Oksana Sabuschko: Schwestern © KLAK
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Ein Roman in Erzählungen - Oksana Sabuschko: "Schwestern"

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"Feldstudien über ukrainischen Sex" – so heißt der Roman, mit dem die Kyjiwer Schriftstellerin Oksana Sabuschko Mitte der 90er Jahre berühmt wurde. Sabuschko, Jahrgang 1960, ist eine starke, schonungslose, eigenwillige Stimme der literarischen Avantgarde der Ukraine. Vielleicht kann man sie eine literarische Psychoanalytikerin der ukrainischen Gesellschaft nennen: Die Traumata der sowjetischen Vergangenheit und Sex als Metapher für Begehren und Gewalt sind ihre Themen. Auch in ihrem Buch "Schwestern. Ein Roman in Erzählungen", aus dem Ukrainischen übersetzt von Alexander Kratochvil, erschienen im kleinen Berliner Klak-Verlag.

Sie wurde mal enfant terrible der ukrainischen Literatur genannt; vielleicht, weil sie so ungestüm schreibt, mit wilder Syntax, bissig, explizit sexuell. Vielleicht auch, weil sie sich schon immer an ihrem Land, der Ukraine, abgearbeitet hat, ohne einen Kult daraus zu machen wie einige ihrer männlichen Literaturkollegen aus der Westukraine.

Hellseherisch

Die Metropole Kyjiw ist Sabuschkos Zuhause, dort hat sie Philosophie studiert und ist zunächst als Lyrikerin aufgetreten. Von dort hat sie Verbindungen nach Westeuropa und USA geknüpft, u.a. als Stipendiatin in Harvard und Pittsburgh. Sie hasst den Sowjet-Totalitarismus und seine Folgen und weiß zugleich, dass er tief in den Familiengeschichten sitzt und sich nicht einfach abschütteln lässt. Das hat sie sehr eindrücklich gezeigt in ihrem großen Roman "Museum der vergessenen Geheimnisse" (Droschl 2010), aber auch in ihrem kurzen Essay "Der lange Abschied von der Angst", geschrieben nach der russischen Krim-Annexion (Droschl 2018). Fast hellseherisch hat Sabuschko schon damals vom Krieg eines neuen Totalitarismus gesprochen, der auf die totale Manipulierbarkeit von Gesellschaften setzt. Und vom ukrainischen Abschied von der alten Angst eines scheinbar ewigen Underdogs.

Schwester, Schwester

Der "Roman in Erzählungen" ist im ukrainischen Original schon 2003 erschienen. Ihn jetzt auf Deutsch zu lesen, in der wie immer gekonnten Übersetzung von Alexander Kratochvil, lohnt allemal. Jede der vier Erzählungen kreist um Schwesternschaft und entfaltet einen enormen Sog. Immer geht es um Frauen und ihr Verhältnis zu anderen Frauen.

Zugleich zeigt das Buch die formale Breite von Sabuschkos Schreiben. Das beginnt in der Sowjetzeit mit einem im stream of consciousness erzählten Kindheitstrauma: Daryna wusste früh von ihrer ungeborenen jüngeren Schwester, die von der Mutter abgetrieben wurde, nachdem der KGB die Mutter zu verhören begann. Der zweite Text rekonstruiert Darynas erste Liebe zu einer Mitschülerin und zeigt zugleich sexuelle Tabus und öffentliche Ächtung in der Sowjetunion. Im dritten Teil ändert sich der Ton radikal. Der Text greift ein ukrainisches Volksmärchen auf, das mit einem Schwesternmord endet. Zuletzt, in einer surrealistischen Farce, geht es um die Fernsehmoderatorin Malina, die verlassene Frauen in ihrer sehr erfolgreichen Show auftreten lässt und dabei selber am sexistischen Voyeurismus des Fernsehens irre wird.

Feministische Literatur at it’s best

Die Bezeichnung "Roman in Erzählungen" legt nahe, Verbindungen zwischen den Frauenfiguren mitzudenken. Für Oksana Sabuschko sind sie wohl ukrainische Schwestern. Der Roman bildet einen dichten Hallraum postsowjetischer Traumata, ukrainischer Volksmärchen und postmodernem Wirklichkeitsverlust. Das ist feministische Literatur at it’s best: Frauen sind hier Opfer wie Täterinnen, Liebende und Mordende, Missbrauchte und Missbrauchende zugleich. Und sie sind, bei aller Sehnsucht nach Schwesternschaft, sich selbst hinterfragende Einzelgängerinnen; immer entkommen sie dem Gruppenzwang. So ist jede der vier Erzählungen auch ein starkes Plädoyer für Eigensinn, vielleicht einen spezifisch weiblichen Eigensinn.

Natascha Freundel, rbbKultur

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