Dilek Güngör: Vater und ich © Verbrecher Verlag
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Roman - Dilek Güngör: "Vater und ich"

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Einen Namen gemacht hat sich die Journalistin Dilek Güngör mit Zeitungskolumnen und ihrem ersten Roman "Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter" (2007). Jetzt ist ihr neuer Roman "Vater und ich" erschienen und darin geht es um die Annäherung einer Tochter an ihren Vater, der in den 70er Jahren als sogenannter Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland kam. Das Buch ist für den Deutschen Buchpreis 2021 nominiert.

Ein Vater. Eine Tochter. Ein Haus. Drei Tage Zeit. Das sind die Koordinaten, zwischen denen Dilek Güngör die Handlung ihres neuen Buches "Vater und ich" aufspannt.

Als die Mutter verreist, besucht die erwachsene Tochter den Vater. Doch zwischen ihnen entwickelt sich kein gelöstes Gespräch – es fehlt die Mutter als Bindeglied, die stets vor sich hinplaudernd und die Welt kommentierend die kleine Familie verbal zusammengehalten hat. Vater und Tochter alleine tun sich jedoch schwer.

"Ob wir uns wieder nah sein können?" fragt sich die Tochter, "anders als früher, aber so nah immerhin, dass ich dir eine Decke bringen könnte, wenn du beim Fernsehgucken einnickst?"

Die gemeinsame Sprache ist Vater und Tochter abhanden gekommen

Es ist nicht nur ein Schweigen zwischen den Generationen, ein Schweigen zwischen Mann und Frau, ein Schweigen zwischen Entfremdeten, die den Alltag nicht mehr miteinander teilen, sondern auch ein Schweigen zwischen einem, der als "Gastarbeiter" nach Deutschland gekommen und ist und einer, die in Deutschland geboren wurde.

Die gemeinsame Sprache ist ihnen buchstäblich abhanden gekommen: Während er am liebsten im Dialekt seines türkischen Dorfes spricht, hat sie im Laufe ihrer Kindheit und Jugend immer weniger Türkisch gesprochen und erst auf der Uni dann "Hochtürkisch" gelernt. Das möchte sie aber nicht mit ihm sprechen: "Es war mir peinlich, dir in deiner eigenen Sprache fremd zu sein". Der Vater ist Polsterer, die Tochter studierte Journalistin – auch die Bildung hat die Tochter weiter vom Elternhaus entfernt.

Es fehlen die Worte - überall

So ist das gemeinsame Feld der Kommunikation allein schon vom Wortschatz her begrenzt. "Überall fehlen mir die Worte", heißt es, "in deiner Sprache, in meiner Sprache und mir dir sowieso".

Wann und wie aber ist es zu dieser Distanz gekommen? Die Erzählerin spürt dieser Frage nach, erinnert sich an unbeschwerte Späße in der Kindheit, wie sie nachts zum Vater ins Bett schlüpfte, sie sich abgekitzelt haben, heimlich Salz in die Zuckerdose füllten. Doch als die Tochter größer wurde, war das irgendwann "ayip", was man in etwa mit "unangemessen" oder "schändlich" übersetzen könnte.

Und obwohl sie als Journalistin in Berlin arbeitet und das Fragenstellen gelernt hat, fehlen ihr beim eigenen Vater die Worte.

Ein leises Buch

Dilek Güngör hat ein leises Buch geschrieben, das von Sprachlosigkeit und fehlenden Worten handelt, von Leerstellen und Ungesagtem. Es wirft eher Fragen auf, als dass es Antworten gibt, es beschreibt ruhig und unaufgeregt eine Gegenwart, die vom gemeinsamen Stummsein geprägt ist.

Geschrieben hat Güngör ihre Vatersuche als eine Art Ansprache: Im direkten Kontakt fällt die Ansprache zwar oft schwer, doch im Schreiben spricht sie ihn direkt an. Das "Du" klingt dabei seltsam intim und suggeriert eine Nähe, die in der gelebten Beziehung weniger spürbar ist. Als ein Kunde der Posterwerkstatt vorbeikommt, der auch der Arzt der Familie ist, und spontan zum Köftegrillen bleibt, lebt der Vater auf, reißt Männerwitze und ist gesprächig – zwischen Tochter und Vater aber bleibt die Kommunikation holprig, zum Teil unbeholfen.

Neuer Erzählton

"Vater und ich" steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis und lässt sich neben anderen Büchern einreihen, die die eigene Identität erkunden und dabei den Einfluss von Klasse und Herkunft ausloten. In Frankreich haben Didier Eribon, Édouard Louis und allen voran Annie Ernaux große Werke dazu geschaffen und für einen neuen Ton im Erzählen gesorgt – doch auch in der deutschsprachigen Literatur gibt es mittlerweile starke Stimmen zum Thema: Saša Stanišić zum Beispiel, Deniz Ohde oder Dimitrij Kapitelman – und nun auch den schmalen, gehaltvollen Roman von Dilek Güngör.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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