Julia Franck: Welten auseinander © S. Fischer
S. Fischer
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Roman - Julia Franck: "Welten auseinander"

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Nach langer Stille hat Julia Franck wieder ein Buch vorgelegt. "Rücken an Rücken" erschien 2011 – jetzt, nach zehn Jahren, ist eine neue Familiengeschichte der erfolgreichen Berliner Autorin da. Auch "Welten auseinander" handelt von einer Familie, doch der Unterschied zu den bisherigen Büchern der Schriftstellerin ist, dass dieses Buch unverhüllt von ihrer eigenen Geschichte erzählt.

Themen wie Vertreibung, Vernachlässigung, Verlusten, Verheerungen durch die Zeitläufte klangen in allen anderen Büchern Francks an, doch dieses Mal geht es um sie selbst: Um ein Mädchen namens Julia, das in Ostberlin geboren wird, als Achtjährige mit ihren Schwestern und ihrer Mutter in den Westen geht, mit 13 mehr oder weniger alleine nach West-Berlin zieht, dort ihren Vater trifft und ihr Abitur macht.

Grenzen zwischen Literatur und Wirklichkeit

"Die Wildnis einer Herkunft lässt sich nicht eindeutig beschreiben", heißt es in ihrer drei Generationen umspannenden Familiengeschichte "Welten auseinander". Und eine wilde, verblüffende Geschichte ist es allemal.

"Auch in meinen wirklichen Leben habe ich eine Mutter, vier Schwestern und Freunde, die ich liebe“, heißt es im Prolog, in dem Julia Franck deutlich macht, dass sie sich sehr bewusst darüber ist, dass Erinnerung eine unzulässige Masseinheit ist, die bei jedem Menschen anders ist.

Verschiedene Menschen erinnern sich an Ereignisse und Menschen vollkommen unterschiedlich. "Oft liegen Geschichten und unsere Sicht auf die Wirklichkeit Welten auseinander", schreibt sie.

Damit markiert sie den Text eindeutig als eigene, hochpersönliche Erinnerung und schützt damit vielleicht auch Familienmitglieder, die hier nicht besonders gut wegkommen. An einer Stelle heißt es: "Die Grenze zwischen Literatur und Wirklichkeit hat es in meiner Kindheit kaum gegeben. Oft waren die Geschichten, die wir hörten unsere Wirklichkeit." Damit spielt sie in diesem Roman. Und Roman kann man ihn durchaus nennen. Denn als Schreibende, als Autorin weiß sie, dass allein die Selektion von Erinnerungen und die Art, wie sie darüber schreibt, Ereignisse zu Literatur machen.

Eine Kindheit mit Brüchen

Julia Francks Familie ist voll mit schwierigen, starken Frauen. Da gab es die Großmutter, Irene Hunziger, eine jüdische Bildhauerin, die eines nicht sein wollte: Mutter von Beruf.

Und auch die Mutter, die Schauspielerin Anna Franck, war nicht gerade liebevoll, kümmerte sich nur wenig um die fünf Töchter. Nach vielen Monaten im Auffanglager zog sie mit den Kindern als Aussteigerin auf einen Bauernhof, den sie verkommen lässt. Die Mädchen kümmern sich umeinander, während die Mutter nackt herumläuft, überfordert ist.

Mit 13 Jahren zieht Julia zu Freunden der Familie nach West-Berlin. Sie verdient Geld mit Nebenjobs, lernt ihren leiblichen Vater kennen und verliert ihn gleich wieder, weil er früh stirbt. Sie macht Abitur und trifft Stephan, ihre großen Liebe. Doch auch ihn verliert sie, als er bei einem Fahrradunfall ums Leben kommt.

"Welten auseinander" ist die Geschichte einer außergewöhnlichen Kindheit und Jugend mit vielen Brüchen und Unsicherheiten, und es handelt von einer jungen Frau, die ihr Leben früh in die Hand nehmen muss.

Vaterlosigkeit, Verluste, Vernachlässigung

Stilistisch fällt auf, dass Julia Franck sachlich schreibt, fast protokollarisch. Vielleicht, weil es sich um eine Art der Wirklichkeit handelt. Auch alte Tagebücher hat sie in dieses Buch eingearbeitet, denn schon als Kind und Jugendliche hat sie intensiv Tagebuch geschrieben. "Die einzige verlässliche Beziehung, die ich in meiner Kindheit entwickelte, war die zu meinem Tagebuch", schreibt sie an einer Stelle. Plastisch sind daher die Erinnerungen an ihre Jugend, als sie als einzige in ihrer Klasse Ost-Berlin regelmäßig besuchen durfte, um ihre Großmutter zu besuchen. Das aber hielt sie lieber geheim.

Eine Abrechnung mit ihrer Familie ist dieses Buch nicht. Julia Franck entschuldigt niemanden, entblößt aber auch keinen, klagt keinen an. Dass die Frauen in ihrer Familie, ihre Großmutter und ihre Mutter, anfechtbar waren, hat Gründe – frühe Verluste von nahen Menschen, Vaterlosigkeit, Vernachlässigung - auch diese werden hier gezeigt.

Ambivalenzen sind hier erlaubt: Es geht um Verheerungen der Geschichte und der Geschichten und um ihre Auswirkungen auf Menschenleben, und dafür hat Julia Franck einen beeindruckenden, ruhigen Ton gefunden, um ihre eigene Biografie zu erforschen, vielleicht zu verstehen – auf jeden Fall aber ein ergreifendes Buch daraus zu machen.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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