Martin Walser, Cornelia Schleime: Das Traumbuch © Rowohlt
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Mit Bildern von Cornelia Schleime - Martin Walser: "Das Traumbuch. Postkarten aus dem Schlaf"

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Heute wird Martin Walser - einer der letzten Überlebenden der Gattung des Großschriftstellers - 95 Jahre alt. In seinem "Traumbuch" befindet sich eine Auswahl von Träumen, die er seit vielen Jahrzehnten in seinen Tagebüchern festgehalten hat: kleine Erzählungen, poetische Perlen oder "Postkarten aus dem Schlaf".

Martin Walser träumt deutlich, so deutlich, dass er seine Träume nicht deuten muss. Da wird nichts verhüllt oder zensiert oder ins Symbolische verbogen. Der psychoanalytische Deutungsimperativ ist ihm fremd. Seine Träume, sagt er, sind ihm "lieb und wert, so wie sie vorkommen". Indem er sie aufschreibt– und das tut Martin Walser seit vielen Jahrzehnten – in seinen Tagebüchern entstehen kleine Erzählungen, poetische Perlen oder "Postkarten aus dem Schlaf".

So lautet der Untertitel dieses wunderschönen "Traumbuches", zu dem die Künstlerin Cornelia Schleime Collagen beigesteuert hat. Ihre Bilder, die Motive der Walserträume aufnehmen, wirken selbst wie geträumt.

Träume - ein eigenes literarisches Genre

Was im Schlaf geschieht, ist im Wachen und im Schreiben nicht mehr einzuholen. Vielmehr gilt es, die Anregungen aus dem unerschöpflichen Reservoir der Phantasie aufzunehmen und in Sprache zu verwandeln. Das Aufgeschriebene hat eine erzählerische Zwangsläufigkeit, die es im Schlaf nicht gibt. Und umgekehrt: Was im Traum einleuchtet, klingt nach dem Aufwachen weniger zwingend, etwa der Satz: "Wer Bücher schreibt, dem wächst die Nase zu."

Träume sind ein eigenes literarisches Genre. Dabei tritt der Autor hinter sich zurück und lässt sich von sich selbst überraschen. Vielleicht ist Walser deshalb gleich im ersten Traum dieses Buches doppelt vorhanden. Da will er in sein Auto steigen, sitzt aber schon drin. Der, der drinsitzt, sieht nicht so aus, wie er sich kennt, doch er weiß, das ist er, er selbst. Der eine, also das andere Ich, fährt los. Der andere, also noch einmal er selbst, springt hinten auf den Kofferraumdeckel. Und dann geht es steil abwärts in einen Keller hinein.

Eine Traumwelt voller Taggestalten

Zugleich ist Walsers Traumwelt voller Taggestalten. Hans Magnus Enzensberger tritt auf; dann geht es "um den Selbstkostenpreis Gottes". Der Verleger Siegfried Unseld ist von überdeutlicher Präsenz, wie auch Ehefrau Käthe und die Töchter der Familie. Uwe Johnson, Thomas Mann, Rudolf Augstein als Motorradfahrer und Jürgen Habermas kommen vor, aber auch der Tennisspieler Pete Sampras, dem Walser gerne die Hand gedrückt hätte. Mit Habermas ist er in einem Flugtraum vereint, den beide eng umschlungen in der Angst vorm finalen Absturz durchleben. Schuld, Scham, Peinlichkeit sind wiederkehrende Motive, etwa dann, wenn ein Gedicht, das vorgetragen werden soll, nicht mehr auffindbar ist.

Walser betreibt ein kleines bisschen Traumforschung

Auch wenn Walser Psychoanalyse und Traumdeutung ablehnt, betreibt er hin und wieder ein kleines bisschen Traumforschung. Er erzählt Träume nicht nur, sondern will verstehen, wie das Träumen sich vollzieht. Stets sind demnach körperliche Zustände die Auslöser. Herzschmerzen. Magenverstimmung. Atemnot. Sexualbedürfnisse. Das Sexuelle spielt eine überragende Rolle, angefangen mit einem Affenmännchen mit blutigem Geschlechtsteil, das zur Imitation und zur Selbstbefriedigung anregt, bis hin zu einer "Samenübermittlung auf vollkommen keusche, nahezu ungeschlechtliche Art".

Das Erinnerungsarsenal eines Lebens wird zum Material der Träume

Neben den häufig ins Sexuelle tendierenden Körperzuständen gibt es eine zweite vorherrschende Tendenz: Das ist der Kindheitsort, Wasserburg am Bodensee. Kaum ein Traum, der nicht dort endet oder anfängt. "Im Schlaf werden älteste Daten von jüngsten geweckt", vermutet Walser völlig zurecht. Das ganze Erinnerungsarsenal eines Lebens wird zum Material der Träume.

Das macht aus seinem pünktlich zum 95. Geburtstag erscheinenden Traumbuch eine innere Biografie, aber so, dass alles wild durcheinandergeworfen wird und in jedem Traum etwas Neues, Eigenes, nie Dagewesenes entsteht. Keine andere literarische Form ist so anarchistisch. Alles ist möglich, und doch ist alles – bis hin zum Erscheinen des unvermeidlichen Marcel Reich-Ranicki - eindeutig walseresk.

Ein würdiges Geburtstagsgeschenk für den Jubilar und die Walserschaft

Cornelia Schleime kommentiert diese intime Traumwelt mit ihren Bildern. Sie fügt alte Postkarten vom Bodensee oder Stadtansichten von Friedrichshafen in gemalte Landschaften ein. Dazwischen entwirft sie phallische Figuren, geisterhafte Köpfe oder einen weiblichen Kentaur. Ihre Bilder fügen disparates Material zu rätselhaften, vielgestaltigen Gebilden, so wie auch die Träume aus verschiedenen Wirklichkeitsebenen schöpfen. Schleimes Bilder und Walsers Traumtexte reagieren aufeinander.

Das "Traumbuch" ist als Gespräch von Bild und Wort ein würdiges Geburtstagsgeschenk für den Jubilar und die ganze Walserschaft.

Jörg Magenau, rbbKultur

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