Carsten Gansel: Kind einer schwierigen Zeit © Galiani Berlin
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Biografie - Carsten Gansel: "Kind einer schwierigen Zeit. Otfried Preußlers frühe Jahre"

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Sie haben Generationen an Kindern und Jugendlichen geprägt: "Der Räuber Hotzenplotz", "Die kleine Hexe", "Das kleine Gespenst", "Der kleine Wassermann" und der düstere "Krabat". Die Kinderbücher von Otfried Preußler sind heute Klassiker und sein Name ist weltberühmt. Doch schon lange vorher schrieb er Gedichte, Theaterstücke und Erzählungen, mitten im Zweiten Weltkrieg. Am 5. Mai erscheint ein umfangreiches Werk zu Preußlers Anfängen als Autor – mit zum Teil noch ganz unbekannten Texten, die nichts mit Kinderliteratur zu tun haben.

"Und was soll ich dich lehren? Das Müllern? Oder auch alles andere?", wollte der Meister wissen. "Das andere auch", sagte Krabat. Krabat – der Junge, der dem Bösen verfällt und sich dann doch befreien kann – das ist nicht nur eine Allegorie auf das Dritte Reich. Es ist auch eine ganz konkrete Allegorie auf die Jugendjahre von Otfried Preußler als Hitlerjunge, Soldat und schließlich Kriegsgefangener.

Schreiben als Traumabewältigung

Das Schreiben von "Krabat" hat Preußler von Kriegstrauma befreit, sagt der Germanist Carsten Gansel: Otfried Preußler verarbeitet die Ereignisse, die durch die Beschäftigung mit dem Krabat-Stoff reaktiviert werden und er bringt sie in eine für sich "erträgliche" Form. Auf diesen Punkt zielt Gansel mit seinem umfassenden Werk zu "Otfried Preußlers frühen Jahren".

Er versucht die Frage zu beantworten, wie real Erinnerungen, Vergangenheit und Gegenwart eigentlich sind, wie Erinnerungen in literarisches Schaffen einfließen, es bereichern oder auch verhindern können: "Während traumatisierte Menschen in der Realität nicht vom Trauma erzählen können, ist genau dies aber in literarischen Texten möglich. Otfried Preußler hat diese Möglichkeiten (…) für sich genutzt."

Kindheit im Märchenland

Preußler wuchs als Teil der deutschen Minderheit in Tschechien auf. Genoss eine Kindheit in einer Familie, deren Leben der Literatur und Sprache gewidmet war, vor allem den Mundarten und Sagenstoffen des heimischen Jeschken- und Isergebirges. Gansel widmet zahlreiche Kapitel auch der Geschichte des Vaters Otfried Preußlers, Joseph, der eine riesige private Bibliothek vor allem mit regionaler Literatur angelegt hatte.

Nichts davon blieb nach der Vertreibung der Familie aus dem Sudetenland erhalten. Doch den jungen Otfried hatte diese Welt für immer geprägt, wie er später im Interview mit dem SWR sagt: "Später bin ich dazu übergegangen, ganz bewusst in der Wahl der Namen und Schauplätze auf die ferne, verlorene Kinderheimat zurückzugreifen."

Angehender Schriftsteller in Kriegsgefangenschaft

Mit 17 machte Preußler 1942 sein Abitur – nur eine Woche später wurde er eingezogen und geriet nach drei Jahren in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Erst 1949 kam er wieder frei. Das ist zwar bekannt, doch was der Autor Carsten Gansel leistet, ist bemerkenswert: Er rekonstruiert akribisch sein Leben als Soldat in Rumänien und vor allem als Kriegsgefangener. Er hat in russischen Archiven nicht nur seine Gefangenenakte, sondern auch private Aufzeichnungen und Texte anderer Soldaten über den angehenden Schriftsteller entdeckt.

Preußler inszenierte im Lager Theaterstücke und schrieb Gedichte, die er in kleinen selbstgebastelten Heften aus Backpapier an seine Mitgefangenen verschenkte und die Gansel in seinem 560 Seiten umfassenden Werk ausführlich zitiert.

Unbekannte Alterswerke

Als "Krabat" 1970 endlich erschien, war Preußler schließlich in der Lage, seiner Kriegsvergangenheit ins Auge zu blicken. Er machte sich an zwei bislang fast unbekannte Projekte: Die bis zu seinem Tod 2013 unvollendete Autobiografie "Verlorene Jahre?" und "Bessarabischer Sommer. Fragmente zu einem Roman".

Er begleitet Preußlers Alter Ego "Trenkler" durch das Grauen des Krieges bis zur Gefangennahme: "Die Hände im Nacken, wurden wir unter martialischem Geschrei ins Dorf eskortiert: Blumrich, Schliercke, die paar Landser und ich. Der Oberzahlmeister Meyer lag auf dem Rücken und starrte mit glasigen Augen ins Leere. Er hatte die markigen Sprüche des Kommandierenden wörtlich genommen. Wir mussten ihn liegenlassen, mit seiner Schusswunde in der rechten Schläfe."

Beeindruckendes Zeitzeugnis

Carsten Gansel gelingt ein sehr persönliches, intimes Bild von Otfried Preußler: Ein hochintelligenter und begabter junger Mann, der auch noch in der Hoffnungslosigkeit der Gefangenschaft seinen Mitmenschen Poesie näherbringt. Er wird dabei als so moralisch aufrecht und herzensgut gezeichnet, dass es fast wieder unglaubwürdig erscheint – und auch der Titel des Buches, "Kind einer schwierigen Zeit", wirkt irritierend euphemistisch.

Doch zugleich ist die Fülle an Recherche, Dokumenten und unerwarteten Funden ein kostbares Geschenk des Autors an die Leser:innen, die nun die bisher unveröffentlichten Texte Otfried Preußlers entdecken können und einen detaillierten Einblick in das Schicksal einer Generation bekommen, die es bald nicht mehr geben wird.

Irène Bluche, rbbKultur

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