Florian Illies: Liebe in Zeiten des Hasses © S. Fischer
S. Fischer
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Chronik eines Gefühls 1929 - 1939 - Florian Illies: "Liebe in Zeiten des Hasses"

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Mit "1913" hat Florian Illies eines der erfolgreichsten Bücher der letzten Jahre geschrieben und damit ein inzwischen gern kopiertes Verfahren erfunden. Aus kleinen Szenen mit den unterschiedlichsten Protagonisten der Zeit formt er das vielstimmige Bild einer Epoche. Damals war es das Jahr vor dem Ersten Weltkrieg. In seinem neuen Buch wendet er sich gleich einem ganzen Jahrzehnt zu: den 30er Jahren.

In Robert Musils Jahrhundertroman "Mann ohne Eigenschaften" heißt es einmal, die Weltgeschichte sei "mindestens zur Hälfte eine Liebesgeschichte". Florian Illies lässt sich dieses Zitat nicht entgehen, denn es beschreibt exakt, was er tut: Er erzählt Weltgeschichte als Liebesgeschichte und erkundet eine Epoche anhand ihrer Beziehungskonstellationen.

Zwischen effektvollem Arrangement des Materials und sachlicher Dokumentation

"Liebe in Zeiten des Hasses" heißt seine große Collage über die 30er Jahre, ein Titel, der den Weltbestseller "Liebe in Zeiten der Cholera" von Gabriel García Marquez anklingen lässt. Auch der Untertitel "Chronik eines Gefühls 1929 bis 1939" ist geborgt. Alexander Kluge hat bereits eine "Chronik der Gefühle" vorgelegt und bekommt deshalb bei Illies eine kleine Hommage, indem er ihm in seinem großen Sittengemälde einen winzigen Gastauftritt als Dreijährigem gewährt.

Irgendwo zwischen der erzählerischen Ausschweifung eines Marquez und der präzisen Ingenieurskunst Alexander Kluges, zwischen effektvollem Arrangement des Materials und sachlicher Dokumentation ist auch Illies‘ neues Buch einzuordnen.

Liebesverhältnisse

Die Methode ist dieselbe wie in seinem Bestseller über das Jahr 1913, doch nun dehnt er das Verfahren, eine Epoche vielstimmig zum Sprechen zu bringen, auf ein ganzes Jahrzehnt aus und konzentriert sich dabei ausschließlich auf Liebesverhältnisse. Sartre und de Beauvoir natürlich, Benn und seine Frauen, Brecht und seine weibliche Produktionsgenossenschaft, die schillernde Familie Mann, der dem Alkohol verfallene F. Scott Fitzgerald und seine schizophrene Gattin Zelda, der Unkraut jätende Hermann Hesse und die ungeliebte Ninon, der getreue Kurt Weil und die zwischen den Geschlechtern irrlichternde Lotte Lenya - vor allem bisexuelle, schwule und lesbische Zweiecks-, Dreiecks- und Vierecksverhältnisse mit allerlei Frust- und Aggressionspotential.

Der aufkommende Nationalsozialismus ballt sich zusammen wie eine finstere Gewitterfront

Auf diese Weise – unter weitgehender Ausblendung des Ideologischen und der politischen Ereignisse – ist über die Epoche des Faschismus noch nicht geschrieben worden. Das ist ein Wagnis, und es hat seinen Preis. Es führt dazu, dass der aufkommende Nationalsozialismus sich wie eine finstere Gewitterfront zusammenballt, ohne dass man über dessen Ursachen etwas erfährt. Und so entlädt er sich auch, mit Blitz und Donner, der die kulturellen Protagonisten der Weimarer Zeit ins Exil oder in den Tod treibt.

Um die Liebe steht es nicht gut in Zeiten des Hasses

Auch die Kapiteleinteilung der chronologisch voranschreitenden Untersuchung ist eigenwillig. Das Jahr 1933 im Zentrum wird eingerahmt von den beiden Abschnitten "Davor" und "Danach". So entsteht zunächst das Bild einer künstlerischen und intellektuellen Boheme, die, verstrickt in sexuellen Eskapaden und erotische Experimente aller Art, vor allem mit sich selbst beschäftigt ist. Vielleicht – und Illies legt diese These durchaus nahe – hat diese Selbstbezüglichkeit den Aufstieg des Nationalsozialismus erleichtert.

