Christian Gerhaher: Lyrisches Tagebuch © C.H. Beck
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Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm - Christian Gerhaher: "Lyrisches Tagebuch"

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Christian Gerhaher ist derzeit einer der besten Sänger überhaupt und vor allem eine Autorität in Sachen Liedinterpretation. Zudem versteht er es, eloquent und tiefsinnig (nicht nur) über Musik zu reflektieren.

Im Zentrum seines neuen Buches stehen Betrachtungen zu wichtigen Liedern und Komponisten. Gustav Mahler ist da ein Schwerpunkt, vor allem aber Robert Schumann. Gerhaher hatte sich zuletzt intensiv mit dem Liedschaffen Schumanns auseinandergesetzt und dessen knapp dreihundert Lieder vollständig aufgenommen. Daneben wird auch die Oper nicht ausgeklammert in prägnanten Beispielen von Mozart oder Heinz Holliger.

(K)ein Tagebuch

Das im Titel des Buches stehende Tagebuch ist indes nur ein Aufhänger. Zwar steht über jedem Kapitel ein zumeist konkretes Datum, das auch immer mit einem besonderen Ereignis im Leben des Sängers verbunden ist. So etwa der Abend, als Christian Gerhaher zum ersten Mal in der Londoner Wigmore Hall an der Seite seiner Kollegin Edith Mathis aufgetreten ist, um mit ihr Schumanns Zyklus "Myrthen" aufzuführen – Gerhahers erste Begegnung mit diesem Werk.

Oder: eine kuriose Begebenheit, als der Sänger am Schalter eine Bahncard kaufen wollte. Am Abend zuvor war er als Don Giovanni aufgetreten – in einer Inszenierung, in der Mozarts Titelheld als alternder Mann dargestellt wird. Und da fragte die Mitarbeiterin, ob er bereits über sechzig sei – dann würde er die Bahncard günstiger bekommen. Die Pointe: Gerhaher war zu der Zeit erst 45 ...

Kompetenz und Haltung

Christian Gerhaher reflektiert über das Thema Liedinterpretation gewohnt kompetent und tiefschürfend, dazu mit einer klaren und gleichzeitig differenzierten Haltung. "Die inhaltliche Neigung zum Abstrakten", so der Sänger, "die ich allgemein für das Lied einfordern würde, hat jedoch nichts damit zu tun, dass für dessen Darstellung die Illusion der Individualität im Medium des Sängers erforderlich ist."

Das geht in die Tiefe, und natürlich sollte man sich für die Gattung Kunstlied interessieren, wenn man das Buch zur Hand nimmt. Manche Stelle ist für interessierte Laien zu hoch, etwa wenn es um bestimmte Intervallkonstellationen geht oder zur Verdeutlichung ein ausführliches Notenbeispiel gegeben wird. Das sind allerdings wenige Stellen, über die man zur Not auch hinweglesen kann.

Lesen – und Hören

Eines sollte man für die Lektüre allerdings immer bedenken: Zeit nehmen! Man muss sich zunächst mit den vertonten Gedichten auseinandersetzen, die für die, die sie nicht kennen, abgedruckt oder ausführlich zitiert werden. Vor allem sollte man die Lieder aber unbedingt parallel zum Lesen noch einmal (oder zum ersten Mal) hören, das bekommt man ja problemlos im Netz.

Wer bereit ist, entsprechend zu investieren, taucht mit Hilfe dieses Buches tief in diesen Kosmos ein, wo es oft um winzigste, aber entscheidende Nuancen des Textverständnisses, aber auch der musikalischen Interpretation geht. Klar ist: Nach der Lektüre geht man in den nächsten Liederabend, ob mit Gerhaher oder anderen, noch einmal ganz anders hinein.

Nicht nur Musik

Klar ist auch, wie der musikalische Kosmos mit vielen anderen Bereichen verknüpft ist: Literatur natürlich hier vor allem, aber auch Philosophie, etwa wenn Christian Gerhaher anhand der "Szenen aus Goethes Faust" von Robert Schumann über das Thema Ewigkeit reflektiert und zum Ergebnis kommt: "So wie auch alle Religion irdische Bemühung um ein überirdisches Ziel bleibt, trotz ihres transzendentalen Anspruchs, so bleibt es alle Kunst eben auch."

Ein guter Gedanke von vielen anderen, die Gerhahers Buch ausmachen.

Andreas Göbel, rbbKultur

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