Yasmina Reza: Serge © Hanser
Hanser
Bild: Hanser Download (mp3, 10 MB)

Roman - Yasmina Reza: "Serge"

Bewertung:

Bekannt ist Yasmina Reza vor allem für ihre Theaterstücke: "Kunst", "Drei Mal Leben" oder "Der Gott des Gemetzels". Doch die französische Autorin, Regisseurin und Schauspielerin schreibt auch Drehbücher und Romane. Ihr neuester Roman heißt "Serge" und wurde von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel übersetzt.

In ihrem aktuellen Roman "Serge" lotet die Autorin den Mythos Familie und einen fragwürdigen Erinnerungskult aus. Ein typischer Reza-Roman: Aus dem echten Leben gegriffen, auf Pointe geschrieben, zeigt er die Banalität des Wohlstandlebens im langen Schatten der Shoah.

Die jüdische Familie

Zuerst wirkt das Romanpersonal etwas schlicht. Jean ist der Erzähler dieser Familienstory. Reza führt ihn als Typ ein, der im Schwimmbad die falsche Badehose trägt und sein Gemächt einrollt, als ihm der Bademeister ein knappes Lycra-Modell aufdrängt – ein betont mickriger "Mitläufer ohne Eigenschaften".

Ein Mann von Format und daher titelgebend ist der große Bruder Serge. Ihn lernen wir näher kennen, als er in der Schweiz eine Suppendiät abbricht, dabei seiner Freundin erklärt, es gebe "Leute, die mich dick mögen". Worauf er sich überbackene Zwiebelsuppe und "mit den eigenen Schenkeln gefüllte Täubchenbrust" gönnt und vorher wie nachher pornopeinlichen Sex mit einer Domina-Dame.

Die dritte und scheinbar unscheinbarste Figur im Geschwisterbund ist Nana, die "kleine Schwester", die auch längst in die Jahre gekommen ist. Die jüdische Familie hat ihr nie verziehen, dass sie einen Goi aus Spanien geheiratet hat. Der sei, erklärt Jean gemein, "nur eine Nebenfigur dieser Geschichte", und doch ist er oft Thema, denn beide Brüder haben den "verwerflichen Hang, ihn zu schikanieren".

Soweit die Geschwister Popper, etwa im Alter der Autorin, der man zugutehalten kann, dass sie ihresgleichen nicht schont, also nicht schönt. Allerdings bekommen hier vor allem alternde weiße Männer ihr Fett weg. Man kann aber auch sagen, dass Reza mit giftigen Klischees spielt, für knallige Effekte und schnelle Witze, dem Erfolgsrezept ihrer Theaterstücke, das im Roman bisweilen bemüht wirkt. Serge und seine Bagage sind zunächst Karikaturen ihrer selbst.

Die Tiefenschärfe des Todes

Tiefenschärfe bringt der Tod. Als die Mutter der Geschwister stirbt, drängt das mit ihr Verschwindende oder schon Verlorene in den Vordergrund: die Erfahrungen derjenigen, die der Judenvernichtung entkommen sind. Nicht zufällig ist das Buch dem großen ungarischen Schriftsteller Imre Kertesz und seiner Frau Magda gewidmet, mit denen Yasmina Reza befreundet war. Das Wissen der letzten Generation der Überlebenden und ihr Verlust bilden ein Magnetfeld des Romans.

Die verquasselte Familie Popper steht vor einer Frage, die unausgesprochen bleibt: Was machen wir aus unserem Leben, wenn unsere Vorfahren der radikalen Negation des Lebens entronnen sind?

Reise nach Auschwitz

Es ist eine Reise zur Gedenkstätte des Vernichtungslagers Auschwitz Birkenau, in der die Geschwister für Momente zueinander finden. Gedrängt von der dritten Generation, von Serges Tochter Joséphine, setzen sich die Poppers der Topographie des Todes aus. Dabei stellt Reza ihren Roman in die Tradition von Claude Lanzmanns monumentalem Dokumentarfilm "Shoah".

Schon als Lanzmann Anfang der achtziger Jahre in Polen drehte, verriet und verbarg das Rauschen der Bäume mehr, als die Zeitzeugen erzählen konnten. Was sollten die Geschwister Popper heute aus der Lagerlandschaft lernen?

So entwickelt sich dieser schmale Familienroman zu einer Reflexion über Erinnerungskult und die immer weiter in die Vergangenheit rückende Unfassbarkeit der deutschen Vernichtungsmaschinerie. Über die Winzigkeit des Lebens im Konsumkapitalismus, auch über Krankheit, Resignation und Einsamkeit derjenigen, die angeblich "mitten im Leben" stehen. Und über die Sehnsucht nach Familienzugehörigkeit, in der die Sportlichkeit einer Badehose keine Rolle spielt.

Natascha Freundel, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Eckart Nickel: Spitzweg © Piper
Piper

Roman - Eckhart Nickel: "Spitzweg"

Eckhart Nickels Roman "Spitzweg" ist ein Roman über Kunst, darüber, wie man Kunst begreifen, sich ihr anverwandeln kann: ein Kunstwerk eigenen Grades. Es kommt hier natürlich auch Carl Spitzweg vor, aber nur wenig aus dessen Leben.

Bewertung:
Andreas Stichmann: Eine Liebe in Pjöngjang © Rowohlt
Rowohlt

Roman - Andreas Stichmann: "Eine Liebe in Pjöngjang"

Andreas Stichmann, geboren 1983 in Bonn, hat bisher einen Band mit Erzählungen und zwei Romane geschrieben und dafür viel Anerkennung und einige Auszeichnungen erhalten – vor allem für seinen Debütroman "Das große Leuchten". Darin erzählt er von einer Reise durch den Irak und durch die Wüste. Sein neuer, dritter Roman führt noch viel weiter weg: nach Nordkorea.

Bewertung:
Oksana Sabuschko: Schwestern © KLAK
KLAK

Ein Roman in Erzählungen - Oksana Sabuschko: "Schwestern"

"Feldstudien über ukrainischen Sex" – so heißt der Roman, mit dem die Kyjiwer Schriftstellerin Oksana Sabuschko Mitte der 90er Jahre berühmt wurde. Sabuschko, Jahrgang 1960, ist eine starke, schonungslose, eigenwillige Stimme der literarischen Avantgarde der Ukraine. Vielleicht kann man sie eine literarische Psychoanalytikerin der ukrainischen Gesellschaft nennen: Die Traumata der sowjetischen Vergangenheit und Sex als Metapher für Begehren und Gewalt sind ihre Themen. Auch in ihrem Buch "Schwestern. Ein Roman in Erzählungen", aus dem Ukrainischen übersetzt von Alexander Kratochvil, erschienen im kleinen Berliner Klak-Verlag.

Bewertung: