Christa Mayer: Meine Mutter, meine Schwester und ich © Hartmann Books
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Fotoband - Christa Mayer: "Meine Mutter, meine Schwester und ich"

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Als vor wenigen Jahren mit einer großen Übersichtsausstellung in Berlin an die bundesweit einflussreiche Kreuzberger "Werkstatt für Photographie" erinnert wurde, da rückte auch eine Fotografin wieder in den Fokus, die dort ihre Ausbildung erhielt, aber weiterhin ihrem Beruf als klinische Psychologin nachgegangen war: Christa Mayer. Bekannt wurde sie durch Aufnahmen aus der geschlossenen Langzeitpsychiatrie. Jetzt, mit 77 Jahren, veröffentlichte sie ihren ersten Fotoband.

Mutter, Kind, Geschwister: Familiäre Beziehungen prägen uns fürs Leben. Und wer Familienalben durchblättert, sucht gern nach Ähnlichkeiten, nach Mustern. Die Aufnahmen in Christa Mayers erstem Fotoband dagegen offenbaren zunächst mal große Verschiedenheit.

Verschiedenheit statt Ähnlichkeiten

Man sieht eine alte Frau, eine Nonne und die Fotografin selbst und wäre da nicht der Titel, "Meine Mutter, meine Schwester und ich" und einige Texte, die den biografischen Hintergrund aufhellen, man könnte sich über die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den drei Frauen nicht sicher sein. Ein einziges Foto, das Titelbild, bringt zwei von ihnen zusammen: Irgendwo draußen, der Kleidung nach im Sommer aufgenommen: Christa Mayer und vor ihr ihre alte Mutter, ungefähr einen Kopf kleiner. Beide stehen frontal zur Kamera, beide haben einen Arm in die Seite gestützt, nur jeweils den anderen.

Allein hier kommt mal Familienähnlichkeit ins Spiel. Alle anderen Fotografien konzentrieren sich auf jeweils eine der Frauen – und natürlich den Blick, den die Fotografin auf Mutter, Schwester und sich selbst wirft. Und auch wenn fast alle Bilder schwarzweiß sind – sie sind von höchst unterschiedlicher Art.

Wer ist das?

Viel mehr als ihre Ordenstracht ist von Christa Mayers Schwester, die Nonne geworden ist, nicht zu sehen. Durchaus aus der Nähe, aber fast ausschließlich von hinten, zeigen die Fotografien sie, wie sie zum Beispiel am Meer steht, ihr Habit eine Landschaft aus vertikalen Falten gegenüber den sanften horizontalen Wellen des Meeres.

Ein einziges Foto zeigt sie von vorn, allerdings so in Bewegung, so verwischt, dass sie auch da nicht greifbar wird, eine Unbekannte bleibt. Ihre Mutter dagegen hat die Fotografin fast nur von vorn, als Gegenüber, festgehalten. Der Fokus liegt immer auf ihrem Gesicht.

Besonders eindrucksvoll ist eine Serie aus den 80er Jahren: Die Mutter sitzt im Unterrock am Tisch, vor einem Spiegel. An einer Standuhr im Hintergrund ist abzulesen, dass diese gesamte Sequenz sich über einen Zeitraum von rund 20 Minuten erstreckt, in denen die Mutter sich frisiert, die zurückgesteckten, langen weißen Haare öffnet, kämmt. Immer mehr wirkt dieser Vorgang wie ein Kampf, wie eine Choreografie. Die Belichtungszeit ist so gewählt, dass immer mehr Unschärfe in die Bilder kommt, die Gestalt der Mutter sich quasi"'auflöst", wie ein Geist erscheint.

Auch Mayers Selbstporträts – allesamt in den 1980er Jahren entstanden – stellen Identität nicht vor, sondern befragen sie. Mit einer Kleinbildkamera etwa fotografiert sie sich buchstäblich am ausgestreckten Arm, wie jemand der ein inneres Bild von sich mit dem äußeren abgleichen will. Der teilweise geöffnete Mund verstärkt diesen dialogischen Eindruck noch: Als würde sie, das Subjekt, mit dem Objektiv sprechen.

Beseelung

Wichtig für die Komposition des Buches (und als Fingerzeig auf die Absichten der Fotografin) sind zwei weitere Motivgruppen: Zum einen Landschaftsaufnahmen – Bäume in einem Wald mit schneebedecktem Boden als "Prolog" für die Bilder der Schwester – zum anderen ein Stillleben, eine weiße Porzellanfigur, die Christa Mayer herauslöst aus einer Ansammlung anderer Gegenstände auf einer Anrichte. Je nach Blickwinkel und Beleuchtung erscheint das kitschige Figürchen – ein Mädchen mit wehendem Haar und Röckchen, das mit einem ebenso schlanken, ungestümen Hund davon zu springen scheint - immer wieder anders, filmisch fast und "beseelt".

Je länger man hinsieht

Christa Mayer zeigt sich in diesem Buch als Fotografin, die ohne Inszenierung auskommt und den Blick der Kamera dafür einfach geduldig und wiederholt auf nur vermeintlich immer dasselbe richtet: Ganz wenige Motive, denen sie aber viele Facetten abgewinnt. Ihre Bilder benötigen Zeit. Sie gewinnen, je länger man sie ansieht. Dass man dabei auch anfängt, über Rollen im Leben und das Wesen von Beziehungen nachzudenken, geschieht ganz automatisch.

Silke Hennig, rbbKultur

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