Édouard Louis: Die Freiheit einer Frau © S. Fischer
S. Fischer
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Roman - Édouard Louis: "Die Freiheit einer Frau"

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Édouard Louis ist noch keine 30, aber längst schon ein Literaturstar. In seiner Heimat Frankreich und international hat er mit seinen autobiografischen Romanen "Das Ende von Eddy" und "Im Herzen der Gewalt" Furore gemacht. Dann kam sein Nachfolge-Roman "Wer hat meinen Vater umgebracht", mit dem der Schriftsteller zum Sprachrohr seines Arbeitervaters wird. Und nun geht es um seine Mutter.

 

Distanz ist die Voraussetzung für einen scharfen Blick und für Erkenntnis. Sie ist aber auch schmerzhaft, weil Entfernung zugleich Entfremdung bedeutet. Der französische Autor Édouard Louis blickt auf die Welt seiner Kindheit durch den Spalt hindurch, der die Klassen der Gesellschaft voneinander trennt.

Louis schreibt radikal an der eigenen Lebensgeschichte entlang

Was er aus dem bürgerlichen Paris heraus, in dem er angekommen ist, im ländlich-proletarischen Armuts-Milieu seiner Herkunft in der Picardie entdeckt, sind vor allem Gewaltverhältnisse: die Gewalt, die ihn als Schwulen, als "Schwuchtel" von klein auf zum Außenseiter gemacht hat; die soziale Gewalt, die der Vater als Arbeiter oder als Arbeitsloser erfuhr; vor allem aber die fortgesetzte, alltägliche Gewalt der Männer gegen ihre Frauen.

Von all dem handeln die meist sehr schmalen Bücher von Édouard Louis, der radikal an der eigenen Lebensgeschichte entlangschreibt.

Das Schicksal der Mutter

Im neuen Buch geht es um das Schicksal der Mutter, um ein Leben, das mit 16 schon endgültig in der Sackgasse gelandet war. Der Wunsch, Köchin zu werden und eine Lehre zu beginnen, scheiterte an einer frühen Schwangerschaft, auf die bald ein zweites Kind mit einem alkoholsüchtigen, unzurechnungsfähigen Mann folgte. Drei weitere Kinder – und unter ihnen als ältester Eddie, der sich später den Namen Édouard Louis gab – folgten von einem zweiten, keineswegs besseren Mann.

Ausgangspunkt ist ein Foto der etwa 20-Jährigen, das sie als Selfie mit der Filmkamera gemacht haben muss und das einen Moment festhält, in dem noch nicht alles verloren und sogar Glück als Hoffnung möglich gewesen zu sein scheint. Dieses Foto schmückt auch das Buchcover und wird noch einmal am Ende des Buches wiedergegeben, nachdem die Mutter mit über 40 endlich in ein anderes, besseres Leben aufgebrochen ist, als ob sie sich an diese frühe Hoffnung erinnert hätte.

Abkehr von der Mutter und den eigenen Klassenverhältnissen

Um die Geschichte ihrer späten Selbstbefreiung nach mehr als 20 Jahren Ehetristesse zu erzählen, muss Louis aber erst einmal all das Elend und die Abhängigkeiten des Mutterdaseins in der Provinz erfassen. Dabei erkennt er, dass er durchaus seinen eigenen subtilen Anteil an den Gewaltverhältnissen hatte, denen er entfliehen wollte.

Sein Weg aufs Gymnasium und dann zum Studium ist zugleich eine Abkehr von der Mutter und den eigenen Klassenverhältnissen gewesen. Die Einübung bürgerlicher Sprechweisen und Verhaltensmuster wendet sich gegen sie, die ihm dorthin nicht folgen kann. Vor den Mitschülern schämt er sich seiner eigenen Mutter und versucht sie vor deren Blicken zu verbergen.

"In meiner Kindheit schämten wir uns zusammen, unseres Hauses, unserer Armut", schreibt Louis. "Jetzt schämte ich mich deiner, gegen dich. Unsere jeweilige Art, uns zu schämen, trennte uns jetzt."

Anschreiben "gegen die Literatur"

Nach Paris kam Édouard Louis als Student der Soziologie bei Didier Eribon, mit dem er befreundet ist und dem er sein erstes Buch gewidmet hat. Seine Texte sind eher soziologische Studien als Literatur, eher Essay als Erzählung. Das schließt eine Tendenz zu Gefühligkeit, Sozialkitsch und Pathos keineswegs aus, etwa dann, wenn er die Mutter im Text mit "Du" anspricht und Sätze schreibt wie diesen: "Du solltest wissen, dass ich schon mit neun oder zehn Jahren den Geschmack der Melancholie und der Verzweiflung kannte." Hätte das der Zehnjährige auch von sich behauptet?

Die Gefühligkeit ist jedoch erklärtermaßen Programm. Um die Voraussetzungen des eigenen Schreibens zu begründen, wendet sich Louis explizit gegen die Literatur. Literatur dürfe demnach "niemals versuchen, die Wirklichkeit zu erklären", nichts wiederholen, "niemals Gefühle zur Schau stellen" und keinen politischen Manifestcharakter annehmen.

Diese Maximen verfestigen jedoch den Klassencharakter der Literatur, so dass Louis lustvoll dagegen verstößt und behauptet, er müsse "gegen die Literatur anschreiben", um über das Leben seiner Mutter schreiben zu können.

Das ist eine starke und ziemlich unsinnige Prämisse, wohl eher dazu geeignet, die eigene literarische Schwäche zu kaschieren. Wäre es so, wie Louis postuliert, wäre er wohl weniger in Gefahr, die eigenen Sätze so großartig zu finden, dass er sie gewissermaßen als Selbstzitate auf einer einzelnen Buchseite noch einmal herausstellt.

Besser ist Louis' Text da, wo er gar nicht erst versucht, Literatur – oder vielmehr Anti-Literatur – sein zu wollen

Besser ist der Text da, wo er auf derlei Gesten verzichtet und gar nicht erst versucht, Literatur – oder vielmehr Anti-Literatur – sein zu wollen, zum Beispiel dann, wenn es um Körperlichkeit als Klassenmerkmal und soziale Konstruktion geht. Dass Krankheiten und Arztbesuche ein Distinktionsmerkmal der besseren Leute sind, fällt sicher nur einem auf, der eben nicht von klein auf dazugehört hat und der als Schwuler sich auch mit der sozialen Konstruktion von Geschlechterrollen auseinandergesetzt hat.

Das weiß man allerdings auch schon länger und genauer aus den Büchern von Pierre Bourdieu, über den Édouard Louis sein erstes Buch geschrieben hat.

Jörg Magenau, rbbKultur

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