Imre Kertész: Heimweh nach dem Tod © Rowohlt
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Arbeitstagebuch zur Entstehung des "Romans eines Schicksallosen" - Imre Kertész: "Heimweh nach dem Tod"

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Imre Kertész' autobiografischer "Roman eines Schicksallosen" ist eines der wichtigsten literarischen Zeugnisse des Holocaust. Doch erst nach dem Zerfall des Sozialismus gelang Kertész der internationale Durchbruch und sein Bericht eines 14-Jährigen, der Auschwitz und Buchenwald überlebt hatte, machte ihn weltberühmt. Die Entstehungsgeschichte des Romans kann man nun in dem Arbeitstagebuch "Heimweh nach dem Tod" nachlesen.

Das Erstaunlichste an Imre Kertész ist nicht die Allgegenwart des Zweifels, ist nicht seine Verzweiflung und auch nicht das zutiefst Skrupulöse, das aus jeder Zeile spricht. Das Erstaunlichste ist, dass er seine Freundlichkeit und den Glauben an die Menschheit nicht verloren hat, nachdem er im Alter von vierzehneinhalb Jahren in Ungarn verhaftet, nach Auschwitz und von dort als Zwangsarbeiter weiter nach Buchenwald deportiert worden war.

Aus Erfahrungen Literatur machen, um ihnen damit einen Sinn zu geben

"Ich, der ich all das durchgemacht habe, wovon ich schreibe, der auf 29 Kilo abgemagert war und schon einmal fast gestorben bin, habe das Recht, das, was mir geschehen ist, zu humanisieren", schrieb Kertész fünfzehn Jahre danach, als er an dem "Roman eines Schicksallosen" zu arbeiten begann.

Es klingt, als müsse er sich dafür entschuldigen, aus seinen Erfahrungen Literatur machen zu wollen und ihnen damit einen Sinn zu geben – denn nichts anderes bedeutet es, wenn er von "humanisieren" spricht.

"Buchenwald – Alpha und Omega aller Wahrheit in meinem Leben", notierte er mit einem anderen dieser leisen, erstaunlichen Kertész-Sätze. Um das KZ für einen Ort der Wahrheit halten zu können, muss man seine Bücher wahrlich gelesen haben.

Der "Roman eines Schicksallosen" - damals ein Fluch für Kertész

"Heimweh nach dem Tod" ist der Titel des Arbeitstagebuches aus den Jahren 1958 bis 1962, das jetzt, herausgegeben und übersetzt von Ingrid Krüger und Pál Kelemen, aus dem Nachlass in der Berliner Akademie der Künste erschienen ist. Schier unglaublich, dass der "Roman eines Schicksallosen", für den Kertész 2002 den Nobelpreis für Literatur erhalten würde, damals für ihn eher ein Ausweichen, eine Flucht bedeutete, weil er mit einem anderen Buch, an dem er "eigentlich" arbeitete, nach fünf Jahren nicht über ein einziges Kapitel hinausgekommen war.

Dieses Buch sollte "Ich, der Henker" heißen. Kertész imaginierte sich da in einen inhaftierten NS-Verbrecher hinein, der sich rechtfertigte. Kertész wollte ihn nicht als moralisch böse, sondern als "funktionalen Menschen" zeigen, als einen, der zu jeder Handlung bereit war, der aber in der Diktatur den eigenen Wesenskern verloren hatte.

Doch auch mit dem "Roman eines Schicksallosen", der zunächst den Arbeitstitel "Ferien im Lager" hatte, kam er nicht voran, obwohl er jetzt von sich selbst, den eigenen Erlebnissen ausging.

Einverständnis mit dem Schicksal

Kertész weigerte sich, sich als Opfer zu begreifen und zu stilisieren. Vielmehr – und darin liegt das Eigentümliche und Verstörende dieses Buches – ging es ihm um das Gefühl des Einverständnisses mit dem Schicksal. Weil die Ereignisse sich nicht ändern lassen, kann der Mensch sich ihnen nur anpassen. "Roman der Anpassung" war deshalb ein anderer möglicher Titel. Darin lag für Kertész die gesuchte "Wahrheit": dass "in der Welt nichts anders passiert, als dass wir eine Absurdität, nämlich das Leben selbst, als etwas Natürliches hinnehmen".

Dieses Einverständnis reicht in der Extremsituation des Konzentrationslagers bis hin zum Akzeptieren des eigenen Todes. Der Häftling hat alle Verantwortung für sich und das Leben abgegeben. Das empfindet er – so Kertész – als Freiheit. So erlebte er auch die totale Entkräftung, die bei vielen anderen mit dem Tod endete, als einen Augenblick des Glücks.

Im Arbeitstagebuch versuchte er sich diese Ungeheuerlichkeiten klarzumachen und sich über alle Schwierigkeiten hinweg endlich in einen Zustand zu versetzen, der ihm das Schreiben erlauben würde. Doch unentwegt haderte er mit sich und seinem Vorhaben. Durfte, konnte er so schreiben? War es möglich all das aus der Perspektive des Kindes zu schildern, das er damals war? Und wie war dieser Zustand der "vollkommenen Desillusionierung", den er erstrebte, überhaupt auszuhalten?

"Die ganze Sache ist unendlich naiv und ohne Stil", notierte er im April 1960. Und kurz darauf: "Ich muss mich gegen mich selbst wenden, um ich selbst sein zu können – so könnte ich sagen, wenn ich Gefallen an solchen Paradoxa hätte."

Bei derlei Pirouetten kann einem schwindlig werden, und vermutlich ist es Kertész selbst so gegangen, denn es dauert noch fünfzehn Jahre, bis der "Roman eines Schicksallosen" in Ungarn – ohne großen Erfolg – erschien.

Kertész' Literatur ist auf merkwürdige Weise stark und hoffnungsvoll

Dennoch macht das Arbeitstagebuch, das den Beginn der Arbeit an diesem "Bildungsroman" begleitet, auch Mut. Es zeigt, wie hartnäckig Kertész sich den Problemen des Schreibens – und des Lebens – stellte, wie unerbittlich er gegen alle Widerstände anarbeitete und wieviel Arbeit es bedeutet, einen guten Roman, der sich keinerlei Sentimentalitäten erlaubt, zu schreiben.

Indem Kertész – oder vielmehr seine Romanfigur – das Leben als "monströse Reihe von Sinnlosigkeiten" erkennt und akzeptiert, gelingt ihm die Katharsis. Schreibend überwindet er den schwarzen Kern des Nihilismus, der in jedem seiner Sätze lauert, von dem er sich aber nicht unterkriegen lässt.

Das macht seine Literatur und auch dieses Arbeitstagebuch, das ständig dem eigenen Scheitern ins Auge sieht, auf merkwürdige Weise stark und hoffnungsvoll.

Jörg Magenau, rbbKultur

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