Louise Glück: Winterrezepte aus dem Kollektiv © Luchterhand
Luchterhand
Bild: Luchterhand Download (mp3, 9 MB)

Gedichte - Louise Glück: "Winterrezepte aus dem Kollektiv"

Bewertung:

Als die US-amerikanische Lyrikerin Louise Glück 2020 den Literaturnobelpreis bekam, war hierzulande die Überraschung groß. Kaum jemand kannte die zurückgezogen lebende Dichterin. Zwar hatte sie bereits 13 Gedichtbände und zwei Essay-Sammlungen veröffentlicht, aber nur wenige Texte der in den USA mit dem Pulitzerpreis und dem National Book Award ausgezeichneten Autorin waren ins Deutsche übersetzt. "Winterrezepte aus dem Kollektiv" heißt ihr neuer Gedichtband. Es ist das erste Buch von Louise Glück, seit sie im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht.

Der Band hätte auch "Winterreise", "Nachtgedanken", "Eine Erinnerung" oder "Die Verleugnung des Todes" heißen können: alles Gedicht-Titel. Eines heißt "Winterrezepte aus dem Kollektiv". Natürlich hat Louise Glück da aber nicht einfach in lyrische Verse geschmiedet, was sie am heimischen Herd am liebsten kocht. Der Titel verweist auf ihren dichterischen Ansatz, die lyrische Sprache aus dem alltäglichen Erleben zu schöpfen und Erlebnisse, Gedanken zu beschreiben, die sich nicht in fernen Gefilden abspielen und dem Leser ein Brief mit sieben Siegeln bleiben.

"Rezepte", um die Unwägbarkeiten des Leben zu meistern

Sie will nicht dunkel raunen, sondern - wie es in der Begründung der Schwedischen Akademie treffend formuliert wurde - eine "unverkennbare poetische Stimme" sein, "die mit strenger Schönheit die individuelle Existenz universell macht."

Ihre neuen Gedichte sind tatsächlich "Rezepte", um die Unwägbarkeiten des Leben zu meistern, die Unübersichtlichkeit der Erinnerungen zu sortieren und eine Beziehung zwischen Autorin und dem Lese-Kollektiv herzustellen. Denn sie mögen der Einkreisung der eigenen Befindlichkeiten und der Ich-Findung dienen, bedürfen aber der Teilnahme der Lesenden. Ihr sei immer, sagt Louise Glück, an einem intimen Pakt mit jeder einzelnen Leserin und jedem Leser gelegen. Erst durch deren Mithilfe werde die lyrische Stimme ermutigt zu ihrer dringlichen Bitte um Verständnis und Vertraulichkeit.

Das Titel gebende Gedicht ist eine Hymne auf die Schönheit der Natur, eine Reflexion über Vergänglichkeit

Im Titel gebenden Gedicht erinnert sich jemand an eine märchenhaft-mystische Zeit. Die Erinnerung scheint aus einem Traum oder Märchen zu stammen, nicht aus wirklichem Erleben:

"Jedes Jahr, wenn der Winter kam, gingen die alten Männer / in den Wald, um Moos zu sammeln, welches / auf der Nordseite mancher Wacholdersträucher wuchs. / Es war ein langsames Arbeiten, über viele Tage, obwohl es / kurze Tage waren, weil das Licht schwand, / und waren ihre Säcke voll, machten sie sich mühsam / auf den Heimweg, denn Moos ist schwer zu tragen."

Die Frauen, erzählt Louise Glück dann, präparierten das Moos, bestrichen es "mit wildem Senf und kräftigen Kräutern", machten daraus ein belebendes Winterbrot, verkauften die "in Wachspapier gewickelten Brote auf dem Marktplatz, / während der Schnee fiel".

Das Buch, in dem die Vorfahren einst Zutaten und Zubereitung der Brote notierten, und das Buch, das die Lyrikerin jetzt nacherzählt enthält "nur Rezepte für den Winter, wenn das Leben schwer ist. Im Frühling / kann jeder ein feines Mahl zubereiten."

Das Gedicht weitet sich zu einer Hymne auf die Schönheit der Natur, einer Elegie auf die Beschwerlichkeit der Arbeit, einer Reflexion über Vergänglichkeit und einer Philosophie über den Sinn des Lebens. Man hat das Gefühl, eigentlich ein einziges, langes Gedicht zu lesen, einer Stimme zu folgen, die aus archaischer Menschheitsgeschichte Erinnerungen empor holt, sie in einen Redestrom verwandelt, wie eine Botin aus ferner Zeit, eine Erzählerin, die Kontakt zu den Göttern und Ahnen hat und ihnen eine Stimme gibt.

