Banine: Kaukasische Tage © dtv
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Erinnerungen - Banine: "Kaukasische Tage"

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Umm-El-Banine Assadoulaeff, die sich der Einfachheit halber schlicht Banine nannte, war knapp 40 Jahre alt, als 1945, kurz nach Kriegsende, in Paris ihre Erinnerungen "Kaukasische Tage" erschienen. 1905 in Baku geboren, lebte sie seit 1923 in Paris, das für sie weniger Exil als immer schon Stadt ihrer Träume gewesen war. In einer Neuübersetzung von Bettina Bach kann diese abenteuerliche Lektüre jetzt neu entdeckt werden.

 

Als Übersetzerin und Journalistin war sie in ihrer neuen Heimat bekannt, zu ihren Freunden gehörten der russische Literaturnobelpreisträger Iwan Bunin, André Malraux und Henry de Montherlant sowie Ernst Jünger, mit dem sie eine vermutlich anfangs auch amouröse Freundschaft verband. In Jüngers "Pariser Tagebuch" der Besatzungszeit ist immer wieder von Besuchen bei ihr und ihrem starken, orientalischen Kaffee die Rede; doch auch im Alter hat Jünger Banine regelmäßig in Paris besucht. Sie hat ihn in die Pariser Gesellschaft eingeführt, hat über seine Werke geschrieben und damit ihren Anteil an seiner Berühmtheit in Frankreich.

Kindheitserinnerungen an eine untergegangene Welt

Ihre Kindheitserinnerungen berichten von einer untergegangenen Welt, von der Banine, als sie sie 1923 verließ, wusste, dass sie sie niemals wiedersehen würde. Der Islam, unter dessen strengen Gesetzen sie noch aufwuchs, hatte seine Kraft verloren. Aserbaidschan war nach kurzer Unabhängigkeit zu einem Teil der Sowjetunion geworden. Die russische Revolution hatte dem angenehmen Leben der schwerreichen Ölbarone, zu denen auch Banines Großvater gehörte, ein Ende gemacht. Die Millionen, die Banine nach dessen Tod erbte, gingen ihr im Zuge der Enteignung zwar gleich wieder verloren, doch die Diamanten- und Goldreserven der besitzenden Klasse reichten dann doch noch, um ein paar Jahre davon zu leben.

Widersprüchlichkeit

Kostbar jedoch sind nicht die Besitztümer, sondern die Erinnerungen an die Welt vor der Revolution, die Banine in all ihrer Widersprüchlichkeit beschreibt. Mädchen wurden mit vierzehn, fünfzehn Jahren zwangsverheiratet – so auch Banine selbst, für die ihr Vater einen zwanzig Jahre älteren Mann aussuchte, in dessen Schuld er stand, weil er ihm half, nach der Revolution und seiner Gefängnishaft – der Vater war Minister des unabhängigen Aserbaidschan – ins Ausland zu fliehen. Polygamie war bis dahin noch selbstverständlich und wird von Banine durchaus auch als Gewinn für die Frauen beschrieben, die dadurch die Abhängigkeit vom zumeist ungeliebten Mann mindern konnten. So erzählt sie von einer Frau, die ihren offenbar nicht allzu potenten Ehemann geradezu verzweifelt anflehte, doch neben ihr auch noch andere Frauen zu heiraten, damit sie nicht so alleine sei.

Eindrucksvolle Beschreibungen

Banine wächst unter dem Einfluss ihrer streng gläubigen Großmutter und unter dem des deutschen Kindermädchens Anna auf, nachdem ihre Mutter am Kindbettfieber starb. Die weiße Haut, die Schlankheit und das blonde Haar von Anna faszinieren sie, sie sind das Versprechen einer anderen Welt, während sie an ihren älteren Schwestern sieht, wie das Dunkle, Hennagefärbte, Dickleibige und vor allem die Körperbehaarung von Jahr zu Jahr zunimmt.

Während die Verwandtschaft die Nächte beim Poker verbringt und im Mercedes Ausflüge in die von Öl und Bohrtürmen geprägte Gegend unternimmt, liest Banine sich durch die französische Bibliothek ihrer Tante und befeuert mit der Lektüre die eigenen Phantasien.

Eindrucksvoll beschreibt sie den von Gärtnern, Köchen und Dienstboten unterhaltenen Landsitz im Kaukasus, den die weitverzweigte Familie in den Sommermonaten bewohnt, die Brunnen und Bewässerungsanlagen, die Plantagen, die Ausflüge ans kaspische Meer.

Begleiterin der Jugendjahre ist die Cousine Gülnar, die aus ihrer Lust auf Männer kein Geheimnis macht. Banine träumt zusammen mit ihr von der großen Liebe und verliebt sich schließlich in einen bolschewistischen Revolutionär, übernimmt von ihm die Ideale des Sozialismus und wird selbst zu einer allerdings eher halbherzigen Vertreterin der Bewegung, die ihren eigenen Vater ins Gefängnis gebracht und enteignet hat.

Nicht ohne Komik und mit Sinn fürs Absurde beschreibt Banine diese seltsame Übergangszeit, in der die alten und die neuen Gesetze nebeneinander existieren. Ihr Buch endet mit der Auswanderung nach Frankreich, wohin sie ihrer Familie folgt. Den ungeliebten Ehemann lässt sie in Konstantinopel zurück; er soll sich dort noch einmal für den Vater bereithalten.

Eine abenteuerliche Lektüre, die fremde, ferne Welten erschließt

In "Kaukasische Tage" blickt Banine rund 20 Jahre später als eine Frau auf diese Welt zurück, die im Westen angekommen und erfolgreich geworden ist. Ihr Blick ist ein wenig sentimental, aber immer auch ironisch. Der Schmerz über den Verlust der untergegangenen muslimischen Welt ist ebenso groß wie die Erleichterung, ihr entkommen zu sein. Auch die Revolution war für Banine kein traumatisches Erlebnis, sondern in ihrem Bemühen um eine gerechtere Gesellschaft unterstützenswert. Und dennoch galt es, auch vor ihr zu fliehen.

In der frischen, lebendigen Neuübersetzung von Bettina Bach kann das bemerkenswerte Buch, das zuletzt 2008 mit einem Vorwort von Ernst Jünger erschien, jetzt neu entdeckt werden. Es ist eine abenteuerliche Lektüre, die fremde, ferne Welten erschließt.

Jörg Magenau, rbbKultur

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