Gerald Murnane: Inland © Suhrkamp
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Roman - Gerald Murnane: "Inland"

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Gerald Murnane ist hierzulande nahezu unbekannt. Dabei gilt er seit Jahren als Kandidat für den Literaturnobelpreis. In seinem Heimatland Australien gehört er zu den wichtigsten Autoren seiner Generation. Der Suhrkamp Verlag macht sich seit einigen Jahren zusammen mit dem Übersetzer Rainer G. schmidt um Murnane verdient. 2017 erschien in der Bibliothek Suhrkamp Murnanes erster Roman "Die Ebenen", es folgten "Grenzbezirke" und "Landschaft mit Landschaft" - und jetzt ein Roman, der in Australien 1988 erschienen ist: "Inland".

Ein Mann sitzt in der Bibliothek eines Herrenhauses und schreibt. Die Bücher, die ihn umgeben, hat er nie gelesen. Vielleicht schlägt er sie irgendwo auf und findet einen Satz, der vorüberzieht wie die Wolken am Himmel. Oder er sucht die Buchrücken an den Wänden nach farbigen Mustern ab, die sich im Zusammenspiel ergeben. Wenn er aufsteht, um aus einem Fenster zu schauen, blickt er auf Pappelreihen, Brunnen, Stangen und eine weite, unendliche Ebene. Die Leere, die ihn umgibt, nennt er "Alföld", wie die große ungarische Tiefebene. Sein Dorf liegt dort in der Nähe von Kunmadaras im Komitat Szolnok.

Solitär der australischen Literatur

Diese Namen lassen sich auf Landkarten finden. Landkarten liest der Mann lieber als Bücher, um sie nach den Ebenen und Prärien dieser Welt abzusuchen. Tatsächlich sitzt der Autor Gerald Murnane im Südosten Australiens, im Melbourne County. Das Grasland dort ist längst bebaut, doch seine Kindheit wurde von der Landschaft geprägt, die es jetzt nur noch in seiner Erinnerung gibt. Gerald Murnane, inzwischen 81 Jahre alt, hat diesen Distrikt in seinem ganzen Leben nie verlassen.

All seine Bücher sind hier angesiedelt, in den "Ebenen", den "Grenzbezirken" – so die Titel der seit 2017 auf Deutsch erschienenen Romane, mit denen dieser seltsame, irgendwo zwischen Borges und Kafka anzusiedelnde Solitär der australischen Literatur hierzulande endlich zu entdecken ist.

"Murnanesk"

Der Suhrkamp Verlag, der sich mit den kristallklaren Übersetzungen von Rainer G. Schmidt um Murnane verdient macht, hat für ihn das Adjektiv "murnanesk" erfunden und bezeichnet "Inland" als seinen "murnaneskesten".

Als er 1986 "Inland" schrieb, war Gerald Murnane 47 Jahre alt, genau wie der Schreibende in seinem Buch, der sich den ungarischen Landedelmann bloß ausgedacht hat, so wie dieser wiederum sich eine Lektorin als Adressatin seiner Aufzeichnungen ausgedacht hat, die im Städtchen Ideal im US-Bundesstaat South Dakota auf sein Geschriebenes wartet. Diese ideale Leserin sitzt dort im "Institute of Prairie Studies", wo die Zeitschrift "Hinterland" ediert wird, die aber wohl nie erscheint, weil es Streit um die Besetzung der Chefredaktion gibt.

Vorstellung und Erinnerung

Alles, was Murnane zu Papier bringt, ist Vorstellung oder Erinnerung. Das "Inland" bezeichnet nicht nur die Ebenen, die es ihm angetan haben, sondern mehr noch das Land im eigenen Inneren. Die Vorstellung führt hinaus in die Weite und in Welten, die der eigenen ähneln. Er baut ein Spiegelkabinett der Bilder und Landschaften, in denen man bald nicht mehr weiß, wer sich wen ausgedacht hat. Den Fenstern der Bibliothek entsprechen die von ihm vollgeschriebenen Blätter, die mal wie Fenster, mal wie Spiegel erscheinen. Der immer wieder im Text direkt angesprochene Leser – bzw. die Leserin in den USA – ist genauso eine Imagination, wie das eigene Ich, das am Tisch sitzt und schreibt oder auch nur davon träumt, wie es schreibt.

