Mieko Kawakami: Heaven © Dumont
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Roman - Mieko Kawakami: "Heaven"

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Der japanischen Schriftstellerin Mieko Kawakami scheint kein Thema zu heikel. Ihr Debütroman "Heaven" ist ein ebenso heftiger wie feinsinniger Roman über Mobbing, der sich über das gesamte Spektrum jugendlicher Vehemenz spannt.

Einen Roman über Jugendliche – für eine erwachsene Leserschaft – zu schreiben, wenn die eigene Schulzeit bereits viele Jahre vorbei ist, ist eine Kunst. Als "Heaven" 2009 in Japan erschien, war Mieko Kawakami bereits 33. Und dennoch kommt die Autorin ganz nah dran an die Gewalt, die in Schulen ganz unbemerkt und nebenbei passieren kann, und an die Gefühlswüste, die Mobbing bei einem jungen Menschen hinterlässt.

Dieser Debütroman ist eine Wucht. Allein die Handlung geht an die Substanz. Doch es ist auch die Erzählhaltung, die "Heaven" so eindringlich macht. Durch die Handlung führt ein 14-jähriger namenloser Ich-Erzähler. Er ist still, Außenseiter, hat kaum soziale Kontakte, er schielt und vermutet hinter dem Schielen den Grund dafür, in der Schule Tag für Tag den brutalsten Schikanen ausgesetzt zu sein. Fast teilnahmslos trottet er durch den Tag und durch seine Jugend, in der Hoffnung, alles solle schnell vorbei gehen.

Auf Distanz mit der Welt

Genauso ist auch der Erzählstil: Bis ins kleinste Detail erfährt die Leserin etwa, wie seine Klassenkameraden einen aufgeschnittenen Volleyball über seinen Kopf stülpen und Menschen-Fußball mit ihm spielen. Dabei ist das Grausamste beim Lesen nicht einmal, so genau hinsehen zu müssen, sondern zu erleben, wie alltäglich und beinahe beiläufig er von den Schikanen erzählt, die er so stoisch erträgt. Es liegt eine Distanz zwischen ihm und der Welt – als könnte er sich nicht ganz mit dem Geschehen verbinden.

Dann ist da aber dieser Titel: "Heaven". Was, um Himmels willen, kann himmlisch sein an einem Roman aus der Perspektive eines Mobbing-Opfers? Nun, Mieko Kawakami schenkt uns einen Lichtblick: Der Roman beginnt mit einem geheimnisvollen Zettel, den der Protagonist in seinem Federmäppchen findet: "Wir gehören zur selben Sorte", steht darauf. Der Brief ist von Kojima, einem Mädchen aus seiner Klasse, das sein Schicksal teilt. Auch sie wird gemobbt, weil sie nicht der Norm entspricht: Jeden Tag kommt sie in derselben ungebügelten Bluse zur Schule, mit denselben ungewaschenen Haaren ohne Haarschnitt. "Du stinkst!" ist noch das Harmloseste, was sie sich anhören muss.

Zwei gegen den Rest der Welt

Aus den Zetteln entwickelt sich zunächst eine zarte Brieffreundschaft, später eine Freundschaft mit seltenen, aber intensiven Treffen mit tiefen Gesprächen über das Leben und seinen Sinn. Die zwei Verbündeten konstruieren sich eine Art Refugium in einer Welt, zu der sie nicht gehören. Eine Zeit lang scheinen sie zumindest eine Art Himmel auf Erden gefunden zu haben. Zumindest war der Erzähler etwas derart Himmlischem noch nie so nah.

Doch für einen sentimentalen Bewältigungsroman ist Mieko Kawakami viel zu radikal pragmatisch. Etwa in der Mitte des Romans stellt sich ein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Außenseitern heraus: Während der Erzähler völlig passiv, ohne weiteres Zutun, zum Mobbing-Opfer wird, fordert Kojima das Mobbing regelrecht heraus: Sie verrät ihm, dass sie sich absichtlich nicht wäscht, absichtlich abgenutzte Schuhe trägt, obwohl sie sich alles leisten könnte. Ihr Äußeres definiert sie als ihr "Zeichen", das sie aus Solidarität mit ihrem Vater trägt, der nach der Trennung von der Mutter in Armut lebt.

Opferdasein als wahre Stärke?

Aus ihrem Opferdasein entwickelt sie eine regelrecht missionarisch-idealistische Philosophie, sie zelebriert die Askese, die sie auch dem Erzähler in seitenlangen Monologen predigt. Das Märtyrertum feiert sie als wahre Stärke, die sich irgendwann – in Form einer Art irdischen Jüngsten Gerichts – auszahlen wird.

Als der Erzähler die Möglichkeit einer Augen-OP bekommt, um die Fehlstellung seiner Augen zu korrigieren – die ihn, dessen scheint sich die Erzählung sicher zu sein, von seinen Schikanen erlösen könnte – steht er vor einer Entscheidung. Denn für Kojima wäre eine Anpassung an die gesellschaftliche Norm gleichbedeutend mit Verrat. In ihren Augen steht nicht weniger als seine Identität auf dem Spiel.

Schielen als zentrale Metapher

So unklar der Blick des Erzählers ist, so aufgeladen ist er auch. Das Schielen wird zur zentralen Metapher des Romans, die seine innere Zerrissenheit widerspiegelt. Auf der einen Seite steht seine Sehnsucht nach Normalität, nach Unauffälligkeit – aber vor allem auch: nach klarer Sicht. Kojima wiederum steht für das "ungenormte" Auge, das sie zu einer Art "erweiterter Sicht" stilisiert, zu einer Fähigkeit wahrhaftigen Sehens. Doch wie soll man wissen, was man will, wenn man überhaupt nicht klar sieht?

Dafür muss erst eine weitere zentrale Figur auftauchen – eine Art wandelndes Nietzsche-Symbol aus der Reihe der Täter, oder besser: Mittäter. Es gebe keinerlei Sinn, keine tiefere Bedeutung hinter dem Mobbing, so die Rede des Mitschülers, als der Erzähler ihn in einem Moment des Übermuts zur Rede stellt. Hinter den Taten stecke reines Lustprinzip, es sei wortwörtlich jenseits von Gut und Böse: Die Täter schikanierten, weil sie es eben könnten. Und jegliches Aufladen mit Moral sei nichts weiter als eine Theorie der Schwachen.

In die Welt geworfen mit Nietzsche und Nihilismus

Zunächst einmal mag man beim Lesen über diese nihilistische Klarheit eines 14-Jährigen stolpern. Aber geschenkt, um die psychologische Ausleuchtung dieser Nebenfigur geht es nicht. Vielmehr geht es um den Konflikt, der sich aufspannt zwischen zwei Polen: der idealistischen Kojima auf der einen und dem nihilistischen Mitschüler auf der anderen Seite.

So spannt sich "Heaven" über das gesamte Spektrum jugendlicher Vehemenz. Mieko Kawakami hat einen feinsinnigen, unsentimentalen Coming-of-Age-Roman darüber geschrieben, wie jeder und jede Einzelne von uns in die Welt geworfen wird und ausloten muss, wo er oder sie steht zwischen Idealismus und Pragmatismus. Und: Wer "Heaven" liest, muss schmerzlich begreifen: Je marginalisierter man ist, desto heftiger ist dieser Auslotungsprozess. Das Mobbing ist das reinste Brennglas.

Sarah Murrenhoff, rbbKultur

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