Orhan Pamuk: Die Nächte der Pest © Hanser Verlag
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Roman - Orhan Pamuk: "Die Nächte der Pest"

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Literaturnobelpreisträger geben sich im rbb die Klinke in die Hand: Gerade war der aktuelle Preisträger, der in England lebende tansanische Autor Abdulrazak Gurnah, zu Gast, um seinen Roman "Ferne Gestade" vorzustellen, da kommt schon der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk ins Haus des Rundfunks. "Die Nächte der Pest" heißt der neue Roman, den der Literaturnobelpreisträger im Großen Sendesaal präsentiert.

Pamuk spielt in "Die Nächte der Pest" mit literarischen Referenzen: Albert Camus und sein Roman "Die Pest", Daniel Dafoe und sein fiktiver Dokumentarbericht "Die Pest zu London" und "Die Brautleute" von Alessandro Manzoni. Das Buch als Parabel auf die aktuelle Corona-Pandemie zu lesen, wäre naheliegend, wird aber Pamuk nicht gerecht: Denn mit der Niederschrift hat der Autor schon 2016 begonnen, als noch niemand von COVID-19 je gehört hatte.

Ausbruch der Pest im Osmanischen Reich

In den literarischen Vorläufern wie auch in Pamuks Roman geht um die Frage, wie sich eine Seuche auf Individuum und Gesellschaft auswirkt, eine Spirale aus Aberglaube und Abwehr, Verdrängung und Verleugnung, Panik und Flucht alles mit sich reißt, sich Gewissheiten auflösen, alte soziale, ethnische, religiöse Konflikte wieder aufbrechen, Gemeinschaften und Staatswesen kollabieren und eine neue Ordnung hervorbringen.

"Die Nächte der Pest" spielt im Jahr 1901, als in Asien die Pest ausbrach, die sich Richtung Westen fort fraß, Millionen Opfer forderte und nur vor den Toren Europas Halt machte, weil man hier mit modernen medizinischen Erkenntnissen gut darauf vorbereitet war. Im damaligen Osmanischen Reich war das nicht so: "Der kranke Mann am Bosporus", (Pamuk spielt genüsslich mit diesem diffamierenden Begriff) war noch tief im Schicksal- und Aberglauben des muslimischen Anti-Modernismus verfangen und wurde von der Pest voll erfasst.

Pamuk einwirft auf der Folie der Fakten eine literarische Fiktion

Pamuk einwirft auf der Folie der Fakten eine literarische Fiktion und erfindet die Insel Minger, irgendwo zwischen Kreta und Rhodos gelegen, die zum Osmanischen Reich des Sultan Abdülhamit II. gehört. Sie ist ein Paradies, die Natur ist üppig, Muslime und Christen leben in Harmonie, bis die Pest ausbricht und Verstörung und Verleugnung, Mord und Totschlag, Revolution und Nationalismus hervorbringt: Das von einer Kriegsflotte europäischer Großmächte abgeriegelte Minger wird sich auf seine alte Sprache und Kultur besinnen, einen eigenen Staat ausrufen und den Untergang des Osmanischen Reiches einläuten.

Im Fadenkreuz der Kritik

Orhan Pamuk, in der Türkei oft wegen seiner politischen Äußerungen angegriffen, angeklagt und zu Geldstrafen verurteilt, ist auch mit "Die Nächte der Pest" wieder ins Fadenkreuz der Kritik geraten: Das Erdogan-Regime versteht keinen Spaß und wittert hinter jeder poetischen Fantasie einen politischen Umsturzversuch.

Der neue Roman brachte Pamuk eine Anklage wegen angeblicher "Beleidigung" von Staatsgründer Kemal Atatürk ein: Denn auf der fiktiven Insel Minger wird aus einem Soldaten, der für Ordnung sorgen soll, ein Anführer des nationalistischen Widerstands, aus Hauptmann Kamil wird der Vordenker und Staatsgründer der Republik Minger. Natürlich klingen Kamil und Kemal ähnlich, erinnert manche Äußerung von Hauptmann Kamil an die politische Agenda von Kemal Atatürk. Doch das wird ironisch überzeichnet und verfremdet: beleidigend oder gar umstürzlerisch ist es nicht.

Die Klage gegen Pamuk ist in erster Instanz gescheitert. Wie es in der nächsten Instanz weitergeht, steht aber in den politischen Sternen.

Irrwitziges Spiel der Perspektiven

Die Erzählweise des Romans beruht auf einem satirischen Kniff und politischen Humor: Berichtet werden die 120 Jahre zurückliegenden Ereignisse von einer Frau, Nina Mingerli, eine glühende Nationalistin, die ein Buch über die Geschichte der Insel, das nationale Wiedererwachen und kulturelle Erbe schreiben will.

Sie ist - wie es sich für einen postmodernen Roman gehört, der in seiner Konstruktion an Umberto Ecos "Der Name der Rose" erinnert - verspielt und unzuverlässig, benutzt historische Quellen und angeblich authentische Briefe, um die trockenen historischen Fakten in lebhafte literarische Fiktion zu verwandeln. "Die Kunst des Romans", schreibt sie im Vorwort, "liegt ja in der Fähigkeit, unser eigenes Leben so zu erzählen, als wäre es die Geschichte einer fremden Person, und die Geschichten Fremder so, als hätten wir sie selbst erlebt. Viel schwerer fiel mir, mich in die an der Macht stehenden Männer hineinzuversetzen, die Paschas und Ärzte, die den schweren Kampf gegen die Pest führten."

Was für ein irrwitziges Spiel: Der linksliberale Orhan Pamuk verwandelt sich in eine nationalistische Erzählerin, die vorgibt, glaubwürdig die Wahrheit zu schildern und aus verschiedenen (auch männlichen) Perspektiven die Geschichte einzelner Personen in die objektive Geschichte einer Epoche zu verwandeln. Voilà!

Ein humorvoller Roman - trotz aller Ungeheuerlichkeiten

Wichtigste Quelle der Erzählerin sind die (erfundenen) Briefe von Pakize Sultan, Enkelin von Herrscher Abdülhamit. Sie wird nach langem Arrest nach Minger geschickt, um dort mit ihrem Ehemann, einem modernen, westlich orientierten Arzt, die "Pest" zu bekämpfen und zugleich in bester Sherlock-Holmes-Manier einen Mord an einem vom Sultan auf die Insel entsandten Seuchen-Experten aufzuklären.

Pakize schickt unzählige Briefe an ihre Schwester nach Istanbul, schildert, wie sich die Pest ausbreitet, sich die muslimischen und christlichen Bewohner an die Gurgel gehen, Revolten ausbrechen, Folter und Hinrichtungen, Mord und Totschlag an der Tagesordnung sind - und das ehemalige Paradies sich in eine Hölle verwandelt.

Die Briefe von Pakize Sultan, die in den Wirren der Pest-Zeit sogar kurz zur Königin von Minger avanciert, dienen heute Nina Mingerli als Erzählfundus, aus dem sie sich freizügig bedient. Erst ganz am Ende werden wir erfahren, dass Nina die Urenkelin von Pakize ist, sie der alten Herrlichkeit der untergegangenen Republik Minger nachtrauert und mit einem lauten Ausruf diesen verzwickten und trotz aller Ungeheuerlichkeiten humorvollen Roman beendet: "Es lebe Minger! Es leben die Mingerer! Es lebe die Freiheit!"

Frank Dietschreit, rbbKultur

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