Svenja Flaßpöhler: Sensibel © Klett-Cotta
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Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren - Svenja Flaßpöhler: "Sensibel"

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Mit ihrer Streitschrift "Die potente Frau" sorgte die Philosophin Svenja Flaßpöhler 2018 für einiges Aufsehen: In Reaktion auf die MeToo-Debatte forderte Flaßpöhler, wir sollten mehr über eine neue Weiblichkeit und die Handlungsmöglichkeiten von Frauen nachdenken, statt sie vor allem als Opfer darzustellen. Auch in ihrem neuen Buch bürstet Flaßpöhler Debatten unserer Zeit gegen den Strich. Es hinterfragt "moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren".

Mit "Moderner Empfindlichkeit" meint Svenja Flaßpöhler die sogenannte Kultur der "Wokeness", die vor allem in den sozialen Netzwerken zu finden ist und in der die Welt im Licht persönlicher Verletzungen und Verletzbarkeiten betrachtet wird. Da gelten oft all unsere Beziehungen als weiß und männlich dominiert, als rassistisch, kolonialistisch, unterdrückend und gewalttätig.

Ein Beispiel ist das sehr erfolgreiche Buch "Radikale Zärtlichkeit" von Şeyda Kurt. Wie bei Kurt kommt von dieser Seite oft die Forderung, die Welt habe sich dieser neuen Empfindlichkeit anzupassen, nicht zuletzt sprachlich.

Sensibilität versus Resilienz?

Doch Svenja Flaßpöhler geht es nicht um ein Bashing der linken Identitätspolitik, wie man das etwa in Bernd Stegemanns Buch "Die Öffentlichkeit und ihre Feinde" findet. Sie postuliert vielmehr eine gesellschaftliche Spaltung zwischen den "Woken", die sich selbst gern als so einzigartig, zart und empfindlich wie "Schneeflocken" betrachten, und eher neoliberal eingestellten Menschen, die dem Motto folgen: "Jeder ist seines Glückes Schmied": man müsse sich nur anstrengen, sich eher schützen und verhärten, statt die eigenen Wunden vorzuzeigen.

Widerstandskraft, also Resilienz, versus Sensibilität, das ist der Gegensatz, den Flaßpöhler in unserer Debattenlandschaft sieht. Sie glaubt, dass dieser Streit gerade das gesellschaftliche Miteinander gefährdet – und sie möchte in ihrem Buch kulturhistorisch aufklären, dass und wie diese scheinbar gegensätzlichen Streitpole miteinander verbunden sind.

Sensibilität als kulturelle Errungenschaft

Insofern ist Svenja Flaßpöhlers neues Buch versöhnlicher als ihre Streitschrift "Die potente Frau". Sie möchte die Polemiken und Frontstellungen zwischen "woke und widerständig" oder "links und rechts" – allesamt grobe Verallgemeinerungen in einer komplexen Gemengelage – beiseitelassen und zeigen, wie sich unsere Sensibilität als kulturelle Errungenschaft entwickelt hat. Dazu greift die Chefredakteurin des Philosophie Magazins gezielt und ungezwungen ins Bücherregal der Geistesgrößen aus Kulturgeschichte, Literatur, Philosophie und Psychoanalyse.

Mit Butler gegen Gender-Sprache

Polemisch betrachtet, sind es vor allem alte, weiße Männer, auf die Svenja Flaßpöhler sich bezieht. Sie steigt ein mit dem Soziologen Norbert Elias, der in "Über den Prozess der Zivilisation" (1939) die Verhöflichung der Ritter beschrieben hat – und sie kontrastiert sehr eindrücklich den noch vor-höfischen, unzivilisierten, barbarischen Ritter Johan mit einem Jan von heute, der das absolute Gegenteil von Johan im 11. Jahrhundert ist: Jan lebt in jeder Hinsicht achtsam, natürlich vegan, er ist Lehrer und sagt "Schüler_innen", und er ist, wie auch Ritter Johan, etwas überzogen karikierend beschrieben.

Tiefgründiger wird es, wo Flaßpöhler ein Streitgespräch zwischen den Philosophen Friedrich Nietzsche und Emmanuel Lévinas inszeniert. Oder wo sie über Samuel Richardsons Briefroman "Clarissa" aus der Mitte des 18. Jahrhunderts schreibt, für die Autorin ein MeToo-Roman avant la lettre.

Besonders erhellend und aktuell wird es dort, wo sie sich auf eine weibliche Denkerin bezieht – nämlich auf die feministische Philosophin Judith Butler. Mit Butler argumentiert Flaßpöhler gegen neue und zunehmend differenziertere Identitätsbezeichnungen, weil die jemanden etwa als "non-binär", "queer" oder "trans" festschreiben, anstatt Identität immer als Inszenierung, als Rollenspiel offenzuhalten, wie Butler das vorschlägt.

Einmal mehr verteidigt Svenja Flaßpöhler hier das generische Maskulinum. Das ist nicht neu, aber in der philosophisch-dialektischen Auseinandersetzung mit Butler eine erfrischende Lektüre.

Die Ambivalenz der Empfindlichkeit

Möglicherweise unterschätzt Svenja Flaßpöhler die Empfindlichen, die "Woken", die "Schneeflocken" von heute, die sich selbst gar nicht als so schwach und wund verstehen, wie Flaßpöhler sie darstellt. Nicht zufällig gehört zum Bild der Schneeflocken die Lawine, die sehr mächtig werden kann. Wäre eine philosophische Auseinandersetzung mit Autorinnen und Autoren der gegenwärtigen Empfindsamkeit nicht herausfordernder gewesen, als einmal mehr Ernst Jüngers "In Stahlgewittern" aufzurufen oder den Traumabegriff Sigmund Freuds? Wie liest Svenja Flaßpöhler zur modernen Empfindsamkeit etwa Jane Austen, Virginia Woolf oder Audre Lorde? Wir erfahren es leider nicht. Dennoch steckt in diesem Buch viel Denkstoff über die Ambivalenzen zwischen Sensibilität, Zwang und Aggression und über die Kraft und die Grenzen der Sprache, die sich als Verständigungsmittel und nicht als Privatsprache entwickelt hat.

Natascha Freundel, rbbKultur

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