Dorothy West: Die Hochzeit © Hoffmann und Campe
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Roman - Dorothy West: "Die Hochzeit"

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Dorothy West war in den 1920er Jahren Mitbegründerin der "Harlem Renaissance", einer einflussreichen Künstlerbewegung, die vom New Yorker Stadtteil Harlem ausging, afroamerikanischen Musikern, Malern und Autoren eine Stimme gab und die internationale Kunstszene aufmischte. Ihren ersten Roman "The Living is Easy" veröffentlichte Dorothy West 1948. Der zweite Roman "Die Hochzeit" folgte erst viele Jahre später, 1995, und wurde zu einem internationalen Bestseller. Nun ist "Die Hochzeit" in einer überarbeiteten Neuauflage erschienen.

Dorothy West hat sich als die "bekannteste unbekannte Autorin" bezeichnet. Das lag vor allem an ihr selbst. Sie hatte in den 1950 und 60er Jahren den Anschluss an den politischen Zeitgeist verpasst und wollte ihn auch nicht mehr wirklich bekommen. Die Radikalität der schwarzen Bürgerrechts- und Widerstandsbewegungen "Black Power" und "Black Panther" fand sie abstoßend. Malcolm X, Angela Davis und die Prediger einer "schwarzen" Revolution, die die herrschende "weiße" Macht brechen und alle "Weißen" bekämpfen wollten - das war für sie ein Irrweg, ein neuer, umgekehrter Rassismus, der nie zu einem sozialen Frieden und zu einem Ende des Rassenwahns führen würde.

Zwischen den Stühlen

Dorothy West kam aus gut behüteten Verhältnissen, ihre Familie hatte es nach der Befreiung aus der Sklaverei durch einträgliche Geschäfte zu Reichtum gebracht. Ihre Erfahrungen mit dem alltäglichen Rassismus, ihr Blick auf die Erniedrigung und Diskriminierung der Schwarzen war nicht geprägt durch Armut und Ausbeutung, sondern durch einen Rassismus, der nur auf die Hautfarbe abzielt und allein auf Zuweisung basiert: Von den Weißen ausgegrenzt wurde sie allein wegen ihren schwarzen Hautfarbe, nicht aber, weil sie arm und ungebildet war, weil sie die soziale Ungleichheit abschaffen oder vom Kuchen der reichen Weißen etwas abhaben wollte.

Ihre Romane handeln vor allem davon, wie es sich anfühlt, zu dieser kleinen Schicht der reichen Schwarzen zu gehören, wie es ist, zwischen allen Stühlen zu sitzen, von den weißen Kollegen, Geschäftspartnern und Nachbarn allenfalls geduldet, aber nicht anerkannt zu werden und von den "Brüdern" und "Schwestern" der schwarzen Community gemieden und als Verräter abgekanzelt zu werden.

Ermutigt von "Jackie" Kennedy-Onassis

Für ihre Romane gab es in Zeiten politischer Radikalität keinen wirklichen Adressaten: nur Jacqueline Kennedy-Onassis ist es zu verdanken, dass Dorothy West ihren Roman "Die Hochzeit", an dem sie jahrzehntelang herumlaborierte, überhaupt zu Ende schrieb und mit fast 90 Jahren dann noch kurz vor ihrem Tode herausbrachte. Die beiden Frauen waren befreundet und Nachbarinnen auf Martha´s Vineyard.

Dorothy West lebte, nachdem ihre literarische Karriere beendet war, bevor sie so recht begonnen hatte, ständig dort, schrieb Artikel für die örtliche Zeitung und genoß den ererbten Reichtum ihrer Familie. "Jackie" Kennedy-Onassis war oft bei ihr zu Gast - und weil sie auch als Lektorin für den Verlag Doubleday tätig war, hat sie die von Selbstzweifeln geplagte Dorothy West ermutig, am Manuskript weiter zu schreiben und diese ungewöhnliche und aufreibende Geschichte einer "Hochzeit", die in den 1950er Jahren spielt und auf Martha´s Vineyard angesiedelt ist, endlich zu Ende zu schreiben.

Tief hinein ins Herz der rassistischen amerikanischen Finsternis

Der Roman führt tief hinein ins Herz der rassistischen amerikanischen Finsternis und in die Abgründe einer zerrissenen Gesellschaft, die auf Vorurteil und Dünkel, auf Zweifel und Selbsthass basiert. Im Mittelpunkt steht die Familie Coles, sie ist schwarz und reich und verbringt ihren Sommer immer in ihrer Villa auf Martha´s Vineyard, umgeben von anderen Villen, in denen ebenfalls nur reiche Schwarze die Sommerfrische genießen.

