Nino Haratischwili: Das mangelnde Licht © Frankfurter Verlagsanstalt
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Roman - Nino Haratischwili: "Das mangelnde Licht"

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Es gibt eine ganze Reihe an aktuellen Romanen, die gerade frappierend aktuell sind, weil sie uns die Vorgeschichte für den Angriffskrieg auf die Ukraine deutlich machen. Ob es Katerina Poladjans Roman "Zukunftsmusik" ist oder Sasha Marianna Salzmanns "Im Menschen muss alles herrlich sein" - oder eben dieser neue Roman von Nino Haratischwili. Schon mit "Das achte Leben" hatte die 1983 in Tbilissi geborene Autorin und Theaterregisseurin ein beeindruckendes Georgien-Epos geschrieben, und mit "Die Katze und der General", der in Tschetschenien spielte, stand sie auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

"Das mangelnde Licht" spielt in Georgien nach dem Zerfall der Sowjetunion. Im ersten Kapitel erzählt Haratischwili eine Szene in Tbilissi im Jahr 1987, also zwei Jahre vor den Massendemonstrationen in Tiflis gegen die sowjetische Regierung, die gewaltsam aufgelöst wurden. Im Zentrum steht die Freundschaft von vier Mädchen, ihre Geschichten erzählt Nino Hartischwili vor dem Hintergrund eines politisch gebeutelten Landes.

Vier Freundinnen, vier georgische Biografien

Es ist eine sehr tiefe Freundschaft zwischen diesen vier, die sie bis ins Erwachsenenalter prägt und begleitet. Ihre Lebensläufe sind georgische Biografien, vor dem Hintergrund von traumatischen Kriegen, von Mangel und Gewalt, von Drogen und Korruption. Aber da ist eben auch das Heitere und Helle, das Spielen, das Verlieben. So fängt das Buch auch an: 1987 brechen die vier Mädchen, damals am Anfang ihrer Jugend, heimlich in den Botanischen Garten in Tbilissi ein, um nachts in ein Wasserbecken zu springen.

Die Erinnerungen entspinnen sich

Das Buch beginnt also mit einem Sprung - und beim Lesen springt man mit ins Leben dieser vier Mädchen: Keto, die Erzählerin, die später Restauratorin und Malerin wird, Dina, eine zukünftige Kriegsfotografin, Ira, später eine erfolgreiche Juristin, und Nene, die bei ihrem kriminellen Onkel aufwächst.

Keto, die Erzählerin, hat dabei nicht die Deutungshoheit gepachtet, sondern zweifelt an der Verlässlichkeit von Erinnerung. Sie ist Restauratorin, beschäftigt sich also auch in ihrem Beruf mit dem Wiederherstellen von Verblasstem, buchstäblich. Am Anfang – und das ist die Rahmenhandlung in der Gegenwart – besucht sie in Brüssel eine Ausstellung. Denn Dina, die später Kriegsfotografin geworden ist, lebt nicht mehr. Ihre Bilder aber werden in einer großen Werkschau in Brüssel ausgestellt. Dort gibt es ein Wiedersehen der drei übrig gebliebenen Freundinnen, längst erwachsen, längst Eltern, mitten im Berufsleben.

Anfangs wehrt sich Keto noch gegen die Flut an Erinnerungen, die die Bilder der verstorbenen Freundin in ihr auslösen. Doch dann liefert sie sich aus - und die Geschichten, die Erinnerungen entspinnen sich. Episch, ausufernd, auf 832 Seiten. Und das Springen geht weiter: immer wieder hin und her zwischen der Vergangenheit und dem Besuch der Ausstellung im Jahr 2019. Die Fotografien fungieren dabei als Verstärker, sie setzen die Erinnerungsmaschine in Gang.

Ein gewichtiges Panorama von Krieg, Liebe und Freundschaft

Nino Haratischwili ist eine Erzählerin, die einen ganzen Kosmos ausbreitet, eine ganze Welt. Manche bemängeln die nicht immer innovative Sprache, die abgegriffenen Bilder, die Redundanz, die Klischees. Aber wer erzählt schon so umfassend, tiefgehend, psychologisch klug und lebendig wie diese Autorin?

"Das mangelnde Licht" ist randvoll mit Welthaltigkeit, mit großen und kleinen Tragödien, Komödien und Dramen, und stellt wichtige Fragen: nach Schuld und Verantwortung, nach dem Gepäck, das man mitschleppt, auch wenn man den Ort wechselt, nach den Langzeitfolgen von Kriegen. Ein gewichtiges Panorama von Krieg, Liebe, Freundschaft, über innere und äußere Kämpfe. Ein Buch zum Reinwerfen, zum Reinspringen.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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