Bilder, die nur knapp an Kitsch und Klischee vorbei schrammen

Die Gedichte, gefüllt mit zeitlosen Weisheiten und naturphilosophischen Reflexionen, künden von existenzieller Verlorenheit, sind oft nahe am Verstummen. Manchmal verrutschen der Dichterin auf der Suche nach einem Du und einem Kollektiv leider aber die Bilder, die nur knapp an Kitsch und Klischee vorbei schrammen.

Von Bonsai-Bäumchen ist dann die Rede: "Wir haben sie ihres Ursprungs beraubt, / daher brauchen sie uns jetzt".

Einmal erzählt sie auch von einer Reisenden, die, als die Freundin sie wortlos verlässt, in einem abgelegenen Hotel strandet und niemals ans Ziel kommt. Ein wundersamer "Concierge" wird plötzlich zum Zen-Meister des Wartens und der Reise ins eigene Selbst: "Du hast deine eigene Reise begonnen, / nicht in die Welt wie deine Freundin, sondern zu dir und deinen Erinnerungen."

Die Reisende hofft auf Erleuchtung, sehnt sich nach Erlösung, ist vom pseudo-chinesischem Gefasel ihres Meisters regelrecht verzückt: "Alles ist im Wandel, sagte er, und alles ist verbunden. / Auch kommt alles wieder, doch ist, was wiederkommt, nicht, / was ging."

Immer wieder versucht die Stimme ihre geliebten Schwester und die Gegenwart ihrer verstorbenen Mutter heraufzubeschwören, gräbt aus der verschütteten Kindheit einen Tag im Park aus, hört den Wind rauschen, sieht sich im Blätterhaufen mit der Schwester herumtoben. Doch die Mutter weiß es besser und erinnert sich ganz anders: "Ihr habt nie getobt. / Ihr wart brave Mädchen".

Die Zeit vergeht, die Erinnerung verblasst, die Wahrheit ist nur eine vage Vermutung, das Leben nur ein Warten auf den Tod: "Alles ist zu Ende, sagte ich. / Und ist das der Fall, / hat es keinen Zweck etwas anzufangen, / nicht einmal einen Satz."

Missratene deutsche Übersetzung

Man sollte sich beim Lesen des zweisprachigen Gedichtbands auf die englische Fassung konzentrieren. Die deutsche Übersetzung ist missraten, nur steifes Nacherzählen und sklavische Wortreue. Für Poesie, Musik, Klang, Rhythmus der Sprache hat Übersetzerin Uta Gosmann kein Gefühl, alles wirkt schlicht und banal. Wenn zwei Liebende einen Berg hinaufsteigen und in ihren Gedenken in die Freiheit davonfliegen, macht Gosman aus dem elegischen "Downward and downward and downward and downward / is where the wind is taking us" ein knarzendes "Hinab und hinab und hinab und hinab / bläst uns der Wind". Und das sanfte "I try to comfort you / but words are not the answer; / I sing to you as mother sang to me" wird bei ihr zum hölzernen "ich versuche, dich zu trösten, / doch sind Worte keine Lösung; / ich singe dir vor, wie Mutter mir sang".

Sprachliche Verzerrung, lyrische Verhunzung, kaum auszuhalten. Warum der deutsche Verlag das hat durchgehen lassen, ist ein Rätsel. Poesie und Musikalität der Gedichte wird verfehlt. Schade. Fast ein Trauerspiel.

Frank Dietschreit, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Michel Houellebecq: Vernichten © Dumont
Dumont

Roman - Michel Houellebecq: "Vernichten"

Ein neuer Houellebecq-Roman ist immer ein Ereignis. Der Titel seines achten Romans - "Vernichten" - lässt all die Abgründe vermuten, für die der französische Skandalautor seit Jahren steht. Die Geschichte führt ins Frankreich des Jahres 2027.

 

 

Bewertung:
Banine: Kaukasische Tage © dtv
dtv

Erinnerungen - Banine: "Kaukasische Tage"

Umm-El-Banine Assadoulaeff, die sich der Einfachheit halber schlicht Banine nannte, war knapp 40 Jahre alt, als 1945, kurz nach Kriegsende, in Paris ihre Erinnerungen "Kaukasische Tage" erschienen. 1905 in Baku geboren, lebte sie seit 1923 in Paris, das für sie weniger Exil als immer schon Stadt ihrer Träume gewesen war. In einer Neuübersetzung von Bettina Bach kann diese abenteuerliche Lektüre jetzt neu entdeckt werden.

 

Bewertung:
Mieko Kawakami: Heaven © Dumont
Dumont

Roman - Mieko Kawakami: "Heaven"

Der japanischen Schriftstellerin Mieko Kawakami scheint kein Thema zu heikel. Ihr Debütroman "Heaven" ist ein ebenso heftiger wie feinsinniger Roman über Mobbing, der sich über das gesamte Spektrum jugendlicher Vehemenz spannt.

Bewertung: