Irene Dische: Die militante Madonna © Hoffmann und Campe
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Roman - Irene Dische: "Die militante Madonna"

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Irene Dische wurde 1989 mit dem Erzählungsband "Fromme Lügen" schlagartig bekannt. So lakonisch und erbarmunglos ist zuvor noch nie über den Holocaust geschrieben worden. Lakonie und ein gnadenlos scharfer Blick gehören seither zu den Markenzeichen Disches, die 1952 in New York geboren wurde. Jetzt hat sie einen neuen Roman vorgelegt, mit dem sie sich ins 18. Jahrhhundert und ins Zeitalter des französischen Absolutismus begibt.

Der Chevalier d’Eon de Beaumont, dessen männliches Geschlecht erst nach seinem Tod zweifelsfrei festgestellt werden konnte, gilt als der erste Transvestit der Weltgeschichte. Aber eigentlich ist das schon falsch, weil der Begriff des Transvestitismus erst 150 Jahre später, im Jahr 1910, vom Sexualforscher Magnus Hirschfeld geprägt wurde. Zur Zeit des Chavalier d’Eon, in der Spätphase des französischen Absolutismus, war es gar nicht so ungewöhnlich, wenn die oberste Gesellschaftsschicht sich bei höfischen Maskenbällen damit vergnügte, dass sich Männer wie Frauen und Frauen wie Männer kleideten.

Ein androgyn-amphibienhafter Held, der als untoter Geist sein Leben schildert

So jedenfalls erklärt es der Chevalier in Irene Disches neuem Roman "Die militante Madonna". Er – oder sie – hält solche Rollenwechsel für "Kinkerlitzchen". Dische lässt ihren androgyn-amphibienhaften Helden direkt die heutige Leserschaft ansprechen – der Erzähler als untoter Geist, der sein Leben schildert. Er möchte uns Heutigen klar machen, dass wir die Wahlfreiheit, Mann oder Frau zu sein, nicht erfunden und schon gar nicht gepachtet haben.

Irrungen und Wirrungen des Genderismus und falsch verstandener Freiheit

Der kleine Prolog, in dem Dische ihren Chevalier sich subtil über den heutigen Sprachgebrauch und "Falschsprechen" lustig machen lässt, könnte der Beginn einer blitzenden Satire über all die Irrungen und Wirrungen des Genderismus und falsch verstandener Freiheit sein. Schließlich sind Lakonie und satirischer Scharfblick Disches Markenzeichen seit ihrem fulminanten Debüt, dem Erzählungsband "Fromme Lügen" von 1989.

Erkenntnislos

Nur leider macht Irene Dische daraus nichts; die Ansprache der heutigen Leserschaft über Jahrhunderte hinweg bleibt ein rhetorischer Kniff, dem keine Erkenntnis folgt. Stattdessen lässt sie ihren Ich-Erzähler – basierend auf d‘Eons nachgelassenen Memoiren, die sie als Material ausbeutet – weitschweifig berichten, wie er, mal als Mann und mal als Frau auftretend, sein abenteuerliches Leben als französischer Diplomat, als Soldat und als Fechtmeister bzw. -meisterin gestaltete, der im Auftrag von Louis XV. zunächst am Hof der Zarin Elisabeth von Russland antichambrierte, bevor er als Spion nach England geschickt wird, um dort die Schwächen des Erzfeindes auszukundschaften.

Vor allem aber ging es ihm um das eigene gute Leben, darum, die Monarchie nach Herzenslust auszunehmen, keine Intrige, keinen Klatsch zu scheuen und zum Gegenstand englischer Buchmacher zu werden, wo auf d’Eons Geschlecht gewettet wurde.

Nebenbei handelt die Geschichte auch von der Erfindung des Gossenjournalismus und einer Öffentlichkeit, die Verleumdung zu ihrem erpresserischen Geschäftsmodell macht.

Dische schreibt im Stil einer mittelalterlichen Aventure. Die Überschriften der kurzen Kapitel – "Wie ich in die Ecke getrieben wurde" oder "Wie ein Brand in London meine Identität verriet" – klingen, als wären sie dem "Simplicissimus" oder "Don Quijote" entnommen. Auch die Sprechweise der Figuren ist der damaligen Zeit nachempfunden, manchmal aber auch einfach nur holprig oder schlampig, wenn es etwa heißt: "Er schloss seinen Appell an den König mit einem Appell."

Da Dische, 1952 in New York geboren und heute in Berlin und New York lebend, in englischer Sprache schreibt, kann das auch an der Übersetzung von Ulrich Blumenbach liegen.

Ein unkonturierter, unübersichtlicher und historisch indifferenter Roman

Dische ist sichtlich fasziniert von ihrem Helden, den sie tendenziell als Frau in Männerrollen vorführt, um am Ende doch noch einen Clou zu präsentieren. Sie macht diesen Luftikus, der auch in Frauenkleidern zu fechten pflegte, zu einem feministischen Vorkämpfer, der eine Amazonenarmee aufzubauen versuchte, um mit diesem weiblichen Bataillon George Washington und die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung zu unterstützen. Aber auch daraus wird dann nichts.

Der Roman birst geradezu vor Details und Opulenz, bleibt aber in dieser Überfülle stets auf einer Tonhöhe, unkonturiert, unübersichtlich und historisch indifferent. Der Untergang des Absolutismus ist nichts als Kulisse, die französische Revolution allenfalls eine Randnotiz, die Gründung Amerikas weit weg. So liest man die atemraubende Geschichte des Chevalier d’Eon mit zunehmendem Überdruss und betrachtet das erzählerische Gefunkel mit der Langeweile, die jedes pompöse Feuerwerk nach anfänglichem Staunen erzeugt.

Jörg Magenau, rbbKultur

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