Nach und nach wird dieses schreibende, träumende, sich erinnernde Ich immer deutlicher. Der erfundene Landedelmann und seine Lektorin gehen im Text verloren, während sich die australischen Kindheitserinnerungen in den Vordergrund drängen. Es geht um erste Liebesversuche mit Zwölf, zahlreiche Umzüge, Goldfische in einem Wasserglas, eine Hündin, die vom Vater mit dem Hammer erschlagen wurde, Gottesdienste, baltische Flüchtlinge im Jahr 1951 und um Wettschulden, die der Vater bei Pferderennen anhäufte – eine Leidenschaft die Murnane mit ihm teilt, so wie all diese Erinnerungen sich lesen, als wären sie autobiographische Bruchstücke einer herben, verlorenen Kindheit, die aber, so fern gerückt sie auch sein mag, zu dem Mann gehört, der da sitzt und träumt und schreibt und der genauso der ungarische Landedelmann seiner Phantasie sein kann wie das Kind, das er einmal war.

Sinnliche Prosa

Das Erwachsenwerden beginnt mit der Erkenntnis, dass nichts auf der Welt einfach nur das ist, was es ist oder als was es erscheint. "Ich begriff", schreibt der Ich-Erzähler, "dass jede Sache auf der Welt zumindest zwei Sachen ist und wahrscheinlich viel mehr als zwei Sachen."

Jede Sache ist die Summe ihrer Möglichkeiten und alles Vorstellbaren, das sich daran knüpft, ihrer Geheimnisse und Interpretationen. Das gilt natürlich auch und nicht zuletzt für das eigene Ich inmitten der unendlichen Weite des Landes.

Murnane schreibt sinnlich, und das heißt vor allem: mit den Augen. Seine Prosa ist voller Farben und Blickwinkel, Fenster und Durchsichten. Das hat damit zu tun, dass er von Geburt an keinen Geruchssinn besitzt. An diesem Mangel leidet auch sein Ich-Erzähler. Gerüche kann er nicht beschreiben, Blumen sind Form und Farbe, mehr nicht, Geschmack ist auf wenige Grundeigenschaften beschränkt.

Umso wichtiger sind aber alle anderen Sinneseindrücke, Berührungen, Laute und vor allem das Sehen. Das Geruchsdefizit gibt ihm darüber hinaus die Gewissheit, dass die Welt immer viel mehr ist als nur das, was wir wahrnehmen. Durch das Sinnliche hindurch ist Murnane auf der Suche nach Transzendenz. Die Bibliothek inmitten der Ebene, in der sein Schreibender sitzt, ist dafür der symbolische Ort. Zentral ist deshalb ein Satz von Paul Éluard, den er in einem seiner ungelesenen Bücher findet: "Es gibt eine andere Welt, aber sie ist in dieser hier."

Pausen zum Innehalten

Murnanes Prosa ist voller Rätsel, Absurditäten und Leerstellen. Und vielleicht sind es gerade die Pausen, die wie in der Musik eine besondere Bedeutung haben, weil sie erlauben, innezuhalten und die durchgespielten Themen nachwirken zu lassen. Mit so einer Zäsur endet "Inland": mit einem Spaziergang über den Friedhof, auf dem der Blick auf die Ebenen auch heute noch möglich ist. Hier will Murnane – oder sein Erzähler – einmal begraben werden. Die Stille, die sich nach dem Gesang der Vögel einstellt, hört er schon. Und er schließt, indem er das Ende von Emily Brontës "Sturmhöhe" zitiert, einen Satz, der in seiner Schönheit von Murnane selbst stammen könnte:

"Ich verweilte ein wenig bei ihnen unter diesem sanften Himmel, sah die Nachtfalter zwischen Heidekraut und Glockenblumen umherfliegen, lauschte, wie der Wind leicht durch das Gras strich, und wunderte mich darüber, dass jemand sich einbilden könne, es gäbe etwas in der Welt, was den letzten Schlummer der Schläfer in diesem stillen Stückchen Erde stören könnte.“

Jörg Magenau, rbbKultur

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