Clemens Meyer: Stäube © Faber & Faber
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Drei Erzählungen und ein Nachsatz - Clemens Meyer: "Stäube"

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Sein Debütroman "Als wir träumten" über eine Jugend im Leipziger Arbeitermilieu war ein literarisch kraftvoller, autobiografisch geprägter Paukenschlag . "Stäube", so heißt eine Erzählung, die Clemens Meyer im letzten Jahr exklusiv für das ARD-Radiofestival geschrieben und aufgenommen hat. Darin nimmt er die Leser*innen mit auf eine ebenso düstere wie poetische Reise in eine unheimlich-wirkliche Märchenwelt. "Stäube" ist auch der Titel seines jüngsten Erzählbands.

Es gibt Zeiten, in denen es nötig ist, das Selbstverständliche zu sagen. Clemens Meyer tut das zwischen zwei Klammern. Es sei ihm vollkommen egal ob es sich bei einem Autor um Mann oder Frau handele, schreibt er, ob weiß, schwarz, jung, alt, schwul oder hetero, denn es gehe in der Literatur doch "um ein Werk, das auch, wenn der Autor anonym wäre, wirken und bestehen muss."

Arbeiter im Bergwerk der Literatur

Meyers Bekenntnis findet sich in dem Essay "Wozu Literatur", der einen schmalen Band mit drei Erzählungen abrundet. Die uralte Wozu-Frage geht Meyer weniger theoretisch an, als dass er sich als emphatischer Leser zeigt, der von denen, die er bewundert, viel gelernt hat. Balzac, Joseph Roth, Michail Scholochow, Isaak Babel, Fred Wander, Bernhard Traven, Hemingway, ja sogar der jüngere Thomas Mann wären da vor allem zu nennen, aber auch die Arbeiter im Bergwerk der Literatur: Wolfgang Hilbig, Werner Bräunig und Franz Fühmann. Alles Männer, sehr wohl, aber eben auch Werke.

Abtauchen in Erinnerungen

So ein Bergwerksarbeiter ist auch der in Leipzig lebende Clemens Meyer. Er kennt die Braunkohlereviere seiner Heimat und ist fasziniert davon einzufahren. "Der Bergmann fährt", sagt so einer, "all unsere Bewegungen unter Tage sind ein Fahren in den Berg."

In seinem Essay berichtet Meyer, wie er als Dozent am Leipziger Literaturinstitut seinen Studierenden den Auftrag gab, eine Kurzgeschichte über einen im Berg eingeschlossenen Höhlenforscher zu schreiben, der immer tiefer in seine Erinnerungen abtaucht. Die Studenten waren wenig begeistert von der Idee, aus einem Zeitungsartikel, den er mitbrachte, eine eigene Erzählung zu entwickeln. Also hat Clemens Meyer es eben selber gemacht.

Seine Höhlenforschergeschichte "Dem Grund zu" bildet nun das Zentrum des Bandes "Stäube". Da lässt sich beobachten, wie der Autor am Werkstoff arbeitet, wie er sich in die Situation hineinschreibt, um gleich mit dem ersten Satz voll da zu sein: "Er spürte den Luftzug und kroch weiter."

Die Zeitschichten überlagern sich für den im Dunkeln Eingeschlossenen wie die Erdschichten im Berg. Er erinnert sich daran, wie er als Kind von seinem Großvater, einem Bergmann, aus dem Stollen gerettet wurde, in dem er sich verirrte. Als Leser verirrt man sich mit ihm zwischen den verschiedenen Ebenen der Erinnerung.

Eindringen in die Psyche eines Menschen

Dieser Vorgang des Eindringens – weniger in den Berg als in die Psyche eines Menschen – ist vielleicht auch schon die Antwort auf die Frage "Wozu Literatur". Es gibt kein anderes Medium, das in der Lage wäre, die Welt mit fremden Augen sehen zu lernen und ins Innere anderer Menschen vorzudringen.

In der Erzählung "Wo die Drachen wohnen" ist das ein junges Mädchen, dreizehn oder vierzehn Jahre alt, das mit einer Klicke Halbstarker am Bahnhof in Zwickau herumlungert und Touristen für Geld zu der Stelle führt, wo einmal das Haus der NSU-Terroristen stand, die für die Jugendlichen Helden sind. Das Mädchen gilt ihnen dagegen als "Kanackenbraut", weil sie einen älteren Jungen liebt, der aus Jugoslawien stammt. Als die anderen in einem Abbruchhaus einen Obdachlosen verprügeln und in seinem Schlafsack anzünden, hält sie sich abseits und sorgt sich darum, dass der Mann nicht verbrennt.

Innere Landschaften

Meyer schreibt solche Szenen ganz kalt und gibt doch diesem Mädchen ein großes Herz. Der besondere Blick für das Abgründige und das Randständige der Gesellschaft zeichnet all seine Romane und Erzählungen aus. Er kann voller Anteilnahme über Elend und Armut schreiben, ohne je sentimental zu werden. Empathie stellt sich ein als Effekt, gerade weil die Menschen davon nichts wissen.

Das gilt auch für die kleine, dichte Kurzgeschichte "Die Glocken", die den Band eröffnet. Da kehrt ein Mann am Weihnachtsabend mit dem Zug in seine Heimatstadt zurück, um mit der Mutter ein letztes Mal unterm Christbaum zu sitzen, bevor er sie ins Altersheim bringt. Da zeigt Meyer sein ganzes Können, wenn er mit wenigen skizzenhaften Strichen eine Stimmung tiefster Traurigkeit entstehen lässt, ohne dass seine Figuren darum wüssten. Wenn Meyer mit unbestechlicher Lakonie über Abraumhalden, Wüstungen und Bergwerke schreibt, sind das immer auch innere Landschaften.

Das gilt auch für Bertram Kobers Fotografien von Höhlen, Gestein und Verfall, die dem Band beigegeben sind.

Jörg Magenau, rbbKultur

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