Peter Wohlleben: Der lange Atem der Bäume © Ludwig
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Sachbuch - Peter Wohlleben: "Der lange Atem der Bäume"

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Peter Wohlleben ist vielleicht der bekannteste Förster und Naturschützer Deutschlands. Er ist gern gesehener Gast in Talkshows, und seine Bücher, wie "Das geheime Leben der Bäume", werden regelmäßig zu Bestsellern. Jetzt hat der Autor, der auch eine von ihm gegründete "Waldakademie" in der Eifel leitet, ein neues Buch geschrieben: "Der lange Atem der Bäume".

Das Erfolgsrezept: eine spezielle Mischung aus eloquentem Auftreten, verständlicher Sprache und unterhaltsamer Vermittlung von komplexen Zusammenhängen. Er schafft es mit spielender Leichtigkeit, die Zerstörung der natürlichen Ressourcen und den vom Menschen gemachten Klimawandel zu beschreiben – und trotzdem Hoffnung zu machen, dass die Welt noch zu retten und die Katastrophe noch aufzuhalten ist: Wenn wir endlich anfangen, so langfristig zu denken und so vernünftig zu handeln, wie die seit Millionen von Jahren ohne menschliches Zutun sehr gut funktionierende Natur.

Denn die Natur – und hier vor allem der Wald, den er als Förster bestens kennt – hat sich seit Jahrmillionen an die Umgebung angepasst und alle Umweltbedingungen, Eiszeiten und Dürreperioden mit Tricks und Raffinesse, mit Ruhe und Gelassenheit überlebt. Erst seit der Mensch in die natürlichen Abläufe eingreift, uralte Wälder abholzt, die das Klima regulieren, die Luft säubern und das Wasser speichern, erst seit der Mensch aus Profitgründen und Gedankenlosigkeit schnell wachsende Baum-Plantagen anlegt, die keinerlei nachhaltigen ökologischen Wert besitzen, macht der Klimawandel den Bäumen zu schaffen, ohne deren Reinigungs- und Feuchtigkeits-Funktion wir nicht überleben werden.

Was Wohlleben in seiner "Waldakademie" erforscht und in seinen Büchern ausformuliert, rührt am urdeutschen Mythos vom geheimnisvollen Sehnsuchtsort Wald. Er erinnert uns an die alte Utopie eines sorgenfreien Lebens im Rhythmus und im Einklang mit der Natur. Dass er die sich abzeichnende Katastrophe und die möglichen Handlungs-Optionen ohne Besserwisserei und Bitternis vorbringt, sondern immer humorvoll bleibt, Tiere und Bäume beschreibt, als würden sie wie Menschen fühlen, denken und handeln, ihnen quasi eine menschliche Stimme verleiht, trägt erheblich dazu bei, die komplizierten Vorgänge besser zu verstehen und die Hoffnung nicht ganz zu verlieren.

Kampf ums Dasein

Auch wenn in Deutschland nicht das perfekte Ökosystem für die Kastanie herrscht, hat sie sich bisher "immer pudelwohl gefühlt", doch seit die Miniermotte ihr Unwesen treibt und die heißen Sommer den Baumwurzeln das Wasser abgegraben, die Blätter Atmung und Fotosynthese eingestellt haben, der Nachschub an CO2 versiegt, die Zuckerproduktion nicht mehr möglich ist und die Bäume ihre letzten Reserven verzehren, die sie eigentlich für den Winterschlaf aufbauen wollten, werfen einige "Panikkandidaten" ihre Blätter ab.

Wenn aber der "Wettergott ein Einsehen" hat und es regnet, treiben sie plötzlich Blüten und Blätter aus, haben "unbändigen Hunger", "tanken" noch einmal ordentlich Zucker und füllen ihre Speicher. Wohlleben: "Buchen versorgen sich unterirdisch über ihr Wurzelgeflecht gegenseitig mit Zuckerlösung, helfen geschwächten, hungernden Exemplaren damit in Notlagen aus. (…) Gepflanzte Kastanien hingegen, fern einer natürlichen Waldgemeinschaft an einer einsamen Dorfstraße, sind offenbar auf sich allein gestellt und müssen ihren Kampf ums Dasein ohne die Hilfe ihrer Familien führen."

Zur Überlebenskunst einer aus dem heißen Spanien nach Mecklenburg eingewanderten Eichen-Art, die hier jetzt, nach vielen Jahrhunderten der Kälte und Feuchtigkeit, mit Dürresommern konfrontiert wird, aber kein Problem hat, damit fertig zu werden, schreibt er süffisant: "Vielleicht erinnern sich die alten Bäume an die Heimat ihrer Vorfahren!"

