Catherine Belton: Putins Netz © HarperCollins
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Sachbuch - Catherine Belton: "Putins Netz"

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Was ist los in Putins Kopf? Alle Welt würde das gern wissen, seit Russland die Ukraine überfallen hat. Catherine Beltons 700-Seiten-Wälzer Putins Netz, das in deutsch am Vortag des Überfalls erschienen ist, gibt darauf keine aktuelle Antwort. Soviel vorab. Und dennoch ist es das Buch zur Stunde, lehrreich, verblüffend, beklemmend und spannend - meint Arno Orzessek.

Untertitel sind oft Schmu – anders in diesem Fall. Belton erzählt tatsächlich, wie sich der KGB mit zwielichtigen Methoden Russland zurückgeholt hat und dann den Westen ins Auge fasste, um im Stil einer selbstbewusst-erneuerten Großmacht Einfluss zu nehmen. Die ungeheure Geschichte beginnt noch in der Sowjetunion, als der ehemalige KGB-Chef Juri Andropow Chef des Zentralkomitees war. Und sie endet mit den anrüchigen Verbindungen zwischen Putins Netzwerk und US-Präsident Donald Trump, der drauf und dran war, Moskaus Strategien komplett auf den Leim zu gehen. Wir lesen die Geschichte Russlands der letzten Jahrzehnte als haarsträubende, vor allem in der Finanzwirtschaft beheimatete Kriminalgeschichte, in der sich die KGB-Mafia gegen die vulgäre Straßen-Mafia, die Oligarchen der 90er Jahre, jegliche Opposition und alle hinderlichen Gesetze durchsetzt.

Putin als fette Spinne im Netz

Wladimir Putin ist heute die fette Spinne im Netz. Aber er war es nicht immer. Im Grunde bekam Putin die Fäden der Macht in die Hand, weil man sie ihm gab. Und 'man', das sind hier Boris Jelzin und sein Clan. Jelzin, der Putin Ende der 90er als Nachfolger etabliert hat, im Glauben, einen energischen Demokraten mit Talent für Ökonomie zu fördern; das sind die KGB-Seilschaften um Igor Setzschin und Nikolai Petruschew und mächtige Leute wie der ominöse russisch-orthodoxe Banker Sergej Putgatschow; das sind die paar Oligarchen, die gegen immer peinlicheres Duckmäusertum ihren immensen Reichtum, der aus halblegal angeeignetem Staats-Eigentums stammt, zunächst behalten durften.

Putin, beleidigt und geradezu traumatisiert von der Auflösung des Ostblocks und den bandenkriegsartigen Erfahrungen in Petersburg, will zunächst gar nicht Präsident werden. Kaum jemand kennt ihn, seine öffentliche Performance ist stark ausbaufähig. Kurz: Putin muss zum Jagen getragen werden. Aber mit der Macht kommt die Lust an der Macht und die Machtgeilheit. Die Terroranschläge im Russland um die Jahrhundert-Wende und die Geiselnahme von Beslan 2004, allesamt vielleicht vom KGB fingiert, vielleicht auch nicht... Belton lässt das geschickt offen..., aber jedenfalls reich an Toten, formen trotz zwischenzeitlicher Image-Krisen das Bild vom starken Mann.

Putin unterwirft sich erst vorsichtig, dann unerbittlich die komplette russische Wirtschaft. Er bekommt die finanziellen Mittel in die Hand, neo-zaristische Großmachts-Träume zu realisieren. 2007 auf der Münchener Sicherheitskonferenz sagt er dem Westen mit anderen Worten: Eure Zeit als Sieger des Kalten Krieges ist vorbei, wir kommen zurück – wir sind sogar schon wieder da! Die Infiltration des Westens durch Unterstützung radikaler Parteien dauert bis heute an.

Immenser russischer Einfluss in "Londongrad"

Am Anfang von Beltons Buch steht, ganz wie in Dostojewskis XL-Schinken, eine Liste wichtiger Figuren. Allerdings kommen im Weiteren noch Hunderte, Tausende Namen dazu, fast nur Männer, deren äußere Erscheinung Belton stets kurz und knackig beschreibt – offenbar ein Faible, und ein Fingerzeig, dass sie die Leute schon mal gesehen hat.

Oh ja!, man verliert schon mal den Überblick im Labyrinth der Einzelheiten – aber der rote Faden bleibt sichtbar: die Übernahme Russlands durch eine Bande von Geheimdienstlern. Belton lässt gern einfließen, dass sie einige der dramatis personae persönlich getroffen hat. Aber ein Leben würde nicht reichen für die Recherche, die ihrem Buch zugrunde liegt. Tatsächlich trägt Belton auch viele fremde Früchte insbesondere aus der englischen Russland-Literatur zusammen; der Anmerkungs-Apparat ist üppig.

Und der Westen kommt keineswegs ungeschoren davon, im Gegenteil. Westliche Werte? Ach, komm! Sobald gute Geschäfte in Aussicht stehen, werden Politiker und Unternehmen allzu oft von schwerer Amnesie heimgesucht. Je stärker Putin die russische Wirtschaft unter Kontrolle bekam, desto leichter fiel es ihm, westliche Parteien, Politiker und Institutionen zu korrumpieren. Trump und der immense russische Einfluss in "Londongrad“ sind nur die sichtbarsten Zeichen dieser Übergriffe.

Der KGB-Kapitalismus hängt vom Export ab

Beltons Buch ist keine Kristallkugel, in der man den Fortgang des Ukraine-Krieges und die Zukunft Russlands erkennen könnte. Es lässt kaum Rückschlüsse auf die politische Opposition und den Zustand der Zivilgesellschaft zu, falls es eine solche in Russland im engeren Sinne (noch) gibt. Auch der militärische Sektor bleibt in puncto Spitzenpersonal, Waffensysteme, Leistungsfähigkeit und so weiter stark unterbelichtet.

Unzweideutig ist aber, dass der KGB-Kapitalismus und Putins Imperiums-Gelüste vom Zugang zu den Weltmärkten abhängen, insbesondere vom Export von Gas, Öl und sonstigen Bodenschätzen. Vor dem Hintergrund von Beltons Ausführungen dürften die derzeitigen Wirtschaftssanktionen des Westens mittelfristig verheerend wirken – und damit destabilisierend. Würde Putin allerdings verschwinden, sei es mittels Revolte, Putsch, Ehrenpension oder Tyrannenmord, bliebe immer noch Putins Netzwerk, oder anders: der mafiöse KGB-Staat. Keine guten Bedingungen für eine lupenreine Demokratie.

Aber das ist Zukunftsmusik. Beltons Buch erzählt die Vorgeschichte der russischen Gegenwart, die in vielen Dimensionen verständlicher wird – und umso erschreckender wirkt. Trotz (oder wegen) der extremen Personalisierung ist Putins Netz ein herausragend relevantes Werk.

Arno Orzessek, rbbKultur

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