Michel Houellebecq: Vernichten © Dumont
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Roman - Michel Houellebecq: "Vernichten"

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Ein neuer Houellebecq-Roman ist immer ein Ereignis. Der Titel seines achten Romans - "Vernichten" - lässt all die Abgründe vermuten, für die der französische Skandalautor seit Jahren steht. Die Geschichte führt ins Frankreich des Jahres 2027.

 

 

Die äußerste, letzte Herausforderung des Lebens und jeglicher Sinnhaftigkeit, die der Mensch sich bis dahin erarbeitet, ist der Tod. Vor dem Tod droht alles zunichte zu werden, denn er, der große Gleichmacher, verwandelt jegliches irdische Bemühen in "Eitelkeit", wie schon der Prediger Salomo wusste. Auf dessen Spuren wandelt der französische Schriftsteller Michel Houellebecq in seinem neuen Roman "Vernichten", der in einer nahen Zukunft in den Jahren 2026/2027 angesiedelt ist.

Der Untergang droht

Der Untergang droht darin nicht nur der westlichen Zivilisation im Allgemeinen und der tief gespaltenen französischen Nation im Besonderen, sondern auch dem Romanhelden mit dem sprechenden Namen Paul Raison, über den es heißt: "Der Tod stellte sich ihm noch immer als totale Vernichtung, als beängstigender Sturz ins Nichts dar."

Tote und Sterbende gibt es viele in diesem Buch. Pauls Vater erleidet einen Schlaganfall und liegt im Koma. Der Schwiegervater verstummt nach dem Tod seiner Frau und sagt von da an kein Wort mehr. Der Bruder erhängt sich in der Scheune des Elternhauses. Auch Paul selbst hat am Ende keine günstigen Lebensaussichten.

Die fürchterlichen Zustände in französischen Pflegeheimen und die Entwürdigung der Alten, die von der Gesellschaft als nutzlos betrachtet werden, sind eines der Hauptthemen des Romans, der, indem er diese Würde erzählerisch wiederherstellt, zutiefst humanistisch ist.

Politik und Geheimdienst müssen sich mit einer rätselhaften Terrorgruppe auseinandersetzen

Die Politik und der französische Geheimdienst müssen sich jedoch mit einer rätselhaften Terrorgruppe auseinandersetzen, die nach Anschlägen auf ein Containerschiff und eine dänische Samenbank ein Schiff mit 500 afrikanischen Flüchtlingen im Mittelmeer versenkt. Die Identität der mit beängstigender Präzision agierenden Terroristen, die also nacheinander den Welthandel, Reproduktionsbiologie und Migration und damit die Zukunft Europas angreifen, bleibt bis zum Ende unbestimmt.

Vermutlich handelt es sich um eine Mischung aus Esoterikern, Satanisten und Ökofaschisten, die den Planeten vor der Menschheit retten wollen, doch nach knapp 500 Seiten verliert Houellebecq sichtlich das Interesse an diesem Thema, denn von da an geht es nur noch um die Kranken- und Liebesgeschichte des armen, glücklichen Paul Raison.

Der "Skandalautor" Houellebecq erweist sich als milde gewordener, fast zahnloser Romantiker

Houellebecq möchte dem Nichts des Todes und mehr noch der Dekadenz und dem Nihilismus einer ermatteten Gesellschaft trotzen und setzt dabei, man glaubt es kaum, auf die Kraft der Liebe. Auf seine älteren Tage erweist sich der Skandalautor als milde gewordener, fast ein bisschen zahnloser Romantiker.

Kein Wunder, dass sein Held ständig unter Zahnschmerzen leidet. All die wahlweise homo- oder islamophoben Provokationen, misogynen Tendenzen und pornographischen Grobheiten, die man von ihm gewohnt ist, sind zwar auch in "Vernichten" zu finden, aber nur in Spurenelementen und eingebettet in ein freundlicheres Menschenbild.

Diese Wandlung deutete sich bereits am Ende von Houellebecqs vorigem Roman "Serotonin" an, dessen Hauptfigur zwar hinreichend zynisch und weltverachtend agierte, am Ende aber, in einer seltsamen Volte, die eigene Herzensverhärtung zum Lehrstück erklärte, wie man es eben nicht machen solle. Schon da zeigte sich Houellebecq als überraschend weichherziger, schmerzempfänglicher Autor, der gegen den Nihilismus anschreibt.

Paul Raison - eine bisher nie dagewesene Houellebecq-Figur

Paul Raison ist nun allerdings eine ganz andere, bisher nie dagewesene Houellebecq-Figur. Als Berater eines ranghohen Ministers ist er in den Präsidentschaftswahlkampf des Jahres 2027 eingebunden, hat mit Politik oder konkreten politischen Zielen aber wenig im Sinn. Politik ist nur noch ein Intrigenspiel, eine PR-Veranstaltung, ein geschicktes Jonglieren mit Quoten und Umfragewerten und dabei so inhaltsleer, dass Paul am Ende sogar darauf verzichtet, bei der Wahl seine Stimme abzugeben. Ob dieser oder jener regiert – es gewinnt ein prominenter TV-Moderator – ist eigentlich egal.