Einmal schreibt er: Wenn Bäume "Stress" haben, "schalten sie rechtzeitig in den Notfallmodus" und versetzen sich "in eine Art Dämmerzustand", manche kriegen aber "nicht rechtzeitig die Kurve", vertrocknen und sterben. Bäume sind bei Wohlleben mal "Frühaufsteher", mal "Langschläfer". Sind die Sommer zu kurz und die Winter zu lang, schalten manche "auf Stand-by", legen erst los, Zucker durch Fotosynthese zu bilden, sobald die Temperaturen es erlauben.

"Es gibt Hoffnung!"

Den ramponierten Wald retten und den Klimawandel aufhalten will Wohlleben, indem wir ihm Ruhe gönnen, Naturschutz- und Feuchtgebiete anlegen, den Baum in völliger Wildnis sich selbst überlassen: Denn Bäume sind imstande, sich immer und überall an die Umgebung anzupassen. Sie geben ihre Erfahrungen an ihren Nachwuchs weiter, können ihre Kinder "erziehen" und sie perfekt auf die veränderten klimatischen Bedingungen vorbereiten.

Laubbäume brauchen eine intakte Gemeinschaft, um sich gegenseitig zu unterstützen, sich und die Umwelt durch Verdunstung zu kühlen, die Luft zu säubern und Regenwolken zu erzeugen: Doch all diese – gerade für den Menschen – lebenswichtigen Fähigkeiten gehen durch massiven Holzeinschlag verloren, und die schnell wachsenden nicht heimischen Nadelbäume, die seit Jahren vermehrt in Baum-Plantagen gepflanzt werden, haben durch die zunehmende Trockenheit und Hitze sowieso keine Überlebenschance und tragen nichts dazu bei, das Klima zu retten. Wohlleben räsoniert über Läuse und Borkenkäfer, Bakterien und Viren und darüber, wie wir die "Klimaanlage Wald" durch Kahlschlag kaputt machen: "Doch es gibt Hoffnung!", meint er: "Der Wald kehrt überall dort schnell und stark zurück, wo wir es einfach zulassen."

Der mit dem Wald spricht - Unterwegs mit Peter Wohlleben (Quelle: rbb)
Bild: rbb

Alles Lug und Trug

Die Holzindustrie und ihre Profitgier kriegen reichlich Ohrfeigen, korrupte Politiker und ihre hanebüchenen Fehlentscheidungen bekommen ihr Fett weg: Das ist nicht wirklich überraschend. Was ihn wirklich auf die Palme bringt, sind Wissenschaftler, wie Ernst-Detlef Schulze vom Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena, der früher die Rolle der Bäume bei der Kohlenstoff-Speicherung nicht genug hervorheben konnte und jetzt, als emeritierter Professor, behauptet, es sei besser, Bäume zu fällen und für energetische Zwecke zu verbrennen, als den Wald unter Schutz zu stellen. Ein Schelm, wer glaubt, das könnte womöglich damit zusammenhängen, dass Schulze neuerdings als gut bezahlter Berater der Holzindustrie auftritt und in Rumänien an der Abholzung ganzer Wälder beteiligt ist und Geld einstreicht.

Es kann Wohlleben zur Verzweiflung treiben, dass viele Leute dem Irrglauben verfallen sind, Holz sei das Nonplusultra für Möbel und Häuserbau und der ökologisch bessere Brennstoff. Alles Lug und Trug, meint er und schlägt vor: "Holz sollte entsprechend seinem Energiewert genauso behandelt werden wie seine schmutzige Verwandtschaft. Die Verbrennung von Holz ist schließlich klimaschädlicher als Kohle, und das schon ohne die Einrechnung der Kühleffekte und der Bedeutung für lokale Regenfälle von natürlichen Wäldern."

Seine Kalkulation ist einfach: "Ein Kubikmeter Holz entspricht rund einer Tonne CO2 und sollte exakt so besteuert werden wie eine Tonne CO2 aus Kohle oder Öl. Das macht diesen Rohstoff teurer und schützt ihn davor, als preiswerte Öko-Alternative in Kraftwerken verheizt zu werden. "Einen echten Wert für die Atmosphäre", so sein Fazit, "hat Holz nur, wenn es in Form lebender Bäume im Ökosystem verbleibt."

Daran sollten wir denken, wenn wir uns einen neuen Schreibtisch kaufen oder unsere Wohnung mit Holz-Pellets heizen wollen. Lassen wir es lieber bleiben!

Frank Dietschreit, rbbKultur

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