Joachim B. Schmidt: Tell © Diogenes
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Roman - Joachim B. Schmidt: "Tell"

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Vor 15 Jahren hat der Schweizer Autor Joachim B. Schmidt seiner Heimat den Rücken gekehrt und ist nach Island ausgewandert. Wenn er nicht gerade Touristen über die Insel führt, schreibt er Romane und Kolumnen. Im Roman "Kalmann" entwarf er das Porträt eines geistig benachteiligten Außenseiters, der in einen rätselhaften Kriminalfall verwickelt wird. Dabei spielten auch geheimnisvolle nordische Sagen und Legenden eine Rolle. Um Mythen und Märchen geht es auch in seinem neuen Roman "Tell".

Mit seinem neuen Roman kehrt Joachim B. Schmidt zumindest im Geiste in seine alte Heimat zurück: "Tell" reist zu den Ursprüngen der Eidgenossenschaft, die aus dem Aufstand gegen die Habsburger Fremdherrschaft entstand und sich auf den sagenumwobenen Helden Wilhelm Tell beruft.

Eine alte Geschichte völlig neu erzählt

Der Roman erzählt die alte Geschichte völlig neu, frei von Legenden und Sagen, die ohnehin nur auf Erfindungen und Wunschdenken fußen. Niemand kann mit Bestimmtheit sagen, dass es Wilhelm Tell, seinen Widerstand gegen den Landvogt Gessler wirklich gegeben hat. Tells Apfelschuss, der Mord am Tyrannen als Auftakt zum Aufstand und zur Gründung der Eidgenossenschaft: alles liegt im Nebel der Geschichte, ist im Nachhinein erdichtet und besungen worden.

Der Tell, den wir aus Friedrich Schillers Helden-Epos zu kennen glauben, hat niemals existiert, was er angeblich gemacht und gedacht hat, der Sprung des verhafteten Tell vom Boot aus auf den rettenden Felsen am Ufer des Sees, Tells Rache an Gessler in der Hohlen Gasse, sein Kampf gegen die Habsburger: all das haben sich Chronisten und Dichter, Bänkelsänger und Politiker nur zusammengereimt.

Die Spirale der Gewalt beginnt sich zu drehen

Tell ist bei Schmidt ein wortkarger Kerl, der lieber auf die Jagd geht als auf dem Bauernhof der Familie zu arbeiten. Statt Kühe zu melken, hantiert er lieber mit der Armbrust. Er ist menschenscheu, als Knabe war er der Liebling des Dorfpfarrers, der ihn mit Keksen in seine Kammer lockte und sich regelmäßig an dem Jungen verging. Tell fühlt sich überdies schuldig am Tod seines Bruders, den er bei schlechtem Wetter zu einem Jagdausflug überredete, ein Schneebrett löste sich und riss den Bruder in die Tiefe, die Leiche wurde nie gefunden: ein Trauma.

Der Eigenbrötler kommt zur Ruhe, er heiratet die schwangere Frau seines verstorbenen Bruders, kümmert sich um den Hof. Die Spirale der Gewalt beginnt sich zu drehen, als einige Habsburger Soldaten den Tell-Hof heimsuchen und verwüsten, die Vorräte konfiszieren und Tells Mutter so schwer misshandeln, dass sie an ihren Verletzungen stirbt.

Ein Zufall mit bösen Folgen

Tell fühlt sich hilflos, gedemütigt, er weiß nicht, wie er den Hof und seine Familie über den Winter bekommen soll. Als er mit seinen Söhnen nach Altdorf aufbricht, um dort eine Kuh zu verkaufen, gerät alles außer Kontrolle: Betrunkene Soldaten machen sich über den nach Kuhmist stinkenden Tell lustig, der den auf eine Stange gespießten Gessler-Hut nicht wahrnimmt, auch nicht weiß, dass er den Hut als Symbol des Habsburger Königs grüßen muss.

Dass Gessler just in diesem Moment auf den Markplatz geritten kommt, ist ein Zufall mit bösen Folgen, denn Gessler muss, um seine Autorität zu wahren, Tell bestrafen: Wäre es nicht eine tolle Volksbelustigung, wenn er Tell dazu verdonnert, seinem Sohn einen Apfel vom Kopf zu schießen?

Stoff für Mythen und Märchen

Gessler ist ein Traumtänzer, Gewalt kann er nicht ausstehen, das Treiben seiner Soldateska duldet er, will aber keine Details wissen. Dass er aus dem schönen Wien in die raue Bergwelt versetzt wurde, schmerzt ihn zutiefst. Wann immer er Zeit findet, liest er in den Briefen, in denen seine Gattin ihm von ihrer Tochter berichtet, die erst das Licht der Welt erblickte, nachdem Gessler in die Berge weg beordert wurde.

Dass die Sache mit dem verstockten Tell so schief laufen, er vom Bolzen einer Armbrust getroffen elendig auf freiem Feld im Schneetreiben (nicht in der Hohlen Gasse) verbluten wird, dass der von Gesslers Soldaten schwer verletzte Tell sich vom Tatort wegschleppt, sich quasi in Luft auflöst, niemals wieder von irgendwem gesehen wird und Stoff für Mythen und Märchen werden wird: das hat sich Gessler gewiss nicht träumen lassen.

Überraschende Erzählweise und -perspektive

Die Erzählweise und -perspektive ist die eigentliche Überraschung des Romans. Weil keiner weiß, was damals wirklich geschah, wer was warum machte und dachte, wird alles aus verschiedenen Mündern zu einer Stimmen-Collage verdichtet: 20 verschiedene Protagonisten erzählen in 100 kurzen Sequenzen, was sie sehen und fühlen, der Dorfpfarrer, die Bauern, die Ehefrau, der Sohn, die Tochter, die Mutter, die Soldaten, natürlich auch Gessler.

Tell selbst kommt erst zu Wort, als er schon den Apfel vom Kopf seines Sohnes Walter geschossen hat, vom sinkenden Boot ans Ufer geschwommen (und nicht, wie in den Legenden, auf die Felsplatte in die Freiheit gesprungen) ist. Erst nachdem er Gessler vom Pferd geschossen hat, erst nachdem eine Bäuerin, deren Tochter von Gesslers Soldaten vergewaltigt wurde, Tell zu Hilfe gekommen ist und einem Soldaten mit dem Schwert den Kopf abgeschlagen hat, bekommen wir Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt von Tell, begleiten ihn auf dem Weg ins Nichts, dorthin, wo die Sagen und Legenden wohnen.

Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters

Wer die Überlieferungen kennt, wird den einen oder anderen ironischen Wink des Autors erkennen: Hinter dem "Nordmann", der auf der Weiterreise nach Italien bei Gessler Station macht, könnte sich der dänische Autor Saxo verbergen, der in seiner "Geschichte der Dänen" (um 1200) den Apfelschuss schon beschrieben hatte, lange bevor die Tell-Sage erfunden wurde.

Jahre später erhält Tells inzwischen alt gewordene Tochter Besuch von einem Mann, der ein Lied auf den Helden dichten will, er heißt Schriber (wie jener Landschreiber, der im Jahr 1472 den Namen Tell erstmals erwähnt). Doch Tells Tochter hat keine Lust auf alte Geschichte, einen Tell-Hof, sagt sie, gibt es hier nicht: Sie heiße auch nicht Tell, sondern Tschudi (wie jener Chronist, der 1550 die Tell-Sage erfunden und den Apfelschuss auf den 19. November 1307 datiert hat).

Die Wirklichkeit ist dehnbar und die Wahrheit liegt immer im Auge des Betrachters.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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