Abdulrazak Gurnah: Ferne Gestade © Penguin
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Roman des Literaturnobelpreisträgers 2021 - Abdulrazak Gurnah: "Ferne Gestade"

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Hoher Besuch im Großen Sendesaal des rbb: Abdulrazak Gurnah, Literaturnobelpreisträger von 2021, stellt seinen soeben im Penguin Verlag erschienen Roman "Ferne Gestade" vor. Der 1948 im damaligen Sultanat Sansibar geborene Autor emigrierte 1968 nach Großbritannien, lehrte nach seinem Literaturstudium an verschiedenen Universitäten englische Literatur lehrte und machte als Schriftsteller Karriere.

Neu aber ist der Roman nicht: Erschienen ist er unter dem Titel "By the Sea" bereits 2001, ein Jahr später die deutsche Übersetzung von Thomas Brückner unter dem Titel "Ferne Gestade" in der "edition Kappa". Doch die deutsche Ausgabe war lange vergriffen. Das traf, als im letzten Herbst die Nachricht vom Literaturnobelpreis kam, auch auf alle anderen Bücher von Gurnah zu. Von den zehn Romanen des Autors waren überhaupt nur fünf ins Deutsche übersetzt, in kleinen Auflagen und verschiedenen Verlagen. Hierzulande war das Interesse an den oft schmerzhaften Themen bisher nicht allzu groß. Vergessen und Verdrängen haben die Debatte um das koloniale Erbe geprägt.

Gurnah erzählt immer von den Verbrechen des Kolonialismus und ihren Nachwirkungen: Er ist ein Chronist der Verwerfungen und der Migration, erzählt vom Verlust der Heimat und vom Aufbruch in unbekannte Welten, von Macht und Ausbeutung, Diskriminierung, Rassismus, oft in alltäglicher Sprache, die nichts beschönigt.

Gründliche Überarbeitung der alten Übersetzung

In Zeiten politischer Korrektheit kann das zum Problem werden und zu Missverständnissen führen. Die alte Übersetzung von "Ferne Gestade" wurde deshalb jetzt gründlich überarbeitet, doch der Penguin Verlag, der die Rechte erworben hat, weist in einer "editorischen Notiz" ausdrücklich darauf hin, dass der Roman in einer Welt spielt, in der "Vorurteile und Anfeindungen gegen Menschen anderer Ethnie, Hautfarbe oder Religion zum Alltag gehören. Dem Verlag ist bewusst, dass es sich bei einigen der verwendeten Ausdrücke um Diffamierungen bzw. Stereotype handeln kann, deren Verwendung und unverfälschte, nicht beschönigende Übersetzung jedoch zur Charakterisierung der Figuren gehört. Auch daher verbot sich eine umschreibende Übersetzung mit Auslassungen."

Zwei Ich-Erzähler, deren Schicksale sich mehrfach kreuzen

Gurnah entführt uns in die Welt der Migranten, die aus Afrika nach Europa fliehen und in den Ländern ihrer ehemaligen Peiniger und Ausbeuter Hilfe und Rettung suchen. Sie wollen der Armut und Willkür ihrer Heimat entfliehen und hoffen, im Westen Demokratie und Freiheit zu finden, werden dort aber nur geduldet und sind nicht willkommen.

Der Roman taucht ein in die Geschichte des Kolonialismus in Ostafrika, fokussiert sich dann auf die Zeit, als die Kolonialmächte abzogen und die multi-kulturellen, multi-religiösen und multi-ethnischen Länder in fürchterliche Krisen und Kriege stürzte.

Beschrieben werden die sozialen Verwerfungen und gesellschaftlichen Widersprüche am Beispiel zweier Familien, die auf rätselhafte Weise miteinander verflochten sind: hin- und hergerissen zwischen Liebe und Hass, Neid und Gier geben sie sich gegenseitig die Schuld an all dem Leid, das den Familien widerfuhr, wie ein Krebsgeschwür weiter wütet und das unglückliche Erbe des Kolonialismus in die Gegenwart verlängert.

