Stine Pilgaard: Meter pro Sekunde © Kanon Verlag
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Roman - Stine Pilgaard: "Meter pro Sekunde"

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Die dänische Autorin Stine Pilgaard, 1984 in Aarhus geboren, ist mit ihren bisher drei Romanen in Dänemark ein Publikumsliebling. Für "Meter pro Sekunde" wurde sie mit dem "Goldenen Lorbeer" der dänischen Buchhändler ausgezeichnet. Ihr dritter Roman ist nun der erste, der in deutscher Übersetzung vorliegt. Er spielt in Velling, einem kleinen Städtchen in Westjütland an der Nordseeküste, einer wortkarge Gegend, die Pilgaard als "Land der kurzen Sätze" bezeichnet.

Im Süden Deutschlands sind die Menschen maulfaul. Im Norden sind sie eher wortkarg, wie unter anderem eine Bierwerbung beweist. Noch weiter nördlich, im dänischen Städtchen Velling an der Nordseeküste, liegt das "Land der kurzen Sätze". Auch dort unterhält man ein eher ökonomisches Verhältnis zur Sprache. Dorthin verschlägt es die Ich-Erzählerin in Stine Pilgaards "Meter pro Sekunde", dem dritten Roman der 1984 geborenen dänischen Autorin, dem ersten allerdings, der nun in der temporeichen Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel auf Deutsch vorliegt.

Knappe Alltagskommunikation in der Provinz

Diese junge Frau ist alles andere als auf den Mund gefallen. Sie spricht nicht nur viel und schnell, könnte also ihre Wortausstoßfrequenz in "Meter pro Sekunde" messen, sondern ist dabei auch ziemlich direkt und wenig diplomatisch. Das sind keine guten Voraussetzungen, um in der Provinz zu bestehen, wo sich die Alltagskommunikation mit einem knappen "Danke, gut" oder dem Hinweis "schon wieder Montag" mehr als hinreichend bestreiten lässt.

Also muss sie diese heruntergedimmte Art der Gesprächsführung erst einmal lernen. Zu Hause übt sie mit ihrem "Liebsten", der Lehrer in einer Heimvolkshochschule ist und als dessen bloßes "Anhängsel" sie überhaupt nach Velling kam. Wenn sie die Frage "Wie war das Wochenende?" mit "Tut gut, nach einer hektischen Woche runterzuschalten", beantwortet, nickt der Liebste anerkennend.

Verwicklungen und Herausforderungen der Sprache

Die gerne ins Absurde tendierenden Gespräche drehen sich um das Füllmengenproblem bei Mülltüten oder um den Feuchtigkeitsgrad von Feuchttüchern. Weil die beiden vor kurzem Eltern geworden sind, geht es auch ums Windeln oder ums Waschen. Ihr kleiner Sohn ist anfangs erst ein paar Monate alt. Am Ende des Schuljahrs, das dem Roman seinen zeitlichen Rahmen gibt, dringt er, der bis dahin nichts als "Muh" sagen kann und allen Tieren gleichermaßen diesen Laut zuschreibt, zum "Mäh" vor, korrekte Antwort auf die Frage: "Wie macht das Schaf?"

Es ist ein großer Moment im Leben der Eltern und ein Höhepunkt der Geschichte, in der es immer und in allen Verwicklungen vor allem um die Herausforderungen der Sprache geht.

"Kummerkasten-Texte"

Da der Junge tagsüber in der Kita gut aufgehoben ist, hat die Mutter viel Zeit, die sie am liebsten mit der Hotelbesitzerin Krisser, dem Ökofreak Sebastian (auch er ein "Anhängsel") oder aber dem von ihr verehrten Anders Agger, einer dänischen TV-Prominenz, in munteren Gesprächen über das Leben, Lieben, Reden und Schweigen verbringt. Zudem ist sie damit beschäftigt, ihren Führerschein zu machen, was bei ihren katastrophalen Fahrfähigkeiten ein langwieriges, 87 Fahrstunden umfassendes Unternehmen ist. Mehrere Fahrlehrer hat sie bis dahin zerschlissen, sogar die schöne Mona, deren außerordentliche Schönheit dazu führt, dass auch die jungen Männer des Ortes ihre Fahrprüfung so lange wie möglich aufschieben.

Vor allem aber übernimmt sie einen Job als Autorin des "Kummerkasten" der Lokalzeitung. Die trockene, mitleidslose Art, mit der sie die meist in Liebesangelegenheiten Rat suchenden Leserinnen und Leser mehr abbürstet als tröstet, wird schnell Kult, und tatsächlich sind die Kummerkastentexte das Beste in diesem an originellen Beobachtungen so reichen Roman. Was soll man auch sagen, wenn zuerst eine Schülerin, und dann ein Lehrer ihr geheimes Liebesleid offenbaren, während die Ich-Erzählerin ihrerseits damit zu tun hat, dass ihr Liebster von den Mädchen heftig umschwärmt und zum most sexiest Lehrer der Schule gewählt wird, der bei der Abschlussfeier dann sogar mit dem "goldenen Schwanz" ausgezeichnet wird.

Ein leichter, vergnüglicher Roman

Um sexuelle Fragen geht es natürlich auch andauernd – und nicht nur in der Zeitungskolumne. Genau wie die Sprache ist ja auch das Sexuelle eine Kommunikationsform. Sex ist aber einfacher, weil es, wie in einer der salopp formulierten, verzwickten Weisheiten Stine Pilgaards heißt, "dafür nichts braucht, außer gut funktionierenden Geschlechtsorganen. Ein gutes Gespräch hingegen verlangt Erfindungsreichtum und Vertrautheit."

Vielleicht wird ja deshalb, weil das Reden so schwer (oder viel zu leicht) ist, auch gerne gesungen in diesem Buch. Grundlage dafür ist das dänische Liederbuch für die Heimvolkshochschulen, für das die Erzählerin neue Texte verfasst. Auch diese Um- und Neudichtungen strukturieren diesen leichten, vergnüglichen Roman, der aus all seinen kleinen Szenen und Momentaufnahmen ein großes Panorama der Provinz und des ganz alltäglichen Lebens entstehen lässt.

Jörg Magenau, rbbKultur

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