Jenny Erpenbeck: Kairos © Penguin Verlag
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Roman - Jenny Erpenbeck: "Kairos"

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Kairos ist der griechische Gott der günstigen Gelegenheit. Er hat vorne eine Stirnlocke, von hinten aber ist er kahl und glatt. Wer nicht sofort zupackt, hat die Gelegenheit verpasst. "Kairos" heißt der neue Roman von Jenny Erpenbeck, ein abgründiger Liebesroman, der in der Endphase der DDR von 1986 bis in die frühen 90er Jahre spielt. Ob aber der Moment, den es festzuhalten gilt, wenn eine Liebesgeschichte beginnen soll, in diesem Fall nicht besser vorübergegangen wäre, ist eine Frage, die der Roman zwar nicht stellt, im Subtext aber eindeutig mit Ja beantwortet.

Die Geschichte, die Jenny Erpenbeck erzählt, ist keine schöne Liebesgeschichte mit Happy End, sondern die eines Verhängnisses, einer Abhängigkeit bis in die Selbstzerstörung hinein. Besonders ist sie, weil das intime Verhältnis zwischen der neunzehnjährigen Katharina und dem 53 Jahre alten, verheirateten Hans parallel zum Untergang des Sozialismus erzählt wird.

Ein DDR-Intellektueller zwischen Loyalität und Dissidenz

Hans ist Schriftsteller und als solcher ein prototypischer DDR-Intellektueller, der auf dem schmalen Grat zwischen Loyalität und Dissidenz anzusiedeln ist. Als Kind vom Nationalsozialismus geprägt, wählte er in den 50er Jahren, aus dem Westen kommend, die DDR, um dem Faschismus eine bessere Welt entgegenzusetzen, geriet aber in stalinistische Zwangsverhältnisse und verwickelte sich mit allen bitteren Konsequenzen in die realexistierenden Widersprüche – 15 Jahre als IM der Stasi, dann als deren Beobachtungsobjekt.

Aus Liebe wird ein fürchterlicheres Abhängigkeitsverhältnis

Wie kann so einer lieben? Jenny Erpenbecks Roman zufolge: gar nicht. Er kann die junge Geliebte nur besitzen und beherrschen, so wie er zeitlebens von Staat und Partei beherrscht worden ist. Hans offenbart sich, je länger die Geschichte andauert, als unerträglicher Zwangscharakter. So wie die schöne Utopie des Kommunismus pervertierte und nichts als einen hohlen Machtapparat übrigließ, pervertiert auch die anfangs so leidenschaftliche Liebe und verwandelt sich in ein immer fürchterlicheres Abhängigkeitsverhältnis mit sadomasochistisch grundierten Sexualpraktiken und bösartiger psychischer Gewalt. Der Mann entwirft seine junge Geliebte zunächst, indem er ihr alles zeigt, was ihm wichtig ist – Musik vor allem –, unterwirft sie sich dann wie einen Besitz, den er eifersüchtig hütet. Seine Ehefrau vermag er aber nicht zu verlassen.

Einziger Trost: die Rahmenhandlung

Diesen Prozess schildert Erpenbeck minutiös und präzise bis hinein in die Stagnation einer sich endlos dahinziehenden Quälerei, die eingebettet ist in die atmosphärisch dicht gezeichnete Endzeit der DDR in Ost-Berlin. Männer wie Hans gab es nur hier; die DDR ist der Boden dieser scheußlichen Liebe. Der einzige Trost steckt in der Rahmenhandlung, wonach Katharina, Jahrzehnte später, nach Hans‘ Tod, zwei Kartons mit Briefen, Notizbüchern und anderen Materialien erhält, die sie nach kurzem Zögern Stück für Stück durcharbeitet. Da ist dann endlich die Distanz möglich, die während der Geschichte nirgendwo ahnbar werden konnte.

So beklemmend ist vom Ende der DDR noch nicht erzählt worden

Der Text, der aus dieser materialgestützten Rückschau resultiert, ist gleichwohl eine geschlossene, lückenlose, chronologisch fortschreitende Erzählung mit einer allwissenden, auktorialen Erzählerstimme, die mal die Perspektive von Hans, zumeist aber die von Katharina einnimmt. Die Erzählerin ist deutlich klüger als ihre Figuren, doch nicht immer ist klar, woher sie ihr Wissen bezieht und wie es sich von deren inneren Stimmen abgrenzt.

Von solchen konstruktiven Schwächen abgesehen ist "Kairos" jedoch ein kraftvoller, eindrücklicher und erschütternder Roman, der die Abgründe einer Liebe als Abhängigkeit auslotet und darin den Untergang des Sozialismus wie in einem Spiegel zeigt. So beklemmend ist vom Ende der DDR noch nicht erzählt worden.

Jörg Magenau, rbbKultur

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