Andreas Kilcher (Hg.): Franz Kafka - Die Zeichnungen © C.H. Beck
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Zeichnerische Gesamtschau - Andreas Kilcher (Hg.): "Franz Kafka. Die Zeichnungen"

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Dieses opulente Buch ist eine Sensation: Erstmals zeigt es das zeichnerische Werk Franz Kafkas in einer Gesamtschau. "Ich war einmal ein großer Zeichner", so schrieb Kafka im Februar 1913 an die von ihm umworbene Felice Bauer: "Jene Zeichnungen haben mich zu seiner Zeit, es ist schon Jahre her, mehr befriedigt, als irgendetwas." Dass Kafkas Zeichenkunst nun aller Welt zugänglich ist, geht auf einen jahrelangen Gerichtsprozess um den Nachlass von Max Brod zurück.

Ein großer Zeichner? Ein selbstironischer Satz: "Du, ich war mal ein großer Zeichner, nur habe ich dann bei einer schlechten Malerin schulmässiges Zeichnen zu lernen angefangen und mein ganzes Talent verdorben. Denk nur! Aber warte, ich werde Dir nächstens paar alte Zeichnungen schicken, damit Du etwas zum Lachen hast."

Zeichnungen, Karikaturen und Kritzeleien mit frechem Witz

Tatsächlich zeigen einige dieser Zeichnungen, Karikaturen, Kritzeleien einen frechen Witz. Kafka hatte offenbar ein Faible für Strichmännchen in Bewegung, hingeworfen wie in Eile mit wenigen kurvigen Konturen und Schraffuren, als bestünden sie vor allem aus Luft. Arme und Beine sind oft überlang, streben fort, beugen, tanzen, tasten oder schweben ins Nichts. Köpfe und Gesichter sind minimale Striche und erinnern mehr an Affen oder Mäuse als an Menschen. Das ist oft komisch und lässt, wenn man so will, an Kafkas Sätze über Luftmenschen denken, seine Flughunde, den Hungerkünstler, Josephine, die Maus und Sängerin, oder den "Wunsch, Indianer zu werden" und quasi im Nichts zu reiten.

Der Körper als Zeichen, unlesbar

Kafka hat verschiedene Stile ausprobiert: mal fast kalligraphisch geschwungene Linien, mal harte, expressionistische Striche etwa für Reiter. Zwischen den merkwürdigen, kreuz und quer aufs Papier geratenen Typen tauchen plötzlich Selbstporträts auf, Skizzen des eigenen und zugleich fremden Gesichts: schulmäßige Zeichenstudien, die zu Gespensterkunde werden.

Kafka konnte sehr ausdrucksstark zeichnen. Am stärksten aber ist der Zeichner, wo einzelnen Figuren wie Hieroglyphen wirken – etwa die 3 cm großen Figuren aus Kafkas Zeichnungsheft der Zeit zwischen 1901 bis 1907. Einige waren schon bekannt und sind nicht zufällig ikonographisch geworden. Jetzt sieht man sie erstmals versammelt: mit schwarzer Tinte ausgemalte, langbeinige Kerle, oft mit schwarz ausgefülltem Kopf. Sie wirken wie Buchstaben, Zeichen einer unlesbaren Körper-Sprache. Da tänzelt einer – Arme und Beine weit ausgestreckt – mit einem Spazier- oder Blindenstock, ein anderer steht – zur Leiter erstarrt – zwischen zwei liegenden Leitern, der Letzte sitzt wie Rodins Denker auf einem Stuhl. Es sind Figuren, die sich und uns fragen: Was soll ich mit diesen Gliedmaßen?

Sensation bald 100 Jahre nach Kafkas Tod

Dass wir diese Zeichnungen erst jetzt kennenlernen, ist eine romantaugliche Geschichte, über die schon brillante Bücher geschrieben wurden. Max Brod – Kafkas bester Freund aus ihrer Heimatstadt Prag – rettete Kafkas Werk in mehrfacher Hinsicht. Zuerst ignorierte er Kafkas Wunsch, alles bis zu seinem Tod Unveröffentlichte zu verbrennen. Und schon früh, als sie sich als Studenten an der Prager Uni kennenlernten, sammelte Brod offenbar jeden von Kafka bekritzelten Papierschnipsel. 1939 dann, in letzter Sekunde vor der nazideutschen Machtübernahme, floh Max Brod mit einem einzigen Koffer voller Kafka-Handschriften, auch den Zeichnungen, aus Prag und kam nach Palästina.

In Tel Aviv arbeitete Brod als ordnender Herausgeber weiter an Kafkas Weltruhm, versteckte die wertvollsten Papiere einerseits im Safe einer Zürcher Bank, schenkte seinen gesamten Nachlass mit den Kafka-Papieren jedoch seiner eng vertrauten Sekretärin Ilse Esther Hoffe, die wie er aus Prag geflohen war.

Kafka gehört allen

Nach Hoffes Tod begann ein jahrelanger Gerichtsprozess: Wem gehört Kafka? Dem Staat Israel, den Töchtern Esther Hoffes oder Literaturarchiven wie dem Deutschen Literaturarchiv Marbach, die über die Jahre schon höchst kostbare und höchst teure Kafka-Manuskripte ergattern konnten?

Erst 2019, nach dem Urteil des Obersten Gerichtshofs in Jerusalem, wonach der deutschsprachige Prager Jude Franz Kafka in die Israelische Nationalbibliothek gehört, erst da konnte eine Delegation der Nationalbibliothek die Banksafes in Zürich öffnen und unter anderem – etwa Hebräisch-Vokabelheften – diese Zeichnungen zu Tage fördern.

Dass Kafka nunmehr, bald 100 Jahre nach seinem Tod, allen gehört, da alle Welt diese Papiere – ob auf der Webseite der Jerusalemer Nationalbibliothek oder in diesem Buch – betrachten kann, ist eine Sensation.

Informelles Kunststudium

Doch das Buch bietet mehr: Es zeigt nicht nur rund 160 Zeichnungsblätter in Originalgröße und hervorragendem Druck. Der Zürcher Literaturwissenschaftler Andreas Kilcher beschreibt als Herausgeber auch die Entdeckungsgeschichte der Papiere. Er führt zudem in die künstlerische Erfahrungswelt Kafkas ein. Franz Kafka, erfährt man da, habe zwar Jura studiert, aber daneben ein "informelles" Kunst- und Literaturwissenschaftsstudium absolviert. Hinzu kommt ein kluger Essay der feministischen Philosophin Judith Butler über Verbindungen und Brüche zwischen Kafkas Texten und diesen Zeichnungen, über performative Körper hier und da.

Dieses Buch ist ein Muss für alle, die Kafkas Trapezkünstler, singende Mäuse und sprechende Affen bewundern und fürchten. Es steckt voller Figuren, die mit Kafka lachen lassen.

Natascha Freundel, rbbKultur

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