijing, wiederauferstehen zu lassen.

Als Motto hat Bei Dao einen Kinderreim vorangestellt:

Stadttor, Stadttor, wie hoch bist Du denn?

Sechsundreißigmal drei Meter!

Was für ein Schloss krönt dich denn?

Ein großes Eisenschloss mit einem Diamanten!

Stadttor, Stadttor, gehst Du nun auf oder nicht?“

Mit diesem Buch öffnet Bei Dao Türen und Tore, die er hinter sich verschlossen hatte, schreibt und schraubt sich hinein in die eigene Vergangenheit. "Das Stadttor geht auf" ist ein dreifaches Porträt: des Autors, der Stadt Peking und von China und seinen politischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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