Svenja Leiber: Kazimira © Suhrkamp
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Roman - Svenja Leiber: "Kazimira"

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Die Ostseeküste nordwestlich von Königsberg: Hier wollten die Nationalsozialisten im Januar 1945 Tausende jüdische Frauen und Mädchen in der einst "jüdischen" Bernsteingrube "Anna" einmauern. Als der Plan misslang, trieben sie mindestens 3.000 Menschen auf die gefrorene Ostsee und erschossen sie. Die Schriftstellerin Svenja Leiber weiß, dass diesem Horror literarisch nicht beizukommen ist. Sie weiß aber auch, was schon Faulkner wusste: "Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen", und sie erzeugt ein weites Panorama dieses Landstrichs mit Menschen, vor allem Frauen, die unvergesslich bleiben.

Da ist Kazimira: groß und schmal, mit scharfen Instinkten und wenigen Worten. Eine wie sie gab es vielleicht noch nie in der Literatur. Das Meer, der Wind, der Bernstein sind ihr näher als die meisten Menschen. Sie stört die Geschlechterordnung, als andere noch Krinoline tragen: schneidert sich Hosen, schneidet sich den Zopf ab. Sie will "kein Kindchen" und wird doch eins bekommen.

"Ihr schien allein gewiss, dass das, was die anderen sättigt, bei ihr nur Hunger erzeugt."

Der Geruch, der Hals, die Haut einer Frau werden ihren Hunger stillen und nähren.

Zeuginnen der Zeitläufte

Kazimira in ihrer kleinen, dunklen Hütte am Ostseestrand ist Zeugin gewaltiger Umbrüche. Weil ihr Mann Antas ein kundiger Bernsteinsammler ist und in der Tiefe noch mehr vom fossilen Harz vermutet, als am Strand zu finden ist, wird in den sandigen Boden eine Grube gebohrt. Das fossile Harz ist Gold wert. Die Grube gehört dem jüdischen Unternehmer Hirschberg, dessen Geschäfte seine Frau Henriette im Hintergrund so klar- wie vorsichtig lenkt. Treitschkes Satz von 1879: "Die Juden sind unser Unglück" wird in ihrem Haus aufgewühlt diskutiert, lange bevor die Hirschbergs fliehen müssen.

Kazimira arbeitet bei Hirschbergs als Näherin, doch die so verschiedenen Frauen verbindet eine stille Solidarität. Über mehrere Generationen hinweg, über Industrialisierung und Zerstörung in den beiden Weltkriegen, verfolgt Svenja Leiber die beiden Familien, zoomt immer wieder ganz nah heran, lauscht Dialogen in Küche und Salon, bevor sie wieder in großen Bögen Zeiten und Räume überfliegt. Die Autorin beherrscht verschiedenste Stimmen und Stimmungen, erzählt mal schnoddrig schnell, mal pointiert detailverliebt. Sogar der Bluthunger der Mücken wird hier zu Poesie.

Schichten der Geschichte

Sechzehn Jahre nach ihrem Debüt, dem Erzählungsband "Büchsenlicht", und nach den drei Romanen "Schipino", "Das letzte Land" und "Staub" gelingt Svenja Leiber das Kunststück, die Schichten der Geschichte eines wenig beachteten Winkels Europas auszuleuchten und dabei ganz gegenwärtige Gesichter, eindrückliche Landschaftsbilder und verschüttete Verbindungen bis in die Gegenwart sichtbar zu machen.

Dass die mörderischen Zeitläufte vor allem von Frauen nicht nur ertragen, sondern auch beobachtet und hinterfragt werden, ist so einleuchtend, dass man sich nur einmal mehr wundern kann, weshalb der historische Blick so lange über sie hinwegging.

Literatur statt Raunen

Spannung erzeugt Svenja Leiber durch kühne Zeitsprünge: Die Vergangenheit der Bernsteingrube von 1871 bis 1945 schneidet sie gegen Szenen einer Liebe in Jantarnyj 2012. In der heutigen Stadt, deren russischer Namen klingt, als sei sie ganz aus Bernstein, verfällt die einstmals größte Bernsteingrube der Welt. Das Werkstattgebäude fungiert als Bordell, "bei dem ein paar Soldaten herumstehen". Die Landschaft sieht aus, "als sei der Krieg dort erfunden worden". (Und der nächste, in der Ukraine oder anderswo, steht schon bevor.) In Jantarnyj würde die Bernsteinverkäuferin Nadja lieber Bagger fahren, als Schmuck an deutsche Touristinnen verkaufen, deren Blicke sie "reglos erwidert, bis die deutschen Augen kapitulieren".

Es wundert kaum, dass Nadja, mit so scharfen Sinnen ausgestattet wie Kazimira, aus dem Tagebau merkwürdige Töne hört, eine Art "Raunen". Sie weiß kein besseres Wort für die beunruhigenden Klänge. Svenja Leiber aber füllt diese Leerstelle mit Sätzen, die mitunter schillern wie Bernstein im Licht. Das "lamettert für Sekunden golden" und fängt eine Vergangenheit ein, die nicht vergeht.

Natascha Freundel, rbbKultur

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