Bernhard Schlink: Die Enkelin © Diogenes
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Roman - Bernhard Schlink: "Die Enkelin"

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Viele Jahre lehrte der 1944 geborene Bernhard Schlink als Professor für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an verschiedenen Universitäten und war in den Wirren der Wendezeit juristischer Ratgeber. Nebenbei versuchte er sich als Schriftsteller und begründete mit dem 1995 erschienenen Roman "Der Vorleser" seinen literarischen Weltruhm. Hatte er erst vor drei Monaten mit "20. Juli" ein ebenso aktuelles wie historisch-politisches Theaterstück veröffentlicht, erscheint jetzt sein neuer Roman: "Die Enkelin".

Wie in all seinen Büchern nimmt Schlink auch diesmal wieder Bezug nimmt auf gesellschaftliche Themen, soziale Verwerfungen, historische Analogien. Er will wissen, welche Spuren die Verbrechen und Versprechungen einer Diktatur im Bewusstsein der Menschen hinterlassen; wie Verdrängen und Vergessen funktioniert, wenn politische Systeme zerfallen; wie sich Ideologien festfressen, sich wie ein Krebsgeschwür ausbreiten und das Leben der Menschen auch noch bestimmen, wenn die Diktatur längst durch eine Demokratie ersetzt wurde. Der literarische Zugriff ist dabei fast immer gleich: Jemand hat einen Verlust oder einen Schicksalsschlag erlitten, die Liebe des Lebens ist abhanden gekommen oder eine zentrale Bezugsperson ist verstorben.

Verarbeitung eines Verlusts

Der rat- und ruhelose Erzähler versucht seinen Verlust zu verarbeiten, Geheimnisse zu lüften, Rätsel zu entwirren - und gerät dabei in ein politisch-historisch kontaminiertes Minenfeld. Auf der Suche nach der verlorenen Liebe oder dem verschwunden Anderen lernt der Zurückgebliebene sich selbst besser kennen und rekonstruiert zugleich die politischen, sozialen, gesellschaftlichen Verhältnisse, die Verhalten, Denken, Gefühle der Menschen seit Kindheit prägen und oft verheerende Konsequenzen für das weitere Leben haben.

Man könnte Karl Marx herbeizitierten ("Das Sein bestimmt das Bewusstsein") und sagen: alles, was über die Liebe und das Leben der literarischen Figuren erzählt wird, dient allein dazu, die historischen Verwerfungen und politischen Abgründe offen zu legen und auf der Folie von individuellen Erlebnissen soziale Studien zu treiben.

Offenbarungen

Kaspar, ein Berliner Buchhändler, Mitte Siebzig, könnte sich zur Ruhe setzen, lesen, reisen und den Lebensabend genießen. Doch Birgit, seine Ehefrau, ist gestorben, zerstört von Alkohol und Depressionen. Sie war Kaspar in den letzten Jahren fremd geworden, hat sich abgekapselt und an einem Roman geschrieben, der nie fertig wurde.

Um seinen Schmerz zu bekämpfen und weil ein Verleger sich meldet, der gerne die Gedichte und den angekündigten Roman von Birgit veröffentlichen würde, beginnt Kaspar, ihr Zimmer zu durchforsten und findet Notizen und autobiografische Erzähl-Skizzen, die ihm eine Frau offenbaren, die er gar nicht kannte, die aus ihrem Leben ein großes Geheimnis gemacht hat und daran gescheitert ist, sich der größten Lüge ihres Lebens zu stellen und den größten Verlust ihres Lebens zu verarbeiten.

Ost-Berlin, 1964

Die im Heute beginnende Geschichte springt zurück ins Jahr 1964, als der Westberliner Student die Ostberliner Studentin bei seinen Tagesausflügen in den eingemauerten Realsozialismus kennen und lieben lernt. Kaspars Angebot, in den Osten zu übersiedeln, lehnt Birgit ab, besteht stattdessen darauf, in den Westen zu fliehen und dort ein neues, freies Leben zu beginnen.