Paul ist kein Draufgänger, ist eher zögerlich und zurückhaltend, mehr Beobachter als Akteur. Er weiß, dass die Vernunft, die er so plakativ im Namen führt, an allen Ecken und Enden zum Scheitern verurteilt ist oder, schlimmer noch, dass all der Schrecken der Geschichte seit der Französischen Revolution im Namen der Vernunft und der Aufklärung geschah.

Sex als eine Kraft, die an die Liebe gebunden ist

Viel wichtiger ist deshalb sein privates Erleben. Mit seiner Frau Prudence, die im Finanzministerium arbeitet, lebt er zwar in einer Wohnung, doch seit zehn Jahren mit getrennten Betten und - seit sie Veganerin wurde - auch mit getrennten Fächern im Kühlschrank. Die beiden gingen sich so gut es ging aus dem Weg. Doch dann setzt eine langsame Wiederannäherung an, von der man nicht so recht weiß, wodurch sie motiviert wird, wie man auch nicht erfährt, was ihre Entfremdung verursachte.

Houellebecq erklärt nicht, sondern behauptet, weil er es so will, und so entwickelt sich zwischen dem verlorenen Paar eine wunderbare, zarte Liebesgeschichte, die auch – und da ist Houellebecq dann durchaus in seinem Element – den Sex feiert, doch – und das ist neu – als eine Kraft, die an die Liebe gebunden ist und die aus der Liebe ihre Energie bezieht.

Das gilt auch für die anderen Liebespaare, die in "Vernichten" zueinander finden: Der Minister Bruno Juge und die junge Assistentin, die ihm für den Wahlkampf zur Seite gestellt wird, aber auch für Pauls Bruder und die dunkelhäutige Pflegerin aus Benin, auch wenn deren gemeinsame Geschichte tragisch endet.

Sie alle erleben die eigene Liebesfähigkeit als Geschenk und als schicksalhafte Überraschung und den Sex als Vitalitätsspritze, die den Teint der Frauen verbessert und sie um zehn Jahre jünger aussehen lässt. Leben ist Leiblichkeit, Leben ist Genuss und Anwesenheit im Augenblick. Also vollzieht sich Leben vor allem in der Liebe.

Daneben hat allenfalls noch die Familie Bestand. Auch wenn Paul mit dem Katholizismus seiner Schwester nichts anfangen kann, ist sie doch fast so etwas wie eine Heilige. Auch der immer fremd gebliebene Vater, der beim Geheimdienst arbeitete und also von einem großen Schweigen umgeben war, rückt nach seinem Schlaganfall, seit er sich kaum noch bewegen und nicht mehr sprechen kann, in eine unmittelbare, nur der Empfindung zugängliche Nähe, die mit Wörtern und mit Sprache eben nicht zu erreichen ist.

Kein Wort über Corona

Erstaunlich, dass in diesem Roman über Liebe, Familie, Krankheit und Tod an keiner Stelle das Wort Corona vorkommt. Dabei müsste die lange Phase der Pandemie im Jahr 2027 doch noch gut erinnert werden und in den gesellschaftlichen Folgen spürbar sein. Houellebecq hat sich zu Corona jedoch bereits in einem Essay geäußert, in dem er ausführte, dass das Virus nichts ändert, sondern bloß die bereits zuvor erkennbaren gesellschaftlichen Tendenzen verstärkt und beschleunigt.

Dazu gehört seiner Meinung nach auch der Umgang mit dem Tod, der durch das massenhafte Sterben in der Pandemie keineswegs näher rückte. Vielmehr wurde er noch stärker in ein statistisches Phänomen verwandelt und hinter den Zahlen zum Verschwinden gebracht. So kann Houellebecq nun in "Vernichten" das Thema gerade dadurch angehen, indem er nichts dazu sagt, aber das Sterben in den Blick nimmt und seine Figuren ganz direkt und auf vielfältige Weise mit dem Tod und dem Schmerz konfrontiert.

Balzac des 21. Jahrhunderts?

Houellebecq erzählt detailreich, szenisch, in epischer Breite, fast ein bisschen langatmig, ohne aber je langweilig zu werden, manchmal auch einfach bloß ergreifend und schön. Atmosphäre und Stimmungen liegen ihm mehr als präzise Charakterzeichnungen und eine sorgfältig entwickelte Handlung. Doch die Nähe zu seinen Figuren und die warmherzige Anteilnahme nehmen für sein Erzählen ein, so dass man ihm über mehr als 600 Seiten gerne folgt.

Nicht ganz zufällig verweist er mehrmals auf Balzac, den er als einen seiner Lehrmeister betrachtet. Balzac lebte auch in einer zynischen Epoche des Niedergangs nach der Französischen Revolution. Sein realistisches Erzählen ist für Houellebecq der Gegenpol zu den Aufklärern Rousseau und Voltaire, die für ihn der Anfang allen Übels sind.

Man könnte ihm kein größeres Kompliment machen, als ihn zum Balzac des 21. Jahrhunderts zu erklären. Mit "Vernichten" ist Houellebecq diesem Rang ein gutes Stück nähergekommen.

Jörg Magenau, rbbKultur

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