Herfried Münkler "Marx, Wagner, Nietzsche: Welt im Umbruch" ©  Rowohlt Berlin, 2021
Rowohlt Berlin, 2021
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Sachbuch über drei große Denker - Herfried Münkler: "Marx, Wagner, Nietzsche"

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Herfried Münkler ist vielleicht der berühmteste Professor Deutschlands. Wann immer über ideologische Verwerfungen, historische Katastrophen und aktuelle Kriege diskutiert wird, ist seine Meinung gefragt. Jetzt hat sich Münkler zum 70. Geburtstag selbst beschenkt und drei Ikonen der deutschen Geistes- und Kultur-Geschichte vereint: Marx, Wagner und Nietzsche. Unzählige Bücher sind über sie schon verfasst worden. Kann Münkler dem wirklich noch etwas Neues und Überraschendes hinzufügen?

Die ambivalenten Biografien der drei Geistesgrößen, ihre Alltagssorgen und Geldnöte, ihre politischen Analysen, musikalischen Revolutionen, philosophischen Innovationen: alles bis ins letzte dunkle Geheimnis und verwirrendste Detail aufgearbeitet und ausgedeutet. Gesellschaftsanalyse und Kapitalismuskritik von Marx. Die Idee des kunstreligiösen Gesamtkunstwerks von Wagner. Die Vorstellung von individueller Freiheit und Umwertung aller Werte durch den von Kunst beseelten Übermenschen von Nietzsche: tausendfach durchdekliniert.

Das weiß natürlich auch Münkler. Deshalb verwickelt er die drei Ikonen der Kulturgeschichte in ein imaginäres Gespräch. Aber Marx und Wagner sind sich nie begegnet, haben kaum je Notiz voneinander genommen. Nur einmal hat sich Marx, als er 1876 auf dem Weg zur Kur nach Karlsbad war und bei einer Zwischenstation in Nürnberg kein Zimmer bekommen konnte, fürchterlich geärgert, weil die Stadt – wie Marx ätzte –, überschwemmt sei von Leuten, "die sich von dort aus zu dem Bayreuther Narrenfest des Staatsmusikanten Wagner begeben wollten." Am Kurort angekommen, schreibt Marx an seinen Freund Engels: "Allüberall wird man mit der Frage gequält: Was denken Sie von Wagner?"

Marx jedenfalls dachte nichts über Wagner, er war ihm völlig schnuppe. Der Musikgeschmack von Marx war zu konventionell, um die kompositorischen Neuerungen Wagners auch nur ansatzweise erfassen zu können. Auch das individual-psychologische und kunst-philosophische Werk Nietzsches hat Marx weder zur Kenntnis genommen, noch irgendwo kommentiert.

Bei Wagner und Nietzsche liegt der Fall dagegen anders: Nietzsche hat Wagner erst glühend verehrt und in ihm den Retter des dionysischen Geistes gesehen, der einen neuen Kunst-Kult erschaffen und Deutschland zu einem aus antiken Ruinen wieder auferstandenen Griechenland machen könnte. Dass sich Nietzsche später von Wagner entfremdete, von seinem großbürgerlichen Lebensstil und seinem Antisemitismus angeekelt war, steht auf einem anderen Blatt.

Vom Kopf auf die Füße

Werk und Wirkung der drei ist für Münkler exemplarisch für die Widersprüche und Umbrüche des 19. Jahrhunderts. Kaum jemand anderes konnte Denken, Kunst und Politik bis heute so beeinflussen. Sie haben Konventionen gesprengt, Neues erschaffen und das Zeitalter der Extreme und politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts antizipiert. Man könnte ihr Werk nutzen, um die religiösen Irrwege und digitalen Probleme einer globalen Welt – die schon Marx im "Kommunistischen Manifest" als Zukunft des entfesselten Kapitalismus vorausgesagt hat – zu erfassen und zu lösen.

Doch dafür müsste man die Werke von allen Verhunzungen und aus den Händen von Friedrich Engels, Cosima Wagner und Elisabeth Förster-Nietzsche befreien: Denn die drei Nachlassverwalter haben Manuskripte umgeschrieben, Briefe verbrannt, missliebige Themen aussortiert, Systematisches und Wissenschaftliches erschaffen, wo vorher freies Denken und offene Türen waren, bei Marx politische Zweifel, bei Wagner musikalischer Furor und bei Nietzsche philosophisches Chaos herrschte.

Münklers Buch, das gelegentlich zu einem finsteren Zitatengrab mutiert, ist der Versuch, Marx, Wagner und Nietzsche vom Kopf auf die Füße zu stellen. Aufzuzeigen, dass Marx mit den Entartungen des Realen Sozialismus nichts am Hut gehabt hätte und von Stalins Schergen an die Wand gestellt worden wäre. Dass Wagners Antisemitismus zwar etwas Verwerfliches und Nietzsches Kunst-beseelter Übermensch etwas Wahnwitzes hatte, dass beide aber im Grabe rotieren würden, wenn sie wüssten, dass der eine zum Lieblings-Musiker von Hitler und der andere zum Vordenker des Faschismus vergewaltigt wurde.

Ereignisse von besonderer Bedeutung

Münkler konzentriert sich auf "Knoten", Punkte, in denen die Biografien der drei sich berühren. Ereignisse, die für alle drei von besondere Bedeutung sind. Einer dieser "Knoten" ist Bayreuth 1876, wo der vorbeireisende Marx sich über die vielen Wagner-Fans ärgerte und Nietzsche sich von Wagner nicht genügend gewürdigt fühlte, enttäuscht von den Festspielen abreiste und fortan zum Wagner-Hasser mutierte.

Auch der deutsch-französische Krieg von 1870/71 ist ein "Knoten", der Wagner in seiner Deutschtümelei bestärkte und von der Zerstörung des verhassten Paris träumen ließ, während Nietzsche sich erst freiwillig als Sanitäter meldete und später um das von der Pariser Commune zerstörte kulturelle Erbe fürchtete. Marx dagegen sah als kühler Diagnostiker auf den Krieg und die Niederschlagung des Aufstands und entwickelte aus seinen Analysen eine neue Sicht auf die Rolle der deutschen Arbeiterklasse.

Die Revolution von 1848/49 ist ein "Knoten": Wagner hat als Hofkapellmeister zusammen mit seinem Anarchisten-Freund Bakunin auf den Dresdner Barrikaden gekämpft, Marx als Chefredakteur der "Neuen Rheinischen Zeitung" die Politik mit journalistischen Mitteln begleitet. Beide, Wagner und Marx, gingen nach dem Scheitern der Revolution ins Exil. Für Nietzsche hingegen, damals noch ein kleines Kind, blieb die Revolution folgenlos, war nie ein Thema.

Der Antisemitismus ist ein "Knoten" und Anlass, nach entsprechenden Belegen zu suchen, genüsslich zu zitieren: Wie Marx in privaten Briefen seinen Widersacher Lassalle wegen seines jüdischen Aussehens beleidigte. Ausführlich zu diskutieren, ob Alberich im "Ring", Beckmesser in den "Meistersingern" und Kundry im "Parsifal" als Juden-Stereotype anzusehen sind. Und was es bedeutet, wenn Nietzsche die Juden als Urheber des "Sklavenaufstands in der Moral" tituliert.

Herfried Münkler im kulturradio-Studio; Foto: Gregor Baron

Eine Welt im Umbruch

Münkler umkreist Themen wie die Wiedergeburt der Antike, Krankheit und Schulden, gescheiterte Revolution und gelungene Reichsgründung, Religionskritik und Gesellschaftsanalyse, Bourgeoisie und Proletariat, die europäischen Juden und die Umsturzprojekte mittels Kunst und neuer Werte-Ordnung. Er fahndet nach Zitaten und biografischen Daten, versucht das Werk der drei Dichter und Denker zu entwirren, auf seinen unverfälschten Kern zurückzuführen und als Wegweiser vom 19. Jahrhundert in die Gegenwart zu deuten – eine Sisyphusarbeit.

Zum Schluss schreibt Münkler, "alle drei miteinander ins Gespräch gebrachten Denker (sind) im 21. Jahrhundert angekommen – und haben hier, nach hochideologischer Auslegung ihrer Werke im 20. Jahrhundert, wieder zu sich selbst gefunden. Einer Welt im Umbruch entstammend, können sie zu Begleitern im 21. Jahrhundert werden, ebenfalls eine Welt im Umbruch."

Wie diese "Begleitung" aussehen, welche Themen für die Lösung der heutigen Probleme wichtig sein könnten: Das hätte man doch gern etwas genauer gewusst. Doch darüber schweigt sich der sonst so beredte Münkler – leider – beharrlich aus.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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