Helene Hegemann: Schlachtensee © Kiepenheuer & Witsch
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Stories - Helene Hegemann: "Schlachtensee"

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Seit ihrem gefeierten Debüt "Axolotl Roadkill" im Jahr 2010 gilt Helene Hegemann als Jungstar der deutschen Literatur. Damals war sie grade mal 18 Jahre alt, nur wenig älter als ihre Protagonistin, die in einer Berliner WG lebte, viele Drogen nahm und die Techno-Clubs der Stadt besuchte. Inzwischen ist Helene Hegemann 30 und auch die Figuren in ihrem neuen Buch sind mit ihr entsprechend gealtert. "Schlachtensee" heißt dieser Band mit 15 "Stories".

Am interessantesten sind die Tiere. Fast in jeder der "Stories" von Helene Hegemann tauchen sie auf. Wilde Tiere, sterbende Tiere, tote Tiere. Eine Erzählerin kommt mit einer schrecklichen Augenentzündung von einer Reise nach Russland zurück. Als sie dort in der Wolga badete, schwamm der Kadaver einer Kuh an ihr vorbei, den jemand in den Fluss geworfen hatte, und vielleicht hat diese Begegnung im Wasser die schlimme Entzündung ausgelöst. Sie markiert zugleich das Ende einer Beziehungsverwicklung, die in Rückblenden erzählt wird. Die junge Frau ist mit einem sehr viel älteren Griechen verheiratet, zugleich mit einem russischen Oligarchen verbandelt, liebt aber eigentlich Frauen, was in der Kombination ein eher unübersichtliches Drei-, Vier- oder Fünfecksverhältnis ergibt. Da kann sogar eine tote Kuh die Rettung sein.

Von Blesshühnern, Wildschweinen und Pfauen

In einer anderen Geschichte, in der der 19-jährige Minute den 27-jährigen Drogendealer und Hausbesitzer Dustin lieben möchte, geht es zunächst um ein Blesshuhn, das sich mit einem geschwollenen und schwarz angelaufenen Bein im Schilf versteckt und gerettet werden muss. Doch die Menschen, die sich auf ihren drogengestützten Partys ziemlich umstandslos berühren, haben eine seltsame Scheu, das Tierchen anzufassen. Tiere sind das Fremde, das Unbekannte, dem sie ohne jedes Verständnis gegenüberstehen. Tiere sind auf eine direkte, erschreckende Art und Weise lebendig, so wie auch die Wildschweinrotte, die Dustin und Minute bedrohlich umringt. Die Menschen hingegen sprechen bei der Suppe und nach der Einnahme von Ecstasy über serbische Scharfschützen in Sarajevo, die dort während des Krieges Frauen und Kinder an der Wasserstelle abgeschossen haben.

Und dann ist da noch die "Pfauengeschichte". Da berichten Bekannte in den USA von ihrem seltsamen Nachbarn, der einen wilden Pfau auf seinem Grundstück mit einem einzigen Schlag mit dem Golfschläger getötet habe. Die Bekannten, die sich darüber moralisch empören, haben ihrerseits Probleme mit ihren Hühnern. In ihrer Ahnungslosigkeit haben sie vier Hähne gekauft und ins Hühnerhaus gesetzt, so dass die sich gegenseitig umbrachten und die Hennen in Panik auseinanderstoben. Die damit transportierte Kritik an wohlfeiler Moral und alternativem Lebensstil ist billig, die Geschichte ist aber trotzdem gut.

Porträt der jüngeren Generation, die ratlos um sich selber kreiselt

Ähnlich wie im Hühnerstall geht es auch im Leben all der Protagonistinnen und Protagonisten der Stories zu, die andeutungsweise miteinander verlinkt sind. Randfiguren einer Geschichte werden zu Ich-Erzählerinnen einer anderen. In der Summe entsteht das Porträt der jüngeren Generation der 20-, 30-Jährigen, die allesamt ratlos um sich selber kreiseln. Zukunftsfragen, Politik und Gesellschaft spielen keine Rolle bei diesem Versinken in sich selbst und im eigenen, mit Zynismus nur notdürftig kaschiertem Weltschmerz, den auch Drogen nicht lindern können.

Hegemann zeichnet ein verzweiflungsvolles Bild, das wenig Hoffnung lässt

Helene Hegemann zeichnet ein verzweiflungsvolles Bild, das wenig Hoffnung lässt. Symptomatisch für die allgemeine Orientierungslosigkeit ist die junge, schwer angeschlagene Frau, die mit dem Zug ihr Heimatdorf in den österreichischen Alpen erreichen möchte, aber immer wieder einschläft und den Ausstieg verpasst. Mehrfach fährt sie hin und her, ohne je anzukommen: Eine Odyssee auf der Stelle, die ins Nirvana der eigenen Träume führt.

Die Ich-Form gibt die "Lizenz zum Labern"

Die meisten Geschichten sind in der Ich-Form erzählt. Die Ich-Form gibt die Lizenz zum Labern. Alles was Hegemanns Figuren durch den Kopf geht, tragen sie auch vor. Das ist sprachlich kraftvoll, häufig originell, muss aber nicht stringent sein oder gar ein Thema haben. Chronologie und narrative Struktur sind nicht erwünscht. Das macht die Lektüre mühsam, denn es ist wenig ergiebig, diese zersplitterten Bewusstseinsprotokolle in alle Verästelungen des Irrsinns nachzuvollziehen.

Das weiß Helene Hegemann natürlich auch und hat deshalb einer ihrer Erzählstimmen eine militante Poetik in den Mund gelegt. Das Leben sei nun mal genau wie diese Monologe: nicht linear, willkürlich, unübersichtlich, und wem das nicht passe, der möge halt amerikanische Konfektionsware lesen und erst dann wiederkommen, nachdem er "ein paar Wochen lang zur Hälfte gehäutet und in Ketten gelegt fast verhungert wäre."

Schmerzempfänglichkeit ist Pflicht

Wer bei Helene Hegemann bleibt, muss es schon aushalten, mit einer dieser Ich-Figuren im Dunkeln auf den Putz zu starren und den Fingernagel in eine entzündete Talgdrüse am Nasenflügel zu graben. Schmerzempfänglichkeit ist Pflicht in diesen Stories, die das Unkonventionelle, Ungebundene, Unzugehörige feiern, deren Figuren sich aber genau darin und in der eigenen Langeweile und Ziellosigkeit auf merkwürdige Weise ähneln.

Jörg Magenau, rbbKultur

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