Saša Stanišić: Herkunft © Luchterhand
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Roman - Saša Stanišić: "Herkunft"

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Gute Bücher altern nicht. Saša Stanišićs Roman "Herkunft" gehört zu jenen Büchern, die man im Moment noch einmal mit ganz anderen Augen liest. 2019, als das Buch erschien, gewann Stanišić damit den Deutschen Buchpreis, stand auf den Bestsellerlisten, bekam viel Scheinwerferlicht und zahlreiche positive Rezensionen. Wenn man es jetzt wieder zur Hand nimmt, nur zweieinhalb Jahre später, liest man es mit einem anderen politischen Soundtrack: vor dem Hintergrund des Angriffskrieges auf die Ukraine. Und das verleiht den Fragen, die Stanišić in "Herkunft" verhandelt, eine erneute Dringlichkeit.

Saša Stanišić wurde 1978 in Visegrad, Bosnien geboren und kam als Jugendlicher mit seinen Eltern nach Deutschland, als Geflüchtete des Krieges.

Schon mit seinem ersten Roman "Wie der Soldat das Grammofon repariert" (2006) wurde er bekannt, gewann mehrere Preise damit und stand sogar auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Spätestens seit seinem Roman "Vor dem Fest" (2014) und dem Preis der Leipziger Buchmesse gehört Stanišić zu den prominenteren Autoren. Es folgte ein Band mit Erzählungen "Fallensteller", dann "Herkunft" und der Deutsche Buchpreis – seither hat der Autor, selbst Vater geworden, auch Kinderbücher geschrieben.

Stanišić erzählt vom Gefühl, ein Fremder zu sein

Es gibt eine wunderbare Szene in "Herkunft", in der Stanišić vor einer Tür in Deutschland steht und den Schriftzug darauf zwar sieht, aber noch nicht entschlüsseln kann. Ob dort "drücken" steht oder "ziehen", das weiß er nicht – und dieses Gefühl ist exemplarisch dafür, ein Fremder zu sein: vor verschlossenen Türen stehen, sich durch eine kryptische Welt bewegen.

Was macht das mit einem, wenn man das Land, in dem man lebt, verlassen muss, weil Krieg herrscht? Wie ist es, in einem anderen Land anzukommen, dessen Sprache man nicht spricht? Und was um Himmels willen soll man schreiben, wenn die deutsche Ausländerbehörde von einem verlangt, einen handgeschriebenen Lebenslauf einzureichen?

Für den Ich-Erzähler Saša Stanišić ein Riesenstress.

Ein humorvoller und klug beobachtender Roman

Auch beim Wiederlesen entfaltet der Roman die selbe Wucht, den gleichen Humor, die selben klugen Beobachtungen. Die Frage nach dem "Woher" verwirrt den Erzähler. Worauf soll sich dieses "Woher" nur beziehen, fragt er an einer Stelle, "auf die geografische Lage des Hügels, auf dem sich der Kreißsaal befand? Auf die Landesgrenzen des Staates zum Zeitpunkt der letzten Wehe? Provenienz der Eltern? Gene, Ahnen, Dialekt?"

Das alles ergebe doch nur eine Art Kostüm, das man, einmal übergestülpt, "ewig tragen soll". "Herkunft" kreist klug und kritisch um diesen Begriff, der einem so schnell über die Lippen geht, der jedoch so viele Fragen aufwirft und so vielschichtig verwendet werden kann.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur