John le Carré: Silverview © Ullstein
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Roman - John le Carré: "Silverview"

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Der britische Schrifsteller John le Carré, weltbekannt für seine Spionage-Romane, starb im Dezember letzten Jahres und hinterließ das Manuskript zu seinem letzten Buch in seiner Schublade. Zu seinem 90. Geburtstag erscheint "Silverview" nun auf Deutsch.

Julian Lawndsley hat keine Ahnung von Literatur. Er hat etwa noch nie von Noam Chomsky und W. G. Sebald gehört, geschweige denn von dessen Meisterwerk "Ringe des Saturn". Trotzdem eröffnet er in einem südenglischen Küstenstädtchen eine Buchhandlung. Denn der 33-Jährige hat keine Lust mehr, dem Geld nachzujagen. Davon hat er allerdings in der City of London als Broker jede Menge verdient.

Auf den Spuren eines begnadeten, zwielichtigen Spions

Bald überredet ihn der seltsame, jedoch charmante Edward Evon, im leeren Keller der Buchhandlung eine "Republik der Literatur" mit handverlesenen Werken von größter Güte zu etablieren. Edward wohnt am Ortsrand in einer Villa, die "Silverview" heißt, anspielungsreich benannt nach der Villa Silberblick in Weimar, in der einst Nietzsche darnieder lag.

Edwards Frau Deborah, angeblich Orientalistin, tatsächlich brillante Nahost-Expertin im britischen Geheimdienst, liegt im Sterben. Unterdessen sucht der Geheimdienstler Stewart Proctor nach dem Leck, durch das notorisch geheime Informationen abfließen, die von Belang für die nationale Sicherheit sind. Proctor gräbt in der spektakulären Lebensgeschichte eines gewissen "Florian", eines begnadeten, zwielichtigen Spions, der nicht zuletzt auf dem Balkan in den post-jugoslawischen Kriegen agiert hat, aber ...

Julian Lawndsley gehört nicht zu le Carrés stärksten Figuren

Jeder weiteren Inhaltsangabe müsste man einen Spoileralarm vorschalten. John le Carré, gestorben im Dezember 2020, hat "Silverview" noch zu Lebzeiten komplett fertiggestellt. Und so viel kann man sagen: Dieser Julian Lawndsley gehört sicher nicht zu seinen stärksten Figuren. Er dient in erster Linie dazu, die Geheimdienst-Verwicklungen mit ein bisschen zivilem Alltagsleben zu verknüpfen und gewissermaßen nahbarer zu machen.

Julians Liebesgeschichte mit Lily, der Tochter von Deborah und Edward, beginnt so radikal schlicht ... sie greift unter dem Tisch nach seiner Hand – und das war's, man ist jetzt irgendwie zusammen ..., dass man sich fragt: Ist das jetzt High-end-Coolness oder hatte der alte le Carré noch weniger Lust als früher, amouröse Gefühlsentwicklungen zu schildern?

Auch der Plot, wie, wo, bei wem besagter Proctor das besagte Datenleck findet, ist nicht von größter Raffinesse. Und die weltpolitischen Konflikte, namentlich die Balkan-Kriege und die Irak-Kriege, spielen für die Geschichte zwar eine Rolle – aber gleichsam nur als stummes Bühnenbild, als Hintergrund-Grauen.

Ein starkes Buch - wenn auch ohne Action-Faktor

Trotzdem ist "Silverview" ein starkes Buch. Vorausgesetzt, man akzeptiert, dass sich die Ereignisse und Zusammenhänge wesentlich in langen Gesprächen entfalten und der Action-Faktor genau null beträgt. Wie gewohnt passen die Figuren le Carrés nicht ins übersichtliche Gut-Böse-Schema. Ihre Loyalität zu Staaten, Institutionen, Diensten kann von der Loyalität und der Liebe zu Menschen unterlaufen werden. Sie können hier hohen Idealen folgen und dort schäbigen Verrat begehen, wie am plastischsten die Geschichte Florians zeigt, der irgendwann, mitten im Spionage-Getümmel, die Liebe seines Lebens über alles stellt.

Der britische Geheimdienst erscheint oft eher Teil des jeweiligen Problems als Teil irgendeiner Lösung zu sein. Le Carré beschreibt die Arbeitsweise als (unnötig) kompliziert, bürokratisch, stark hierarchisiert; im Zweifel lähmt sich der Dienst durch sich selbst und seine Rituale. Faszinierend, grotesk, anschaulich: Ein Treffen Proctors mit Kollegen in einem Bunker 100 Meter unter der Erde auf einem abgeschiedenen Flughafengelände. Dort ist das allerletzte, restlos abhörsichere Refugium im Falle eines Atomkrieges – nur dass von dort bis vor kurzem eine Leitung zu der ominösen Villa Silverview führte.

Die Beerdigung Deborahs streift die Grenze zur Realsatire. Das Vater-Thema, das le Carré oft und am stärksten in dem hochgelobten Roman "Ein blendender Spion" beschäftigt hat, taucht auch in "Silverview" (dezent) wieder auf.

Eine weitere Dekonstruktion des Geheimdienst- und Spionage-Milieus

Le Carrés posthumes Werk ist kein Page-Turner. Es ist durchaus spannend, aber die Spannung ist – so gehört sich das bei gehobenen Ansprüchen – nur bei stabiler Aufmerksamkeit zu haben. Le Carré überlässt es seinen Leser:innen, nach und nach die relevanten von den irrelevanten Informationen zu trennen. Er zieht sie hinein ist das abgefeimte Spiel, das seine Figuren regelmäßig miteinander spielen.

In puncto Stil fallen hier und da Schwächen auf. Von Julian heißt es: "Seine spontane Flucht aus dem gnadenlosen Konkurrenzkampf hatte einen armseligen Start erwischt" - nur "erwischt" eine Flucht keinen armseligen Start, sie beginnt vielleicht armselig; das Verb "erwischen" wirkt hier unbeholfen.

Auf der anderen Seite gelingen le Carré viele lapidare Sätze, die es auf den Punkt bringen. "Mum kommt mit allen Hautfarben zurecht, nur nicht mit schwarz, es sei denn beim Pflegepersonal", beschreibt Lily Deborahs Rassismus.

"Silverview" ist keine zornige Abrechnung mit der Ex-Weltmacht Großbritannien. Wohl aber eine weitere Dekonstruktion des Geheimdienst- und Spionage-Milieus. Als Proctor den Fall Florian mit seinem Ex-Kollegen Philip durchgesprochen hat, meint dieser eher abgeklärt als resigniert: "Wir haben nicht viel erreicht, um den Lauf der Geschichte zu ändern, oder? So von einem alten Spion zum anderen, würde ich schätzen, ich wäre als Leiter eines Jugendclubs nützlicher gewesen."

Ein letztes Mal

Erfreulicherweise hat die Vergeblichkeit des geheimdienstlichen Trachtens John le Carré Zeit seines Schriftstellerlebens nie davon abgehalten, selbige höchst gründlich, spannend und mit genauem Blick für den menschlichen Makel zu beschreiben – zum letzten Mal nun in "Silverview".

Arno Orzessek, rbbKultur

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