Die Häuser, arrangiert zu einem Oval, liegen versteckt hinter Bäumen und Büschen und sind nur über einen holprigen Weg erreichbar: Die "Ovaliten", wie sie sich scherzhaft nennen, wollen für sich sein, pflegen ihre Rituale und ihre elitäre schwarze Identität.

Eine von allen rassistischen Bedenken befreite Liebe wird der Braut nicht gegönnt

Gestört wird der idyllische sommerliche Scheinfrieden diesmal, weil Shelby, die jüngste Tochter der Coles, an diesem Wochenende, um das sich im Roman alles dreht, im Oval ihre Hochzeit feiern will. Sie heiratet nicht irgendwen, sondern ausgerechnet einen mittellosen weißen Jazz-Pianisten aus New York. Arm und weiß: Für die meisten im Oval ein absoluter Frevel, kaum jemand gönnt der jungen Braut ihre unvoreingenommne, von allen rassistischen Bedenken befreite Liebe.

Nur Gram, die fast 100-jährige Urgroßmutter des Coles-Clans, will unbedingt, dass die Hochzeit zustande kommt und sich ihr Lebenswerk erfüllt: Denn sie ist eine Weiße aus den Südstaaten, durch sie ist vor vielen Jahren weißes Blut in die schwarze Familie Coles gekommen, die deshalb seit Generationen sehr weiße Haut hat und kaum noch von den Weißen zu unterscheiden ist. Durch die Hochzeit mit mit dem weißen Jazz-Musiker Meade könnte die Familie endlich wieder als vollkommen weiß angesehen werden und den gesellschaftlichen Makel tilgen. Gram ist zeitlebens eine weiße Rassistin geblieben, wagt es kaum, eine ihrer schwarzen Enkel zu berühren, als könne das abfärben oder sie verunreinigen.

Für Zwist und Streit ist gesorgt an diesem Wochenende, von dem Dorothy West so filigran und raffiniert erzählt, als würde sie eine literarische Zwiebel häuten oder im Inneren einer verschachtelten russischen Holzpuppe nach dem Kern des Daseins suchen - dem Wesen, das uns alle ausmacht und vereint.

Glücklich und zufrieden ist in dem Roman keiner - einsam und verzweifelt jeder

Ob von Vater oder Mutter, Onkel oder Tante, Schwester, Freund oder Feind - von jedem "Ovaliten", der auf die ratlose und verzweifelte Shelley einredet, entwirft Dorothy West eine Lebensskizze, einen Stammbaum, der in die Sklaverei und in die Ur-Gründe der rassistischen Katastrophe zurückreicht und die Ansichten und Absichten, die Urteile und Vorurteile in einen geschichtlichen und gesellschaftlichen Kontext einbettet. Der Mikrokosmos der schwarzen "Ovaliten" wird zum Bild einer kaputten, kranken Welt, die scheinbar durch nichts zu kitten und zu heilen ist.

Je mehr Häute geschält, je mehr Puppen hervortreten, desto mehr Selbsthass kommt ans Tageslicht: Shelbys hellhäutiger Vater hat seit Jahren eine tief schwarze Geliebte, ihre hellhäutige Mutter vergnügt sich mit wechselnden tiefschwarzen Partnern, ihre hellhäutige Schwester hat einen tief schwarzen Mann geheiratet, um sich ihrer eigentlichen schwarzen Herkunft und Identität zu vergewissern: Glücklich und zufrieden ist keiner, einsam und verzweifelt ist jeder.

Einer der schwarzen "Ovaliten", der glaubt, ein Recht zu haben, Shelbys Hochzeit noch im letzten Moment verhindern zu müssen, wird - von Wut und Zorn geblendet - in sein Auto steigen und sein auf der Ausfahrt spielendes Kind überfahren: Die unschuldigen Kinder, die nichts für all den fürchterlichen Schlamassel können, den die verrückten Erwachsenen in ihrem Egoismus anrichten, müssen immer am meisten leiden.

Zeitlos aktuell

Die große Stilistin Dorothy West erzählt zeitlos aktuell, feinnervig, lebensprall und mit unbändiger Kraft. "Die Hautfarbe", heißt es einmal im Roman, "ist eine Scheindistinktion, die Liebe dagegen nicht." - Wer könnte dem widersprechen?

Frank Dietschreit, rbbKultur

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