Torsten Schulz: Öl und Bienen © Klett-Cotta
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Roman - Torsten Schulz: "Öl und Bienen"

Der Schriftsteller Torsten Schulz ist bekannt für zahlreiche Filmdrehbücher und für Romane wie "Boxhagener Platz" und "Skandinavisches Viertel". Geboren wurde er 1959 in Berlin, wo er immer noch lebt, aber nur zum Teil, er hat auch ein Domizil auf dem Land. In der Provinz spielt auch sein neues Buch "Öl und Bienen" - genauer gesagt im Havelland.

Drei Dauersingles, Mitte 30, verbringen fast jeden Tag zusammen. Sie sind arbeitslos, einer hat ein Bein verloren, der andere hatte einen Arbeitsunfall, der dritte hat Blutdruckprobleme. Sie wohnen in einem kleinen Ort im Havelland, Ende der 70er Jahre. Und diese drei Männer - Spitznamen: der Ihmsche, Blutblase und Krücke - hängen den ganzen Tag zusammen ab. Sie hören eingeschmuggelte Westplatten Deep Purple, Black Sabbath, Led Zeppelin. Sie trinken viel, sehr viel, nicht nur abends, vor allem Bier und Wurzelpeter, einen Kräuterlikör. Und sie labern. Was so Männerrunden halt labern. Über Frauen, über die Welt, über ihre Mütter, und über ihre abwesenden Väter.

Vaterlosigkeit

Was sie verbindet, ist die Vaterlosigkeit. Und im Fall von Lothar Ihm, der Hauptfigur, ist die Geschichte seines Vaters interessant. Denn sein Vater hat im Havelland nach Erdöl gesucht, in der Tradition seines eigenen Vaters, also Lothar Ihms Großvater. Dieser Adalbert Wutzner hatte in den Zwanziger Jahren kurz tatsächlich Erdöl gefunden. Auch diese Geschichte wird in Rückblicken erzählt.

Erdöl aus dem Havelland

Man liest das in diesen Tagen natürlich etwas betreten, in denen die Rohstofffrage gerade noch politischer geworden ist als sonst. In Wirklichkeit ist das Havelland eher rohstoffarm, außer Sand und Kies ist da nicht viel zu finden, Erdöl und -gas aus Russlands waren im letzten Jahr Brandenburgs wichtigster Importstoff. Im Buch allerdings findet Lothar Ihms Großvater tatsächlich Erdöl, nachdem er manisch mit Spaten und Spitzhacke durch das Havelland gelaufen war. Kurz führte er ein reiches Leben mit Villa und einer Schauspielerin als Frau. Dann aber versiegte das Öl schon nach wenigen Wochen, er wurde zum Hochstapler erklärt und kam ins Gefängnis.

Diese Erfolglosigkeit zieht sich seither durch die Familie, bis hin zum Enkel, dem Ihmschen, der mit Mitte Dreißig immer noch bei seiner Mutter wohnt und nicht viel mehr tut als Abhängen. Immerhin macht einer seiner Kumpels seine Erdölfamiliengeschichte zu einer kleinen Erfolgsgeschichte, weil er sie jeden Sonntag in einer Kneipe in der Nähe von Nauen erzählt, als selbsternannter Heimatchronist. Dafür zahlen die Leute Eintritt und geben ihm die Getränke aus.

Bienen- und Frauenschwärme

Und dann wirbeln die Bienen in die Geschichte hinein. Im Sommer 1979 entdeckt der Ihmsche plötzlich ein Loch in der Hauswand. In dieses Loch krabbeln Bienen. Was war zuerst da gewesen, fragt er sich, das Loch oder die Bienen? Sie werden zu einer Plage, kommen auch im Haus aus den Dielen hervor, summen und krabbeln durch die Geschichte und treiben sie voran: Sie stechen seine Mutter, diese rutscht aus und kommt ins Krankenhaus.

Und dann fällt noch ein weiterer Schwarm in den kleinen Ort ein: Seine Mutter hatte mit Freundinnen gemeinsam heimlich eine Heiratsannonce für ihn aufgegeben: "Junggebliebener Mittdreißiger möchte ein neues Leben beginnen und sucht deshalb eine liebe Frau, gleichaltrig, Kind kein Hindernis, zwecks Heirat." In der Folge reist ein Dutzend junge Frauen an, alle heiratswillig - was jedoch nicht auf Gegenliebe stößt und zu einigen absurden und grotesken Situationen führt.

Schulz schreibt seine Romane streckenweise wie Drehbücher

Torsten Schulz, der auch Drehbuchschreiben an der Filmuniversität Konrad Wolf in Babelsberg lehrt, schreibt seine Romane streckenweise auch wie Drehbücher. Als der Ihmsche und seine Mutter das Loch in der Wand entdecken, davorsitzen und zusehen, wie eine Biene herausgekrochen kommt und davonfliegt, klingt das so:

"Was ist das?" fragte Muttsch.
"Eine Biene."
"Das seh ich, dass das eine Biene ist."
"Warum fragst Du dann?"

Eine zweite Biene krabbelte heraus, eine weitere kam herangeflogen und verschwand im Loch.

"War das die, die eben weggeflogen ist?" fragte Muttsch.
"Das weiß ich nicht."
"Was weißt Du überhaupt?"

Stoff, den man auch auf der Kinoleinwand sehen möchte

Es ist eine Frage der Zeit, wann aus diesem Buch auch ein Film wird. Hoffentlich. Die Tristesse des Alltags Ende der 70er Jahre in der DDR, die drei jungen Männer, ihre Vokuhilas, die Bienenschwärme und der Großvater mit Spitzhacke auf der Suche nach Öl im Havelländischen Sand - das würde man alles gerne nicht nur lesen, sondern auch auf der Kinoleinwand sehen.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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