Erst aus den Notizen erfährt Kaspar, dass Birgit kurz vor der Flucht ein Baby zur Welt gebracht und in der DDR zurückgelassen hat. Vater des Babys: ein verheirateter hoher Parteifunktionär, der auf keinen Fall wollte, dass seine Affäre öffentlich wurde, aber seine Geliebte anflehte, ihm und seiner kranken Ehefrau, die keine eigenen Kinder bekommen konnte, das Baby zu überlassen.

Auf der Suche nach der "verlorenen Tochter"

Allein das wäre Stoff genug, einen dicken Roman über Liebe und Lügen in Zeiten des Kalten Krieges und des geteilten Deutschlands zu schreiben. Und tatsächlich sind jene Passagen, in denen Kaspar Birgits Notizen entdeckt und beschließt, nach dem damals ausgesetzten Baby, der "verlorenen Tochter", zu suchen, die psychologisch sensibelsten und literarisch überzeugendsten. Doch Schlink schwebt der große politische Aufklärungsroman über die Verwüstung der Psyche durch Ideologien und die Anfälligkeit des in der Diktatur aufgewachsenen Menschen für Populisten und Demagogen vor.

Die Lektüre der Notizen und Kaspars Entschluss, Birgits Tochter zu suchen und alles Kaputte wieder zu heilen, entpuppt sich nur als Vorspiel zu einem Roman, der sich in die Arena der politischen Debatten über alte und neue Nazis begibt und erklären will, warum sich im Osten viele abgehängt fühlen und der DDR nachtrauern, rassistische und antisemitische Phrasen aufsaugen, sich in völkischen Gemeinschaften organisieren.

Auf der Suche nach der "verlorenen Tochter" fährt Kaspar durch verödete Dörfer in Brandenburg und trifft viele maulfaule, unsympathische ewig Gestrige.

Die Enkelin

Er findet Svenja schließlich auf einem völkischen Bauernhof, sie lebt dort mit einem Neo-Nazi und hat eine 14-jährige Tochter, Sigrun, die völkisch erzogen wird, von einer nationalen Revolution träumt - aber doch noch offen ist für alternative Gedanken und Lebensformen, gern musiziert und Gedichte liest. Kaspar, der an Aufklärung und Demokratie glaubt und an die befreiende Kraft der Kunst, interessiert sich fortan nicht mehr für verstockte, verbitterte Svenja, die Tochter, sondern für die neugierige, warmherzige Sigrun: "Die Enkelin".

Er lädt sie nach Berlin ein, besucht mit ihr klassische Konzerte und Museen, inspiriert sie zum Klavierspielen, schenkt ihr Bücher, in denen sie alles über Hitlers Verbrechen und die Morde in Auschwitz erfährt. Er möchte ihr helfen, sie retten, sie mit guter Bildung und guter Kunst zu einem guten Menschen machen.

Ein arg überkonstruierter Roman

Mit Bildung und Kunst aus bösen Nazis gute Bürger machen: eine romantische und blauäugige Vorstellung. Sie passt zu diesem arg überkonstruierten Roman und die bildungsbürgerliche, oft altväterliche Sprache. Bevölkert ist der Roman von Figuren, die immer nur reden und zu allem eine Meinung haben, die ständig trockene politische Theorien zerkauen und daran fast ersticken. Schlink schiebt seine Figuren wie auf einem Schachbrett hin und her, benutzt sie, um politische Phrasen, völkischen Kitsch, emphatische Kulturbeflissenheit abzusondern.

Aber es sind keine Menschen, die einen berühren, bewegen, einem ans Herz gehen: alles nur Meinungsträger und Pappfiguren.

Dass der Erfolg von Populisten im Osten nicht nur auf dem Erbe von Stalinismus und Diktatur beruht und die meisten Neo-Nazis für Bildung und Kultur sowieso verloren sind, hat wohl auch Schlink gespürt: Kaspar jedenfalls hinterlässt eine zerrüttete Familie und ein verstörtes junges Mädchen, das sich nirgendwo mehr zugehörig fühlt und von ihrem "Großvater" in eine schwierige, fast ausweglose Zukunft gestoßen wird.

Kultur kann nicht alles Kaputte heilen und dieser Roman kann es schon gar nicht.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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