Es gibt zwei Ich-Erzähler, beide stammen aus Sansibar, ihre Schicksale kreuzen sich mehrfach, sie hassen sich und werden sich in England zur großen Beichte und Aussprache wieder treffen: denn beide haben konträre Erinnerungen an Sansibar, an das, was sich ereignet hat und sie in die Flucht in unbekannte Welten trieb.

Der eine heißt Saleh Omar, er landet Mitte der 1990er Jahre auf dem Londoner Flughafen. Ein alter Mann, der nur eine Tasche dabei hat und angeblich kein Englisch spricht. Doch das ist gelogen. Er ist gebildet, stammt aus einer ehemals begüterten Familie, mit der es in den Wirren der postkolonialen sozialistischen Experimente bergab ging. Er hatte ein Möbelgeschäft, eine Frau und eine Tochter. Aber dann hat er sich von einem dubiosen Handelsreisenden in gefährliche Finanzaktionen verwickeln und mit Schuldscheinen abspeisen lassen. Bei seinem Versuch, sein Geld wiederzubekommen, verscherzt er es sich mit den neuen sozialistischen Machthabern. Er landet für viele Jahre im Gefängnis. Als er entlassen wird, sind Frau und Tochter verstorben und er nur noch ein schattenhaftes Wesen, das sich entschließt, unter falschem Namen in England um Asyl zu bitten.

Als Latif Mahmud, der andere Ich-Erzähler, diesen falschen Namen hört, schrillen bei ihm die Alarmglocken: Denn es ist der Name seines verstorbenen Vaters. Latif hat vor vielen Jahren einen Studienaufenthalt im "sozialistischen Bruderstaat" DDR dazu genutzt, nach England zu fliehen. Zwar wird er dort noch immer auf der Strasse als "Nigger" und "Mohr" beleidigt, aber er hat auch Karriere als Literatur-Professor und Dichter gemacht und trägt deutliche Züge von Abdulrazak Gurnah.

Latif hilft den Behörden manchmal als Dolmetscher, wenn Asylanten aus Ostafrika nach England kommen und nur einen der vielen regionalen Dialekte sprechen. Instinktiv weiß Latif, dass der alte Mann aus Sansibar, der den Namen seines Vaters benutzt und gerade in England angekommen ist, kein anderer als Saleh Omar sein kann, jener verhasster Möbelhändler, der seine Familie ins Unglück stürzte. Doch warum benutzt er den falschen Namen, warum ist aus dem reichen Mann ein heimat- und mittelloser Asylant geworden?

Ein filigran konstruierter, schmerzlich schöner Roman

Es gibt viel zu besprechen. Und viele Wahrheiten werden sich als Lügen erweisen. Gewissheiten werden zerbröseln. Nur eines ist wahr und gewiss: "Ferne Gestade" ist ein filigran konstruierter, schmerzlich schöner Roman, der uns Dinge zeigt, vor denen wir allzu oft die Augen schließen.

Wünschenswert wäre es, auf die Stimme des Autors zu hören, wenn wir über koloniales Erbe, Wiedergutmachung, Raub- und Beutekunst sprechen. Gurnah, der nicht in Schwarz-Weiß-Schemen denkt, sondern auch Zwischentöne und Grauzonen kennt, hätte uns - gerade was den Umgang mit Artefakten im Humboldt Forum betrifft - einiges zu sagen.

Zu hoffen ist, dass wir bald nicht nur Neuauflagen der bereits übersetzten alten Romane lesen können, sondern endlich auch die Übersetzung seiner neuen Bücher, zum Beispiel von "Afterlives", 2020 in England erschienen, noch immer nicht im deutschen Buchhandel: Eine Unterlassung, die man dringend korrigieren sollte.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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