Senthuran Varatharajah: Rot (Hunger) © S. Fischer
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Roman - Senthuran Varatharajah: "Rot (Hunger)"

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"Liebe geht durch den Magen", "Ich hab dich zum Fressen gern" – die Sprache der Liebe ist kannibalistisch. In dem Roman "Rot (Hunger)" von Senthuran Varatharajah nehmen zwei Männer diese Redensarten ernst: der eine verspeist den anderen. Ausgehend vom wahren Fall des sogenannten "Kannibalen von Rotenburg" macht sich der Autor Gedanken über das Wesen der Liebe und wie man mit der Tatsache umgehen soll, dass der Mensch, den man liebt, doch immer weit weg ist, egal, wie nah man ihm kommt.

Es wäre leicht, ein Drama, einen Psychothriller oder gar eine Art Monsterballade aus dem Kriminalfall zu machen, der im Jahr 2001 und danach die Republik schockierte und der Boulevardpresse üppigen Stoff bot. Der Computertechniker Armin Meiwes tötete den Berliner Ingenieur Bernd Brandes in seinem Haus in Rotenburg, zerteilte ihn und verspeiste anschließend Teile von ihm. Er tat dies auf Verlangen von Brandes. Wochenlang hatten die beiden den Ablauf in E-Mails und Chat-Nachrichten minutiös gemeinsam geplant. Meiwes wurde 2002 verhaftet und 2006 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wegen Mordes und Störung der Totenruhe verurteilt.

Lust und Leid, Schmerz und Hingabe

Senthuran Varatharajah verzichtet in seinem Roman darauf, irgendeine Art von Sensation oder Spektakel daraus zu machen oder die Akteure voyeuristisch auszustellen. Es geht dem in Berlin lebenden Autor vielmehr um den Versuch, zum Wesen der Liebe vorzudringen als etwas wo Lust und Leid, Schmerz und Hingabe immer gleichzeitig vorhanden sind. Das körperliche Verlangen bis hin zum Wunsch, den anderen zu verschlingen, also eins zu werden mit dem Menschen, den man begehrt, den man liebt - ein unstillbarer und unerfüllbarer Hunger - das ist hier zentral im Roman, ebenso wie die Erfahrung, auch in der Zweisamkeit letztendlich einsam zu bleiben.

Und plötzlich sind da zwei Menschen, die die Redensarten wörtlich nehmen: der eine frisst den anderen tatsächlich.

Dem Buch vorangestellt ist übrigens der Satz: "Das ist eine Liebesgeschichte". Das ist zwar nicht schockierend, aber durchaus verstörend.

Verstörende Poetik des Unvorstellbaren

Senthuran Varatharajah erzählt zum einen die Geschichte des Tages im März 2001, als Armin Meiwes , im Buch nur "A" genannt, und der Berliner Bernd Brandes, im Buch als "B" bezeichnet, sich wie verabredet treffen, um zu tun, was sie wochenlang in Chats und E-Mails gemeinsam geplant hatten. A soll sich B einverleiben.

Diese Passagen sind verstörend. Weil sie zum einen genau beschreiben, zum anderen aber poetisieren. Da heißt es zum Beispiel:

Zitat:

"vier Fleischermesser, mit verschiedenen Klingen, 8, 10, 14 und 16 Zentimeter, rechts neben dem Beil, weil der Abstand

zwischen einem

Körper

und einem Körper

immer größer ist als in unserer Vorstellung...."

oder - Zitat:

"Mann kann 31 Jahre warten, so, wie man 39 Jahre warten kann.

Du mit deinen Zähnen.

Du mit deinen Zähnen.“

Weitere Ebenen erzählen von großer Liebe, Trennung und vom Schreiben

Das ist nicht leicht zu ertragen. Der Roman fügt dieser Ebene weitere Ebenen hinzu. Ein Ich-Erzähler denkt ein Jahr nach einer Trennung über die verflossene große Liebe nach. Er trägt unschwer erkennbar die Züge des Autors, heißt Senthuran, als Kind musste er mit seinen Eltern in den 80er Jahren als Angehörige der tamilischen und verfolgten Minderheit aus Sri Lanka nach Deutschland fliehen; der Ich-Erzähler ist ebenfalls Schriftsteller und schreibt gerade an einem Buch über den Kannibalen von Rotenburg.

Der Roman handelt also auch vom Schreibprozess und er macht Sprache und die Suche nach der richtigen Sprache zum Thema. Hier zeigt sich neben dem Autor Senthuran Varatharajah auch der Theologe, Philosoph und Kulturwissenschaftler. Er studierte Philosophie, evangelische Theologie und Kulturwissenschaften in Marburg, Berlin und London, als Preisträger des Adelbert-von-Chamisso-Förderpreises hielt er 2018 die Poetikdozentur an der Ludwigs-Maximilians-Universität München. Senthuran Varatharajah verweist in "Rot (Hunger)" auf Lektüreerfahrungen, auf das Religiöse und Mystische und seziert unsere Sprache.

Wie verändern Gewalt, Verlust und Flucht die Sprache?

Schon über seinen ersten, vielfach ausgezeichneten Roman "Vor der Zunahme der Zeichen", hieß es, er habe eine eigene Sprache entwickelt. Varatharajah sprach von einer "Sprache, die von den Rändern her komme", was sich damals in dem Asyl- und Fluchterfahrungen behandelnden Roman ganz konkret auf die Asylbewerberheime an den Rändern der Städte bezog. Erfahrungsräume also, die die Mehrheitsgesellschaft nicht teilen kann.

Diese Erfahrungen webt der Autor auch jetzt wieder mit ein. Darüber hinaus geht es um Menschen an den Rändern, um Tabus und uns fremd und abstoßend erscheinende sexuelle Vorlieben.

Experimentelle Sprache, experimentelle Gestaltung

In "Rot", werden die Ereignisse abstrahiert, wird Sprache seziert, Gedanken werden in immer wieder anderen Zusammenhängen wiederholt, die Chat-Zitate werden zu Lyrik. Die Textgestaltung unterstreicht den experimentellen Umgang mit Sprache: zwischen Wörtern und Sätzen ist oft viel Abstand, es wird nicht nach Silben getrennt, sondern irgendwo, wodurch Buchstaben isoliert stehen. In der Mitte des Buches mit schwarzem Einband finden sich zwei rot glänzende Seiten – sie stammen vom Künstler Kurt Bille mit dem Titel "Untitled. (Rot) I und II".

Die Farbe Rot ist die Farbe der Liebe, des Blutes, des rohen Fleisches, rot heißt auf Russisch aber auch Mund und Rot ist der Anfang des Städtenamens Rotenburg.

Eine Zumutung im allerbesten Sinne

"Rot (Hunger)" löst zunächst ein großes Unbehagen aus und ist ein Buch, das ich wegen des Kannibalismus-Themas mit Vorsicht in die Hand genommen habe. Umso verblüffender ist es während der Lektüre zu merken, wie viele Gedankenräume und wie viel Platz für Assoziationen aufgestoßen werden: Tod und Liebe als Verbündete, wie prägen Verlust und Gewalterfahrungen die Sprache und den Körper und wer definiert, was wir wollen dürfen.

Fazit: Die alte künstlerische Technik, zusammenzubringen, was auf den ersten Blick nicht zusammenpasst, funktioniert gut. "Rot (Hunger)" möchte eine Zumutung sein und das ist dieser Roman auch, im allerbesten Sinne.

Nadine Kreuzahler, rbbKultur

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