Um die Liebe steht es jedenfalls nicht gut in Zeiten des Hasses. Es ist eher ein Gruselkabinett der Gefühlsverkrüppelungen, manischer Übersteigerungen, rauschhafter Exzesse und verklemmtester Verkrampftheit. Letztere verkörpert Ludwig Wittgenstein, für den schon der Gedanke an ein Liebesverhältnis sündhaft war. Logiker haben auch nicht immer die besseren Antworten.

Vom zentralen Schauplatz Berlin ins Exil nach Südfrankreich, Ibiza, Skandinavien und Hollywood

Der zentrale Schauplatz ist zunächst Berlin, doch nach der Machteinsetzung Hitlers finden sich die meisten der Protagonisten im Exil wieder – in Südfrankreich wie die Familie Mann, auf Ibiza wie Walter Benjamin, in Skandinavien, wo Kurt Tucholsky sein Leben beendet, in Hollywood, wo Marlene Dietrich ihr Diventum ausagiert oder in Paris, wo Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir ganz darin aufgehen, die abstoßenden Spielchen ihrer offenen Beziehung zu spielen und darüber hinaus nicht viel mitzukriegen.

Nur der anfangs mit den Nazis sympathisierende Gottfried Benn und das unerschrockene Muttersöhnchen Erich Kästner, der der Verbrennung seiner eigenen Bücher auf dem Bebelplatz zusieht, bleiben zurück.

Zur zentralen Figur aber wird mehr und mehr Klaus Mann. Er, der immer schon Heimatlose, der nun seine eintausendzweihundertste Hotelübernachtung erlebt, verkörpert die Epoche des Exils wie kein anderer: in seiner verzweifelten Drogenabhängigkeit ebenso wie in seiner Auseinandersetzung mit Gottfried Benn und in seinem antifaschistischen Engagement, mit dem er den Vater zu überzeugen sucht.

Eine Chronik, getränkt mit Thomas Mann-haftiger Ironie

Illies vollbringt das Kunststück, einen Sog zu erzeugen und selbst süchtig zu machen. Seine Chronik bedient ein wenig den Voyeurismus, ist aber immer auch lehrreich, gebildet und auf eine geradezu Thomas Mann-hafte Weise getränkt mit zarter Ironie, die aber nie hochnäsig wirkt, sondern immer nah an den Figuren bleibt. Ein Vorteil besteht auch darin, dass Illies sich mit Bildender Kunst mindestens genauso gut auskennt wie mit Literaturgeschichte.

Ein höchst unterhaltsames, komisches und tragisches Buch

Man darf sicher sein, dass dieses höchst unterhaltsame, komische und tragische Buch ein großer Bestseller werden wird. Bestseller verfahren häufig nach dem Prinzip, Berühmtheiten oder Genies auf die Ebene des Alltags herunterzuholen, sie in ihren menschlichen Schwächen zu zeichnen und auf diese Weise näherzubringen. An Berühmtheiten besteht hier kein Mangel. Fast ausnahmslos sind sie – egal in welcher sexuellen Konstellation und Orientierung - in unglücklich machende Liebschaften verstrickt. Sie kommen weniger als künstlerisch Schaffende vor, denn als Leidende.

"Alle glücklichen Paare ähneln einander", schreibt Illies als Paraphrase des berühmten Tolstoi-Zitats. "Aber alle unglücklichen sind auf ganz eigene Weise unglücklich."

Das ist zwar hübsch gesagt, aber falsch. Zumindest zwei glückliche Paare, die sich unterscheiden, hat auch Illies gefunden: Es sind Hannah Arendt und Heinrich Blücher und - nach gewissen Anlaufschwierigkeiten - das Verlegerpaar Kurt und Helen Wolff.

Man darf Illies nicht alles glauben, was er schreibt. Manches ist eher auf Effekt getrimmt und geht auf Kosten der Genauigkeit. Aber damit macht er neugierig auf mehr und lädt dazu ein, in alle verfügbaren Richtungen weiterzulesen.

Jörg Magenau, rbbKultur

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